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Undercover-Recherche bei KlimaleugnerInnen: „Vermeintliches Unrecht spielt eine große Rolle“

@ Ivo Mayr

@Ivo Mayr

Katarina Huth arbeitet als Journalistin mit dem Schwerpunkt Klimawandel beim gemeinnützigen Rechercheverband Correctiv. Im vergangenen Jahr nahm sie mit ihrem Kollegen Jean Peters undercover an einer EIKE-Konferenz teil, um herauszufinden, wie sich Klimawandelleugner*innen international organisieren. Denn EIKE – die Abkürzung steht für Europäisches Institut für Klima & Energie e.V. – ist entgegen des Namens kein Institut, sondern ein Verein, in dem sich Personen zusammenschließen, die die Verantwortung des Menschen an der Erderwärmung abstreiten und Klimapolitik als Betrug an der Bevölkerung ansehen. Auch den Gegengipfel zur Weltklimakonferenz in Madrid besuchten Huth und Peters im Rahmen ihrer Recherche.

Im Interview mit 42 spricht Katarina Huth über ihre Recherche und den Umgang mit Klimawandelleugner*innen. Die vollständige Correctiv-Berichterstattung findet ihr hier

Frau Huth, Sie befassen sich täglich mit dem Klimawandel, das ist Ihr Berufsfeld. Wie fühlt es sich an, Teil einer Konferenz zu sein, bei der manche Teilnehmer*innen die bloße Existenz des Klimawandels abstreiten?

Es war natürlich aufregend und spannend zu sehen, wie so eine Konferenz abläuft. Gleichzeitig hatten wir natürlich auch die Sorge, dass unsere Coverstory auffliegen könnte und unsere Recherche dahin ist. 

Bei den Konferenzen in München und Madrid konnten wir beobachten, dass sich die Teilnehmer*innen in ihren eigenen Filterblasen befanden: Es wurde auffällig viel über CO2 gesprochen – selbst in den Pausen. Zum Beispiel beugte sich ein Mann zu mir rüber und meinte, dass Gott schließlich CO2 erschaffen habe und es deswegen so schlecht gar nicht sein könne. 

@ Frontal 21

(Katarina Huth und Jean Peters getarnt als PR-Berater, Copyright: Frontal 21) 

Interessant war außerdem die Wortwahl der Teilnehmer*innen: Sie selbst bezeichneten sich als Klimaskeptiker*innen – oder realist*innen und die Gegenseite zum Beispiel Klimaaktivist*innen oder Klimaforscher*innen als Alarmist*innen. Sie bezeichneten die Klimapolitik der Bundesregierung als radikal. Das sehe ich anders… 

Was für Menschen nehmen denn an solchen Konferenzen teil?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt unterschiedliche Abstufungen, was das Abstreiten des menschengemachten Klimawandels angeht. Manche leugnen, dass es den Klimawandel überhaupt gibt, andere hingegen bezweifeln, dass Menschen darauf Einfluss ausüben könnten. Und andere geben sogar zu, dass der Mensch Einfluss habe, behaupten aber, dass die aktuellen Entwicklungen ungefährlich seien. 

Einige der Teilnehmer*innen haben eine klare wirtschaftliche und politische Agenda, wie zum Beispiel James Taylor vom Heartland Institute*. Für die ist es ein Business, Zweifel zu säen.

Generell fiel ich als junge Frau auf den Konferenzen auf. Ich habe vor allem alte und weiße Männer gesehen. Der Frauenanteil auf der Konferenz von EIKE in München lag bei fünf Prozent. 

Welche Motivationen stecken dahinter? Glauben die Klimawandelleugner*innen tatsächlich, dass der Klimawandel eine Lüge ist, oder verbreiten sie die Falschinformationen aus taktischen Gründen?

Darüber eine Aussage zu machen, ist schwierig. Ich kann nicht in die Köpfe von anderen Menschen schauen. Das Problem dabei ist auch, dass Lobbyarbeit nie transparent und einsehbar ist. In den USA ist das Business der Einflussnahme auf Klimathemen besser organisiert als in Deutschland, dort gibt es große Thinktanks und millionenschwere Lobby-Organisationen wie das Heartland Institute oder die Heritage Foundation. In Deutschland ist die Szene nicht so stark aufgestellt. Ich empfehle zu dem Thema das Buch Die Klimaschmutzlobby“ von Annika Joeres und Susanne Götze. Es gibt eine spannende Übersicht, mit welchen Strategien, Netzwerken und Argumenten Klimaschutz-Bremser*innen vorgehen. 

Im Gegensatz zu den Geschäftsmännern des Heartland Instituts wollen manche Menschen sicherlich die Klimakrise einfach nicht wahrhaben oder informieren sich einseitig. Die Klimakrise ist vielschichtig und beängstigend, das ist natürlich auch psychisch und emotional schwierig. Das verstehe ich auch. Da ist es leichter, zu sagen: „So schlimm wirds schon nicht“, oder: „Mich wird es schon nicht treffen“. Das Phänomen der Risikowahrnehmung ist weit verbreitet, da werden unbedeutende Ereignisse in ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit häufig überschätzt und große wichtige Sachen unterschätzt. Das passiert auch häufig bei Krankheiten. 

Also spielt auch Angst eine zentrale Rolle?

Ja, das ist auch ein Grund, weshalb der Klimawandel gerade auch für populistische Politik häufig benutzt wird. Man kann damit echt Stimmung machen, indem das Gefühl vermittelt wird, jemand möchte dir etwas wegnehmen.

Woran kann ich denn die typische Sprache der Klimawandelleugner*innen erkennen?

Die Sprache ist häufig sehr emotionalisierend, die Überschriften sind reißerisch und der Unterschied zwischen Meinung und Information schwer ersichtlich. Außerdem wird häufig ein konkretes Feindbild gezeichnet, die Welt weiß-schwarz gesehen. Darüber hinaus spielt vermeintliches Unrecht eine große Rolle: Jemand möchte mir meine Rechte wie Autofahren oder Fleisch essen wegnehmen. 

Einzelne Erfahrungen wie: „Aber bei mir regnet es viel“ oder „Im Winter hat es doch total viel geschneit“ werden verallgemeinert und als Beweise gegen den Klimawandel herangezogen. Bei Klima-Falschmeldungen wird oft ein vielleicht wahrer Kern aus dem Zusammenhang gerissen, verkürzt und vereinfacht dargestellt. Das Szenario über CO2 und den Düngeeffekt ist dafür ein typisches Beispiel.

Und was kann man dieser Sprache entgegensetzen?

Wenn man in einer Diskussion oder Gespräch mit  Familienmitgliedern oder Freund*innen mit zweifelhaften Aussagen in Kontakt kommt, dann kann man sich zusammensetzen und gemeinsam die Quellen recherchieren. Woher stammen diese Informationen? Findet ihr weitere Belege, um diese Aussage zu stärken oder zu entkräften? Das kann helfen, wenn es nur um einzelne falsche Thesen geht. Da kann die Meinung noch verändert werden, darum geht es. Bei ganzen Verschwörungsideologien helfen solche Gespräche meistens leider nicht mehr. 

Auf Social Media sollte ich mich selbst in die Verantwortung nehmen und zum Beispiel nicht einfach etwas Zweifelhaftes auf Facebook teilen, wenn ich nicht weiß, wer die Quelle ist. Steht zum Beispiel hinter der Aussage eine Privatperson von Youtube oder eine Institution? Ob eine Webseite seriös ist, erkennt man  eventuell an einem Impressum. 

Oft führt fehlende Medienkompetenz zur schnellen Verbreitung von Falschinformationen auf Social Media. Um sich in Sachen Recherche und Falschinformationen weiter zu informieren, kann man Kurse und Workshops in der Reporterfabrik von Correctiv belegen. 

 

@Ivo Mayr

Katarina Huth gehört zur Klimaredaktion des gemeinnützigen Rechercheverbunds Correctiv. Bevor sie ihr Volontariat begann, war sie im Bereich der Medienarbeit tätig. Sie studierte in Berlin und Valencia Volkswirtschaft studiert.

 

 

*Hintergrund zur Recherche:

Da die Fronten für eine Presseakkreditierung zu verhärtet waren, recherchierten die Journalist*innen verdeckt auf der EIKE-Konferenz. Getarnt als PR-Berater*innen kamen die beiden Journalist*innen unter anderem mit James Taylor ins Gespräch, dem Direktor für Klimapolitik vom Heartland Institute – einer amerikanischen Denkfabrik für Klimawandelleugner*innen. Davor versuchte das Institut, in verschiedenen Kampagnen zu beweisen, dass Rauchen ungefährlich sei. Aktuell tritt die Lobby-Organisation gegen strenge Regeln zur Bekämpfung des Corona-Virus ein. 

Die Undercover-Recherche funktionierte: Die Journalist*innen immer noch getarnt als PR-Berater*innen wurden zum Gegengipfel zur offiziellen COP25, der Weltklimakonferenz im Dezember 2019, in Madrid eingeladen. Dort bot Taylor ihnen an, eine Kampagne gegen Umweltschutz in Deutschland zu initiieren, gegen eine vermeintlich anonyme Spende aus der deutschen Autoindustrie über den Donors Trust. Später verschriftlichte er sein Angebot – der Beweis schwarz auf weiß.

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