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The 42 best reasons to cast your vote this EU-election

 

All the posters and campaign ads have notified you for weeks, but now it is actually happening: the 2019 European elections kicked off yesterday. While the Spitzenkandidaten are still campaigning in several European countries, we already know the result in the Netherlands. On Sunday, it is Germany’s turn and our 42_deepthought blog team, too, will go to the polls. As passionate Europeans, we thought of our 42 favorite reasons, why you could join us. What is your motivation for casting your vote these days? Get in touch and tell us about them via twitter, instagram or facebook.

 

  1. You make the difference.
  2. It is just a simple cost-benefit calculation.
  3. It’s a small cross for you, a giant leap for… Well, you know.   
  4. Btw. refusing to vote out of protest is not really a thing. There is no record of it.
  5. Voting is a privilege, not a burden. We are all damn lucky to have the right to vote.
  6. Every vote counts. EVERY. SINGLE. ONE
  7. So: Make election turnout great again!
  8. Democracy, like the European project, is not inviolable and sadly, not everybody is as big of a fan as you are.
  9. A quick crossword to remind you: One Word, six letters and it starts with a b.
  10. We are Europe. One for all and all for one. All passionate musketeers to the polls!
  11. Don’t let history repeat itself.
  12. And speaking of privileges: care about all those freedoms and advantages that the European project brought to your daily life? Go vote and support their continuation and progress.
  13. I mean, who needs borders? Travelling without a passport is way more chill.
  14. Fill out a ton of paperwork or even be restricted from working in another country?
  15. So make your cross and do not give others the right to make political decisions without taking your opinion into account.
  16. Those who engage in political discourse can bring about change.
  17. I mean, you are asked to give your opinion. On politics. And people are actually interested in what you think.
  18. Make use of your right to freedom of expression!
  19. The amount of different parties to choose from is super impressive. There is something to choose from for everybody.
  20. You determine EU politics for the next five years. No pressure.
  21. Only those who participated in voting can later have access to (the slippery and rocky road of) moral high ground where they get to criticize the administration.  
  22. To reference another US election campaign: Yes, we VOTE!
  23. Europe equals liberty.
  24. For those who vote via mail (at least in Germany): finally a really cool letter will arrive at your mailbox besides all the bills and ads. And you will send a fancy red letter off.
  25. You know, there is a fair chance it might turn into a howler if you don’t use it to cast your vote…
  26. Finally, something you can easily mark off your to-do list.
  27. Also drawing crosses is fun.
  28. Karma. Nobody wants to be reborn as a cockroach.
  29. (And yes,) going to the polls this election Sunday will actually count as physical exercise. So get those steps in!
  30. Maybe it’ll be a sunny day. Even more reason to treat yourself for ice cream after you successfully cast your vote.
  31. It is definitely the absolute best reason to feel good about yourself and spent the rest of the day in bed and chill.
  32. Or if you are interested, go watch how volunteers count the votes after 6 pm on Sunday. It’s a public vote
  33. Maybe you meet your true love when going to the polls: take your chances.
  34. It is the best way to express your discontent.
  35. But you can also show your support for a party’s policies.
  36. There is no minimum of votes for parties to enter the European Parliament. You might make the difference to secure seats for one of the many small parties up for election.
  37. Voting for Europe is a pretty elegant way to stop nationalist and eurosceptic influences. You won’t let them decide the fate of Europe.
  38. Did I mention BREXIT?! Democracy survives on the engagement of its citizens, people – so get involved.
  39. The European Parliament is the only directly and democratically elected body of the European Union. Support European democracy with your vote.
  40. If you live in your hometown, this is your chance to stop by your old school. 
  41. How about an election party afterwards? We are all in!
  42. And finally: Just because!

 

Gianis Varoufakis im 42-Gespräch zur Europawahl

Foto: Arton Krasniqi

Gianis Varoufakis und die EU haben ein gespaltenes Verhältnis zueinander. Als griechischer Finanzminister war er 2015 ein strikter Gegner der Sparmaßnahmen gegen das Mittelmeerland. Heute tritt er für eine pro-europäische transnationale Partei bei der Europawahl an – und will die EU-Insitutionen radikal reformieren. Im Interview spricht er über seine Pläne für Europa, übers Sparen und Reparationsforderungen.

Herr Varoufakis. 2015 waren Sie griechischer Finanzminister für die regierende Syriza-Partei. Bei dieser Europawahl kandidieren Sie nun in Deutschland für „Demokratie in Europa – DiEM 25“. Wie ist es dazu gekommen?

Europa befindet sich seit der Finanzkrise im Jahr 2008 in einem Prozess der Fragmentierung. Heute gewinnt in Deutschland die AfD an Einfluss, Frankreich ist erstarrt, Italien befindet sich im Griff des Neofaschisten Matteo Salvini. Ich habe schon lange vor dieser Entwicklung gewarnt. Nur deshalb bin ich in die Politik gegangen. Auch wenn es damals nicht so dargestellt wurde: Ich habe mich immer dafür eingesetzt, Europa wieder zu vereinen. Ich hätte nie um etwas für Griechenland gebeten, das nicht gut für Europa ist. Solange wir nicht anfangen, an unsere gemeinsamen Vorteile zu denken und die Austeritätspolitik  stoppen, werden wir politische Monster füttern. Wir müssen die Fragmentierung bekämpfen.

Aber wieso treten Sie ausgerechnet in Deutschland an?

Weil es mir die Möglichkeit gibt, etwas klarzustellen, was ich schon seit mehr als einem Jahrzehnt sage: Es ist eine Tragödie, dass die europäische Krise ein stolzes Land gegen das andere aufbringen konnte. Dass sie uns glauben lässt, dass es einen Gegensatz zwischen Griechen und Deutschen, zwischen Nord und Süd, West und Ost gibt. Wir wollen den Menschen mit unserem transnationalen Bündnis zeigen: Es gibt keinen Gegensatz zwischen Norden und Süden, sondern zwischen progressiver Politik und einer großen Bandbreite an Autoritarismus – zum Beispiel der Troika und den Salvinis.

Sie haben mit DiEM 25 eine pro-europäische Bewegung geschaffen. Gleichzeitig sprechen Sie aber davon, die EU-Institutionen „zu übernehmen“ und radikal zu reformieren. Wie passt das zusammen?

Es ist der logische Ansatz. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist – aber wenn ich mit meiner Regierung nicht einverstanden bin, sehe ich es als meine Pflicht, mich ihr entgegenzustellen. Das macht aus mir aber nichts anderes als einen Patrioten. Genauso ist es mit Europa. Wenn du es so liebst wie wir, dann musst du dich denen entgegenstellen, die es beschädigen. Das sind zum Beispiel die Euro-Gruppe und die Europäische Zentralbank, die für 2,7 Milliarden Euro Staatsanleihen kauft und sie nicht für Investitionen in bessere Jobs und eine grüne Zukunft einsetzt.

Wie sieht ihr perfektes Europa der Zukunft aus?

Wenn ich die Macht hätte, das Europa von 2050 zu gestalten, wäre es eine demokratische Föderation. Die Frage der Souveränität ist dabei eine, die wir sehr ernst nehmen müssen. Meine Kritik an der Diskussion um dieses Thema – mehr Europa, weniger Europa – ist, dass sie auf einer falschen Annahme beruht. Sie wird als Nullsummenspiel, als Krieg geführt. Mehr Europa oder mehr Staat. Das ist falsch. Im Moment haben wir Staaten, die souverän sein sollen, es aber eigentlich nicht sind, weil wichtige Entscheidungen von unseren nationalen Parlamenten an die EU übertragen werden. Die ist aber eine demokratiefreie Zone und besitzt keinerlei demokratische Souveränität.

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir die Eurogruppe: Ich saß dort mit dem Mandat der griechischen Bürger. Wolfgang Schäuble sagte damals völlig zurecht, dass auch er ein Mandat hat, nämlich das der Deutschen. Wenn sich Mandate aber gegenseitig aufheben, haben wir weder souveräne Mitgliedsstaaten noch eine souveräne EU. Wir bei DiEM 25 schlagen vor, europäische Lösungen zu schaffen. Ich wünsche mir ein demokratisches Europa, in dem unsere Uneinigkeit auf unseren Ideologien beruht und nicht darauf, dass wir Deutsch oder Griechisch reden.

Im Moment kann das aber oft noch den Unterschied machen. Wie beurteilen Sie die griechischen Reparationsforderungen gegen Deutschland?

Das ist ein schwieriges Thema. Als ich das erste Mal im Finanzministerium in Berlin war, sagte man dort sehr unhöflich zu mir: „Wann bekommen wir unser Geld zurück? Schulden sind Schulden.“ Da ist es für Griechen, deren Familien durch die Nazis zerstört wurden, zu sagen: Wenn Schulden gleich Schulden sind, dann schuldest du mir auch etwas. Hinzu kommt, neben den Reparationsforderungen, der erzwungene Kredit der Bank von Griechenland an die Wehrmacht 1942. Davon existiert sogar noch eine Kreditvereinbarung.

Aber das alles führt nur zu gegenseitigen Anschuldigungen, die uns nicht weiterhelfen. Ich denke nicht, dass junge Deutsche mit Schulden gegenüber den Griechen leben sollten und genauso wenig glaube ich, dass es gerecht ist, wenn junge Griechen ihr Land verlassen müssen. Ich glaube nicht, dass Schulden heilig sind. Niemand außerhalb von Europa glaubt das. Wären Schulden heilig, gäbe es keinen Kapitalismus. Er funktioniert nur, weil es das Prinzip der begrenzten Haftung gibt. Lasst uns unsere gegenseitigen Schulden auslöschen und nach vorneschauen.

2015 haben Sie sich gegen das Reformpaket der EU für Griechenland ausgesprochen. Wo wäre das Land heute, wenn Sie sich durchgesetzt hätten? 

Es würde Griechenland in jeder Hinsicht besser gehen. Ich habe damals zusammen mit anderen internationalen Experten die offensichtliche Lösung vorgeschlagen: nämlich die griechischen Schulden zu restrukturieren. Es war meine Pflicht, Nein zu sagen. Und alles, was aus diesem Nein hätte werden können, wäre besser als das, was wir jetzt haben. Selbst ein Grexit hätte zwar für ein paar Monate enorme Kosten gehabt, dafür würde die griechische Wirtschaft heute wieder um acht Prozent wachsen und das Land wäre schuldenfrei. Heute feiern sie in Griechenland das Ende der Krise. Aber der einzige Grund, wieso die Arbeitslosigkeit sinkt ist, dass die Leute das Land verlassen. Das ist doch absurd: Du vernichtest ein Land und dann feierst du, dass es keine Arbeitslosigkeit gibt.

Wir sprechen in Europa gerade viel über Rechtspopulisten. Sind Sie das Äquivalent der Linken?

Wenn jemand sagt, dass ich ein linker Populist bin, empfinde ich das als logischen Fehler und Beleidigung. Populismus ist für mich per Definition rechts. Ein Populist ist ein Politiker, der den Schmerz und Ärger der Menschen ausnutzt, um an die Macht zu kommen. Er hetzt eine Kultur gegen die andere auf, ein Land gegen das andere. Sobald er an der Macht ist, verbindet er ein autoritäres Regierungssystem mit ein wenig Menschenfreundlichkeit.

Jeder Linke, der das aufgreift, ist nicht links. DiEM 25 ist nicht populistisch – wir sind das größte Gegengift. In der Migrationsfrage sagen wir zum Beispiel: Lasst die Leute kommen, wir finden eine Lösung. Das ist nicht populistisch, weil es uns wirklich nicht mehr Wähler beschafft.

Ein weiteres transnationales Bündnis, das bei dieser Europawahl antritt, ist Volt. Was halten Sie von der Partei?

Als wir gehört haben, dass Volt gegründet wurde, haben wir uns gefreut. Wir waren das erste transnationale Bündnis – wir wollen mehr von ihnen. Ihr Programm ist allerdings zu allgemein. Bevor wir bei „Demokratie in Europa – DiEM 25“ um die Stimmen der Wähler gebeten haben, haben wir drei Jahre darauf verbracht, die technischen Details unseres Programms auszuarbeiten. Wir sagen nicht nur: Wir wollen ein grünes Europa. Wir sagen, wie viel es kosten soll, wo das Geld herkommt und wie es ausgegeben wird. Volt hat keine solche Politik. Die Partei ist eine leere Hülle.  

Das Interview führten Eliana Berger und Thorsten Breitkopf.
Es erschien zuerst im Kölner Stadt-Anzeiger.

Foto: Arton Krasniqi

Über Gianis Varoufakis

Gianis Varoufakis, 1961 in Athen geboren, ist in Europa am besten bekannt als ehemaliger Finanzminister des griechischen Linksbündnisses Syriza. Er hatte die Position von Januar bis Juli 2015 inne und verhandelte mit der Eurogruppe um Finanzhilfen für Griechenland. Dabei war er ein strikter Gegner der von der EU geforderten Sparmaßnahmen und geriet besonders mit seinem damaligen deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble aneinander. Im Juli 2015 trat er zurück.

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler lehrt an der Universität in Athen. Außerdem ist er Buchautor. 2016 hat Varoufakis die transnationale Bewegung „Democracy in Europe Movement 2015“ (DiEM25) mitgegründet. Bei der Europawahl am 26. Mai kandidiert er für den deutschen Wahlflügel der Bewegung. DiEM25 will die Europäische Union grundlegend reformieren. Die Bewegung setzt sich zum Beispiel für mehr transparentere Institutionen und grüne Energien ein.

 

Welcome to 42’s new blog 42_deepthought

„News. News. News. Brexit, EU elections and the ever new interesting remarks of a certain Washington politician – political news reach us more frequently than just on a daily basis. Every second, every minute brings new coverage to our social media newsfeeds, our preferred online media outlets and via push notification to the touchscreens of our cellphones. We will look beyond that constant flood of information. Discover special in-depth stories, fascinating people and intriguing projects related to 42 Magazine’s topics with us, Neele, Laura, Philipp, and Anna. We are super excited to start this journey with you! If you have any suggestions or ideas, feel free to get in touch with us via Facebook, Twitter or fortytwomagazine.com.“

„News. News. News. Brexit, EU-Wahlen und die immer wieder interessanten Bemerkungen eines gewissen Politikers aus Washington – gesellschaftlich relevante Nachrichten erreichen uns mehrmals am Tag. Jede Sekunde, jede Minute spült neue Inhalte in unsere Social Media Newsfeeds, unsere liebsten Online Informationsquellen und per push Nachricht auf die Bildschirme unserer Smartphones. Gemeinsam mit uns, Neele, Laura, Philipp und Anna, werden wir hinter die konstante Flut aus Informationen schauen, die uns täglich erreicht. Entdecke ungewöhnliche Stories, faszinierende Menschen und Projekte mit Bezug zu den Themen von 42 Magazine. Wir freuen uns sehr auf diese Reise mit euch! Wenn ihr Fragen oder Ideen habt, dann kontaktiert uns gerne via Facebook, Twitter oder fortytwomagazine.com.“

Editorial N° 3

 

Liebe Leserinnen,
Liebe Leser,

 

in nur wenig mehr als einer Sekunde können wir eine E-Mail zum Mond schicken. Bis die Postkarte aus dem Urlaub ankommt, vergeht oft eine Woche. Dies zeigt, wie schnell wir heute kommunizieren können, denn E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten bewegen sich – im Gegensatz zum Postboten – durch elektromagnetische Wellen mit Lichtgeschwindigkeit. Das Internet als Kommunikationstechnologie prägt unseren Alltag: Wir stolpern über Informationen, bevor wir sie in den abendlichen Nachrichten sehen oder morgens in der Zeitung lesen. Doch wer garantiert, dass die Informationsflut, der wir ausgesetzt sind, aus verifizierten Quellen stammt und Sachverhalte in den entsprechenden Kontext eingeordnet sind? Im Gespräch mit 42 fordert der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar eine öffentliche Debatte darüber, wer diesen Überfluss an Informationen filtern sollte. Neben dem Auftaktinterview mit Ranga Yogeshwar zeigen die Experten der insgesamt zehn Interviews auf, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf unsere Gesellschaft hat.

Laut dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz handelt es sich bei der Digitalisierung um eine der drei großen Zäsuren in der Mediengeschichte. Sie hat alle Ebenen erreicht: von Bestellungen aus dem Lieblingsrestaurant per App bis zu internationalen Konfliktaustragungen, die nicht mehr auf dem Boden, sondern im Cyberraum stattfinden. Phänomene der Digitalisierung sind oft weitreichend, aber nicht immer offensichtlich: So betont der Ökonom Philipp Hergovich im 42-Interview die positiven Auswirkungen von Online-Dating. Plattformen wie etwa Tinder, so Hergovich, liberalisieren unsere Gesellschaften, da Menschen aus verschiedenen sozioökonomischen Hintergründen online zusammentreffen.

Auch 42 selbst hat sich digital weiterentwickelt. Seit diesem September sind wir nun unter fortytwomagazine.com zu finden. Diese neue Website verdanken wir unserem neuen Webmaster Frederik Junge. Neben Frederik begrüßen wir außerdem unsere neue Übersetzungsleiterin Eva Fürst sowie unsere Pressereferentin Judith Ponwitz, die das internationale 42-Team tatkräftig unterstützen. Dank der aktuellen Künstlerkooperation dürfen wir die Werke des Fotokünstlers Max Dauven präsentieren, die vorgeben, digital zu sein, jedoch in der Dunkelkammer mithilfe von analogen Verfahren wie der Negativmontage entwickelt wurden. So verknüpfen seine Bilder die digitale mit der analogen Welt und erinnern damit an den Spagat, den unser Alltag oft erfordert.

Ich wünsche Ihnen und Euch viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Lesen von 42.

Herzlichst,

Editorial Digitalisierung

Chefredakteurin 42 Magazine

 

Covergestaltung: Louis Lehmann

0 1 #2 Detail © Max Dauven

„Selbst der beste Akademiker, der kritischste Journalist ist manipulierbar.“

0 1 #2 Detail © Max Dauven

Selektive Wahrnehmung: Wer weiß was im digitalen Zeitalter?

 

Wie unterscheiden wir Relevantes von Irrelevantem? Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar spricht im 42-Interview über den Überfluss an Informationen und warum es wichtig ist, diesen zu filtern. Neben seiner Forderung, Algorithmen offenzulegen, weist er auf die positiven Seiten der Digitalisierung hin und ermutigt, die Früchte der Digitalisierung nicht nur für ökonomische Zwecke zu nutzen.

Herr Yogeshwar – als Physiker und Wissenschaftsjournalist befinden Sie sich oftmals an der Quelle von Forschung und Innovation. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, mit welcher Kraft die Digitalisierung unser Leben verändern wird?

Ich habe sehr früh angefangen zu programmieren. Ende der siebziger Jahre baute ich meinen ersten Computer. Ich glaube, ich war einer der ersten in Deutschland, der E-Mails schreiben konnte. Das große Problem damals war, dass kaum jemand einen E-Mail-Account hatte. Damals wurde mir klar, dass das Internet die Grammatik der Kommunikation verändert wird.

Erleben wir momentan also eine Revolution?

Wir erleben den Anfang einer Revolution, deren Konsequenzen zum Teil noch nicht absehbar sind. Als der Buchdruck erfunden wurde, war man plötzlich in der Lage, Kommunikation zu vervielfältigten. Im Grunde genommen machte das erst die Reformation von Martin Luther möglich. Ohne Druckerpresse hätte es sie in dieser Form nicht gegeben. Als das Internet kam, war es daher überhaupt nicht überraschend, dass diese neue Kommunikationstechnologie ein riesiges Potential hat, das Miteinander in einer Gesellschaft zu verändern.

An welche Veränderung denken Sie konkret?

Ein einfaches Beispiel: Wir führen gemeinsam ein Interview, dieses Interview wird am Ende schriftlich erscheinen. Ob das in 15 Jahren noch so sein wird, ist unsicher, weil es schon heute Technologie in Form von intelligenten Assistenten gibt, die Sprache direkt als Input nehmen, nicht mehr den geschriebenen Text. Am Buchmarkt erleben wir, dass Hörbücher gelesenen Büchern Konkurrenz machen. Wenn Menschen heute ein Bedienungsproblem haben und sie eine Anleitung brauchen, schauen sie sich YouTube-Videos an. Es ist also durchaus denkbar, so unglaublich es klingt, dass wir uns hin zu einer Post-Textgesellschaft bewegen, wir vielleicht in 20 bis 30 Jahren eine Kultur etablieren, in der das geschriebene Wort in der Form, wie wir es heute kennen, ersetzt wird – durch Sprache, durch Videos, vielleicht durch etwas Anderes.

 

„Kommunikation ist mehr als ein Geschäftsmodell“

 

Geht der Gedanke an eine Post-Textgesellschaft, an eine Kultur ohne Text und Schrift, nicht etwas weit?

Er geht sehr weit. Darüber nachzudenken hat aber wichtiges Potential: Weil wir zum Beispiel merken, dass in einer zunehmend komplexen Welt die Schnittstelle des sogenannten Mensch-Maschinen-Interface immer einfacher gestaltet wird. Beim ersten Telefon brauchte man für die Bedienung eine Betriebsanleitung. Heute sind Bedienoberflächen intuitiv konzipiert und in der Lage, uns in gewisser Weise eine virtuelle Grammatik zu offenbaren. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich dieser Trend in Zukunft verstärken wird.

Was bedeutet das für das Individuum?

Das hat natürlich intellektuelle Konsequenzen. Die Entwicklung der Sprache, die geschriebene und gelesene Sprache, war das Instrument der Aufklärung. Wer schreibt, arbeitet auch an einem gewissen Destillationsprozess der Gedanken, die sich beim Schreiben sortieren. Das Schreiben ist ein Vehikel – nicht nur der Kommunikation, sondern auch der Reflexion. Was passiert, wenn in ein paar Jahren eine große Mehrheit der Menschen nicht mehr liest, sondern Videos guckt oder mit Apparaten redet, ist nicht abzusehen.

Welche Auswirkungen könnte diese Entwicklung denn auf die Gesellschaft haben?

Einerseits ist die Artikulation des Einzelnen in Form von Sprache, in Form von geschriebenen Worten, etwas phänomenal Einfaches. Auf der anderen Seite ist es phänomenal kompliziert. Lesen bedeutet, einen Code – Buchstaben –zu dechiffrieren, und das bedeutet eine Menge Arbeit. Es ist viel einfacher, wenn ein Apparat diese Aufgabe übernimmt oder dir jemand ein Video zeigt. Aber Sprache ist Bestandteil einer denkenden Gesellschaft. Möglicherweise werden wir an einigen Stellen eine Renaissance der Schriftsprache sehen. Meine Sorge ist, dass wir irgendwann eine Aufspaltung erleben in eine Gesellschaft, in der ein kleiner Teil schreibt, vielleicht programmiert, vielleicht gestaltet – und ein großer Teil konsumiert, nicht mehr schreibt, sondern nur noch zuhört.

… und nicht mehr denkt?

Und vielleicht anders denkt. Vor 100 Jahren war mehr Information gleichbedeutend mit mehr Demokratie. Das große Thema der Zensur bestand darin, dass man Informationsströme kappte und damit dem Volk Informationen vorenthielt. Das war natürlich nicht gut. Heute aber finden wir fast die Umkehrung dessen, einen Überfluss an Informationen. Das ist ein großer Nachteil, denn dieses „Mehr“ an Information wird zu einem Informationsmeer, zu einem Ozean: Es fällt uns zunehmend schwer, Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden.

 

„Soziale Medien profitieren davon, falsche Dinge zu zeigen“

 

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke in dieser Informationsflut?

Es ist das Geschäftsmodell sozialer Netzwerke, so zu operieren, dass Nutzer möglichst lange in ihrem Ökosystem verweilen und sie so möglichst viel Werbung zeigen können. Was man heute aufgrund vieler Untersuchungen weiß, ist, dass die Zugkraft von lauten Meldungen, vielleicht sogar falschen Meldungen, sehr hoch ist. Das bedeutet, dass soziale Medien davon profitieren, falsche Dinge zu zeigen. Ein konkretes Beispiel bietet eine Untersuchung des MIT, des Massachusetts Institute of Technology: Eine falsche Twitter-Meldung erreicht sechs Mal schneller 1500 Leute als eine wahre Geschichte. Das führt dazu, dass wir in der Medienlandschaft eine sonderbare Aufgeregtheit erleben, die nicht unbedingt immer mit Wahrheit einhergeht. Früher war die Informationsbeschaffung das große Problem – künftig wird es die Informationsfilterung, das Destillieren auf Relevanz oder Signifikanz sein.

Wer wird dafür zuständig sein, diese Informationsfilter zu entwickeln?

Das ist eine spannende und aktuelle Debatte. Wer im April 2018 die Kongressanhörung von Marc Zuckerberg verfolgt hat, konnte sehen, dass zwar genau diese Frage im Raum stand, sie jedoch nicht explizit beantwortet wurde. Implizit sagte Zuckerberg aber, dass er in Zukunft mithilfe von künstlicher Intelligenz in der Lage sein wird, Fake-News automatisiert aufzuspüren und zu löschen, terroristische Gruppen zu identifizieren, möglicherweise den gesamten Prozess der Informationsfilterung vorzunehmen. Diese Aussage wurde aber nicht hinterfragt. Kann es sein, dass heute ein soziales Netzwerk, das weltweit über zwei Milliarden Menschen verbindet, selber zum Zensor wird? Was hätte das für Konsequenzen für verschiedene Kulturen? Was man in den USA sagen kann, darf man nicht immer in Deutschland sagen. In Ländern wie Ägypten oder China sieht das nochmal anders aus.

 

„Früher war die Informationsbeschaffung das große Problem, künftig wird es die Informationsfilterung sein“

 

Wie könnte so eine Regelung aussehen, beispielsweise in Deutschland?

In Deutschland könnte man eine staatliche Stelle einrichten. Das wäre aber gefährlich, denn dann würden wir einen Apparat der Zensur bauen. Brauchen wir vielleicht eine unabhängige Stelle? Die „Öffentlich-Rechtlichen“? Nach welchen Kriterien sollte gefiltert werden? Wer definiert, was Fake-News sind und was nicht? Wie können Mechanismen sicherstellen, dass wir auch in Zukunft wahre Informationen zulassen? Und zwar auch dann, wenn sie einen Standpunkt vertreten, der nicht dem Mainstream entspricht. Wir brauchen diese Debatte.

Denken Sie, dass die Politik die Relevanz dieser von Ihnen geforderten Debatte bereits erkannt hat?

Nein, die Politik hat diese Relevanz überhaupt nicht erkannt. Das konnte man detailliert bei der Anhörung Zuckerbergs sehen. Der tatsächliche Mangel an Informiertheit in der Politik war bemerkenswert. Dort saßen offensichtlich Menschen, von denen die wenigstens selbst einen Facebook-Account besitzen und die deshalb sonderbare Vorstellungen von sozialen Medien hatten. Tragisch ist, dass sie es dadurch nicht geschafft haben, die wirklich entscheidenden Fragen zu stellen. Niemand hat gefragt oder festgestellt, nach welchen Kriterien Algorithmen arbeiten. Oder wie es um das Phänomen der Selbstverstärkung steht. Wenn ökonomische Gründe Fake-News verstärken, dann hat das einen konkreten Einfluss auf die Gesellschaft und kann möglicherweise sogar politische Wahlausgänge bestimmen.

Also sollte nicht die Politik für den richtigen Umgang mit Daten verantwortlich sein, sondern eine unabhängige Organisation?

Das Internet und die sozialen Medien konfrontieren uns mit denselben Fragestellungen wie ganz zu Beginn des Buchdrucks. Zunächst gab es da nämlich Wildwuchs. Dann schaltete sich Rom ein und die Zensur wurde etabliert mit all den daraus resultierenden Konsequenzen eines Indexes und einer echten Zensur. Im Grunde passierte das, weil Rom damals behauptete, es würden Lügen publiziert. Daraus müssen wir lernen und Stellung beziehen. Es darf keine Institution geben, die den Informationsfluss nach politischen Interessen steuert. Auf der anderen Seite ist es aber eine gesamtpolitische Aufgabe, eine unabhängige Instanz zu etablieren, die genau dies tut.

Was schlagen Sie vor?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein Zensor ist eine Möglichkeit. Man kann das Ganze aber auch juristisch angehen und unsere Gesetze im Hinblick auf Fake-News verschärfen. Wenn Institutionen Nachrichten herausgeben, die vielleicht desaströse Konsequenzen haben und die vielleicht für die Politik missbraucht werden, dann würden sie dafür bestraft. So langsam wird klar, dass der Wildwuchs, die unbegrenzte Information ohne Filter, nicht mehr funktioniert.

Wo sollte Ihrer Ansicht nach die Grenze gezogen werden?

Es existieren bereits eine Menge guter Gesetze. Wir müssen uns klarmachen, dass das Internet und soziale Netzwerke die mediale Fließrichtung umkehren. Aus Massenmedien sind die Medien der Massen geworden. Individuen werden plötzlich zum Massenmedium. Wir haben Begriffe wie Influencer etabliert, einzelne Personen, die so viele Follower haben, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes „beeinflussen“. In den klassischen Pressegesetzen gibt es eine klare Trennung zwischen Werbung und Programm. Werbung muss gekennzeichnet werden. Viele Influencer sind de facto Dauerwerbesendungen. Das muss klar zu erkennen sein.

Wie verändert der digitale Raum das Verhältnis von Medium und Konsument?

In Zukunft werden wir nicht mehr nur über Medien im klassischen Sinne, sondern auch über die Spuren, die wir bei der Nutzung digitaler Inhalte hinterlassen, reden müssen. Wenn wir früher ein Buch gelesen haben, taten wir das ganz für uns auf der grünen Wiese. Heute wird alles, was wir elektronisch lesen, protokolliert. In anderen Worten: Das Buch liest uns. Wer diesen Artikel publiziert liest, offenbart beim Lesen seine eigenen Daten. All das ist im Moment noch nicht ausreichend rechtlich geregelt. Zusätzlich haben wir gemerkt, dass wir mit diesem Targeting auch politische Haltungen erfassen können, ähnlich wie es die Werbung auch tut. Die Option also, jemanden dazu zu verführen, in diesem Falle nicht etwas zu kaufen, sondern jemanden zu wählen. Wir erleben das erste Mal in der Geschichte eine Konfrontation des Bürgers mit einer enorm potenten Maschinerie, die in der Lage ist, tatsächlich zu manipulieren. Jetzt wird der ein oder andere vielleicht sagen: „Das wird mir nicht passieren.“ Und ich denke, das ist der größte Fehler. Selbst der beste Akademiker, der kritischste Journalist muss sich bewusstmachen, dass er manipulierbar ist.

Welche Gefahren birgt die digitale Infrastruktur, wenn sogar besonders kritische Köpfe von ihr manipuliert werden können?

Es gab ein Facebook-Experiment, das in den Kongressanhörungen nur ein einziges Mal kurz angesprochen wurde. Facebook hat geschaut, was man erreichen kann, wenn man einem User positive oder eher negative Nachrichten im News-Feed anzeigt. Wir reden also nicht nur von intellektueller Manipulation, wir reden von emotionaler Manipulation. Dieses Experiment, nur peripher behandelt, offenbart enormes Potential. Die große Gefahr dabei ist, dass diese Manipulation nicht auf den Bereich des Konsums begrenzt bleibt. Sie wird auch von Nationen missbraucht, die, natürlich bedingt durch die digitale Infrastruktur, in der Lage sind, in kürzester Zeit ihre Bürger zu bewerten. Das probiert man bereits in China. Es ist möglich geworden, Bürger vollständig zu kontrollieren. Dass wir das begreifen, ist enorm wichtig. Die digitale Infrastruktur, die tolle Möglichkeiten bietet, kann gleichermaßen ein extrem gefährlicher Nährboden für Diktatoren und autoritäre Systeme werden. Dieser Gefahr müssen wir uns bewusst werden.

Bald könnte es dank technischer Hilfsmittel die Möglichkeit geben, menschliches Verhalten vorherzusagen. Was würde das in diesem Kontext bedeuten?

Ja, das sogenannte Predicting ist einer der nächsten Schritte. Werbung versucht, den Menschen zu beeinflussen, aber wir können aktuell noch nicht wissen, ob die Manipulation auch funktioniert. In dem Moment, in dem ich den nächsten Schritt antizipieren kann, habe ich einen sehr viel stärkeren Zugriff auf den Konsumenten. Prediciting wird in anderen Bereichen bereits intensiv angewendet, denn es ist nicht nur die Werbung, die du anklickst. Wenn du eine Nachricht schreibst, schlägt dir das Mobiltelefon bereits die nächsten Wörter vor. Bei genauerem Hinsehen merkst du, dass die Vorschläge gar nicht so blöd sind. In wenigen Jahren wird die Software durch Machine-Learning ziemlich genau wissen, was du schreiben wirst. Präzise vorherzusagen, was du tun wirst, ist also der nächste Schritt. Wenn es so weit ist, brauchen wir einen neuen Ausdruck. Nicht mehr „ich möchte“, sondern „ich werde gemöchtet“.

Welche Folgen hätte das?

Jeder kann sich heute schon fragen: Wieso habe ich diesen Pullover gekauft? Wieso habe ich diese Urlaubsreise gebucht? Oft, wenn wir wirklich darüber nachdenken, merken wir, dass ein Werbespot oder ein Influencer uns dazu verleitet hat. Weil auf diese Art und Weise ein künstliches Bedürfnis verstärkt wurde. So etwas gab es auch früher. Der große Unterschied ist aber, dass wir heute durch die gigantische maschinelle Unterstützung in der Lage sind, diese Prozesse extrem individuell auszuführen. Damit gibt es heute eine Form der Kontrolle, die nicht mehr so offensichtlich ist wie früher. Ich erinnere mich noch an die Zeit in der UdSSR: Es gab große Lautsprecheranlagen, und allmorgendlich tönte ein Radioprogramm über die Straßen. Jeder wusste: Das ist Propaganda. Das Schlimme ist, dass die heutige Propaganda nicht mehr so offensichtlich ist.

Ist es vielleicht gerade deshalb an der Zeit, die positiven Seiten der Digitalisierung zu nutzen?

Nun, der erste Punkt ist, dass die digitale Entwicklung in der Frühphase des Internets im Wesentlichen ökonomisch getrieben war. Wenn man im Silicon Valley mit den Unternehmern spricht, wird immer die gleiche Frage gestellt: „What‘s the business model?“. Das gesamte Handeln, die unzähligen Apps, die sozialen Netzwerke, die Suchmaschinen, die Videoplattformen sind im Kern alle ökonomische Modelle mit dem Ziel, Geld zu verdienen. Langsam ist es aber tatsächlich an der Zeit zu begreifen, dass Kommunikation weit mehr ist als ein Geschäftsmodell. Wenn das einmal klar wird, merken wir, dass es vielleicht noch ganz andere Freiheitsgrade gibt. Und wir kennen ein paar! Ein Beispiel ist Wikipedia. Wikipedia ist ein Modell, bei dem eher die Wir-Gesellschaft im Vordergrund steht; wo Menschen gemeinsam versuchen, anderen Wissen zugänglich zu machen. Es gibt viele Initiativen, die nicht der Bereicherung des Einzelnen dienen, sondern dem Wohl der Mehrheit. Vielleicht ist es an der Zeit, das Ruder herumzureißen und zu sagen: „Wir haben die Chance, die Früchte dieser digitalen Kultur sowohl für ökonomische Zwecke als auch für ganz andere zu nutzen.“

Und der zweite Punkt?

Die Kosten für die Vervielfältigung eines Produktes, die Grenzkosten, schrumpfen im digitalen Raum auf ein Minimum. Wenn ich heute einen Text schreibe und ihn im Internet verbreite, dann sind die Grenzkosten annähernd null. Das heißt, wir entwickeln uns möglicherweise zu einer Kultur, in der sich klassische ökonomische Entitäten auflösen; in einigen Bereichen kommen wir in eine Null-Grenzkosten-Welt. Das wäre sozusagen ein Ideal, und das Internet wäre dann tatsächlich eine Bereicherung für viele.

Trotzdem gibt es viele Skeptiker …

… die zum Beispiel sagen, wir sollten uns von sozialen Netzwerken fernhalten. Aber ich halte das für den falschen Schritt, denn sie bergen ein enormes Potential. Es ist wie bei ganz vielen Technologien ein Einschwingvorgang. Noch gibt es kaum Regeln, und wir fangen gerade erst an, die Frage zu stellen, wer sie etablieren sollte. Meiner Ansicht nach ist das die Aufgabe des Staates. So ähnlich wie vor mehr als 100 Jahren, als die Automobile auf die Straße kamen und man merkte: So können wir nicht weiterfahren. Wir brauchen Verkehrsregeln, wir brauchen Straßenschilder, wir brauchen Verkehrsampeln. Dafür war der Staat zuständig. So sollte es auch hier sein.

Was muss Ihrer Ansicht nach dringend getan werden?

Wir sind gerade dabei, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das Bewusstsein dafür, dass wir an der ein oder anderen Stelle mehr tun müssen als in der Vergangenheit, ist definitiv da. Zum Beispiel bei der Monopolisierung im digitalen Raum: Heute läuft dort alles nach dem Motto „The winner takes it all“ mit der Folge, dass es nur die eine große Suchmaschine gibt – nämlich Google – und nur das eine große soziale Netzwerk – Facebook. Verankert in der Wirtschaft haben wir das Kartellrecht. So langsam ist es an der Zeit, dass wir es auch im digitalen Raum anwenden. Meine persönliche Meinung ist, dass ab einer bestimmten Relevanz der Daten Algorithmen offengelegt werden müssten. Weil man in einer demokratischen Gesellschaft nicht zulassen kann, dass Informationsströme intransparent von einem privatrechtlichen Unternehmen gesteuert werden.

Interview: Katharina Tesch

 

 

Digitalisierung

Ranga Yogeshwar ist Diplomphysiker, Wissenschaftsjournalist, Autor und Moderator. Er beschäftigt sich eingehend mit der digitalen Revolution und den Auswirkungen der künstlichen Intelligenz, so zum Beispiel auch in seinem im Oktober 2017 erschienenen Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“.

„Derjenige, der den Algorithmus beherrscht, hat die Macht“

Grauverlauf #1 © Max Dauven

Plattform-Kapitalismus: Aus Nebengeschäft wird Hauptgeschäft

 

Die digitale Transformation hat Plattformunternehmen wie Uber, Airbnb und Deliveroo hervorgebracht. Obwohl sie sich nur als Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage von Dienstleistungen darstellen, beteiligen sie sich auch an der groß angelegten Aggregation und Gewinnung von Daten, die von Arbeitnehmern und Verbrauchern gleichermaßen produziert werden. Dr. Karen Gregory, Dozentin für Digitale Soziologie, erklärt, wie diese Unternehmen arbeiten, wie sie die Art der Arbeit verändert haben und schließlich, was sie wirklich vorhaben.

Dr. Gregory – in diesem Jahr wird Karl Marx 200 Jahre alt. Nehmen wir an, der alte Mann schlendert durch die Straßen des heutigen Londons und trifft auf einen Uber-Fahrer, einen Deliveroo-Fahrer und einen TaskRabbit-Arbeiter. Was würde er denken?

Ich denke, er würde die gleichen Fragen stellen wie zu seiner Zeit und über die Arbeitsbedingungen nachdenken. Eine Sache, die Marx sofort erkennen würde, ist, dass es sich um eine Form der Arbeit handelt – aber nicht um eine neue. Städte waren schon immer Orte, die zu einer komplexen Arbeitsteilung geführt haben. Jemanden wie einen Deliveroo-Fahrer, TaskRabbiter oder einen Uber-Fahrer zu sehen, wäre für ihn wahrscheinlich keine große Überraschung. Märkte haben schon immer Räume für neue Arbeitsformen geschaffen. In den Städten gab es schon immer Menschen, die Lebensmittel lieferten, Untermieter aufnahmen und andere Menschen transportierten. In gewisser Weise würde das Marx nicht so sehr überraschen. Außerdem arbeiten diese Menschen oft unter gefährlichen, ungeschützten und unorganisierten Bedingungen, ähnlich wie die Arbeiter seiner Zeit. Jedoch denke ich, er wäre neugierig zu erfahren, dass diese Arbeitnehmer nicht die Bezeichnung eines Arbeitnehmers erhalten. Die Unternehmen, die diese neuen Arbeitsformen organisieren, erkennen diese Arbeitnehmer nicht als Arbeitnehmer an. Marx mag sogar ein wenig schockiert sein, dass es Menschen gibt, die eindeutig wertschöpfend arbeiten, aber aus der Kategorie „Arbeiter“ ausgeschlossen sind.

Könnten Sie das etwas näher erläutern? In welcher Weise hat die Entstehung dieser digitalen Plattformen die traditionellen Rollen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern verändert?

Ich glaube nicht, dass wir sagen können, dass Plattformen wie Airbnb, Uber und TaskRabbit für eine veränderte Beziehung rund um Arbeitsverträge verantwortlich sind. Diese Plattformen sind die logische Fortsetzung von Phänomenen, die sich seit dreißig, vierzig oder sogar fünfzig Jahren abspielen. Wir sprechen von einem langen Weg der Auslagerung von Arbeitskräften, von zunehmend prekärer werdender Arbeit, von der Auslagerung der Arbeit selbst und auch von der Privatisierung der Arbeit und der Übertragung der Verantwortung für die Arbeit auf die Arbeitnehmer. Einige Wissenschaftler sprechen von der Demutualisierung der Arbeit, was bedeutet, dass der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer keine gegenseitige Beziehung mehr haben. Das ist aber nicht wirklich neu und wird schon seit vielen Jahren so gehandhabt. Diese Entwicklung hängt auch mit dem Rückgang der gewerkschaftlichen und organisierten Arbeitskraft zusammen. All diese Faktoren haben eine Situation geschaffen, in der ein Unternehmen wie Uber den Markt „stören“ kann und sich als reiner Arbeitsvermittler aufstellen kann, anstatt sich als Arbeitgeber bezeichnen zu müssen.

Warum sind die Plattformarbeiter nicht durch Gewerkschaften vertreten? Traditionell wäre es ihre Aufgabe, die Rechte der Arbeitnehmer zu schützen. Wo treten die Gewerkschaften in all dem auf?

Die Tatsache, dass Plattformen ausdrücklich behaupten, sie seien keine Arbeitgeber, ruft eine Reihe von Rechtsstreitigkeiten hervor. In Ermangelung der Benennung von Arbeitnehmern haben die Arbeitnehmer nicht das Recht, sich zu organisieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen sich überhaupt nicht organisieren. Es gibt Institutionen wie die IWGB (Independent Workers of Great Britain) oder die IWW (Industrial Workers of the World), die sich nicht als formelle Gewerkschaften im eigentlichen Sinne verstehen. Sie verstehen sich als Arbeitnehmer organisierende Einheiten. Ihr Ziel ist es, sich zu organisieren, um zum direkten Handeln zu bewegen. Diese informellen Organisationen machen enorme Fortschritte in der Welt von Uber und Deliveroo. Die meisten Deliveroo-Mitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, kennen diese Arbeitsorganisationen oder sind selbst involviert. Es ist eine gespaltene Situation, in der sich die formalen Gewerkschaften nicht ganz auf das Thema eingelassen haben, aber es gibt sicherlich eine Menge Aktivitäten. In Bristol und London wurde gestreikt. Wir haben in Edinburgh eine aufkeimende Situation erlebt. Wo immer sich die Plattformwirtschaft gezeigt hat, gab es Unruhen unter den Arbeitern. Die Erzählung um die Plattform des Kapitalismus geht ihr jetzt voraus. Leute, die sich für Airbnb anmelden oder Deliveroo-Fahrer werden, sind sich der Arbeitsprobleme dieses Geschäftsmodells bewusst, auch wenn sie nicht daran interessiert sind, sich selbst zu organisieren.

Könnten Sie den Begriff „Plattformkapitalismus“ erläutern?

Der Plattformkapitalismus ist ein recht neues sozio-technisches Arrangement, das – wie manche Wissenschaftler sagen würden – als Vermittler agiert. Es erlaubt Gruppen von Menschen, sich zu treffen: „Möchten Sie meinen Service kaufen? Ich möchte meinen Service verkaufen.“ Also nutzen wir einfach diese Plattformen, die eine Website, eine Datenbank oder ein Forum sein können, um dies zu ermöglichen. Eine Plattform ist ein vielseitiger Markt, der es mehreren Gruppen ermöglicht, an einen bestimmten Ort zu kommen, um miteinander zu handeln. Auf den ersten Blick klingt das sehr einfach. Allerdings sind die Auswirkungen auf diesen digitalen, vielseitigen Markt recht kompliziert. Es verändert, wie wir konsumieren, wie wir produzieren, wie wir arbeiten, wie wir als Arbeiter – wenn überhaupt – sichtbar werden und wie wir bezahlt werden. Die andere Seite des Plattformkapitalismus ist, dass Unternehmen behaupten, nur Plattformen zu sein, und somit keine Verantwortung für die sozialen Auswirkungen ihrer Handlungen tragen. Gleichzeitig haben sie die Tendenz, Monopole zu werden, und darin liegt die Spannung.

Das hört sich so an, als würden Plattformunternehmen keine neuen Arbeitsplätze schaffen, sondern die Nachfrage und das Angebot von Dienstleistungen neu organisieren und verwalten. Warum sind sie so wertvoll?

Plattformunternehmen sind besonders wertvoll, weil sie Risikokapitalgeber anziehen, nicht nur wegen des potenziellen Wachstums, sondern auch, weil sie Datenaggregationssysteme sind. Jeder hat den Satz gehört, dass Daten das neue Öl sind. Was alle diese Plattformen tun, unabhängig davon, ob sie Ihr Essen liefern oder helfen, Ihr Haus zu reinigen, besteht nicht nur darin, Daten zu gewinnen, sondern auch neue Formen von Daten zu generieren, die es bisher nicht gab. Airbnb, zum Beispiel, verfügt über eine der weltweit größten Datenbanken für Innenaufnahmen. Das ist wertvoll für Werbetreibende, Architekten und Stadtplaner. Wenn ein Unternehmen wie Uber, Airbnb oder Deliveroo morgen pleite geht, wird es immer noch wertvoll für die städtische Infrastruktur sein, weil es Daten hat, die die Städte wollen und brauchen. Uber-Daten werden beispielsweise oft verwendet, um Rückschlüsse auf den Stadtverkehr oder sogar auf die neue Metroplanung zu ziehen. Die U-Bahn von Washington DC hat über Uber-Daten konsultiert, um zu verstehen, was passiert, wenn die U-Bahn zusammenbricht. Daher sollten diese Plattformen in erster Linie als Datenaggregatoren betrachtet werden.

Was machen sie mit diesen Daten?

Ich denke, ihre langfristige Vision ist, dass diese Daten dazu beitragen werden, die so genannte „Smart City“ aufzubauen. Da sich die Stadtverwaltung zunehmend mit datengesteuerten Initiativen beschäftigt, werden diese Unternehmen diejenigen sein, die über derartige Informationen verfügen. Uber will nicht unbedingt in einen Stadtrat gewählt werden. Sie wollen kein Dienstprogramm sein, etwas, über das man die Kontrolle hat. Sie streben eine sanfte Macht in den Städten an, die es ihnen ermöglicht, Tagesordnungen festzulegen und sich als private Eigentümer von aggregierten Daten zu etablieren. Immerhin beginnen wir zu erkennen, dass Plattformen ein Interesse daran haben, die Zukunft der Städte zu verstehen. Eines der jüngsten Pitch-Decks von Deliveroo – diese Decks, die Sie zu einem Werbetreibenden oder potenziellen Investor bringen würden – beschreibt die Zukunftsvision des Unternehmens. Sie behaupten, dass sie unendlich viele Daten über den Nahrungsmittelverbrauch, die Nahrungsmittelzufuhr und die grundlegenden Essgewohnheiten in den Städten haben werden. Ihre langfristige Vision ist es, die gesamte Logistikkette zu kontrollieren: wie Lebensmittel erzeugt werden und wie sie bei Ihnen ankommen. Es ist in der Tat eine großartige Vision.

Das ist eine dystopische Vision, nicht wahr?

Definitiv. Und eine, die aktiv versucht, sich selbst aufzubauen, ohne jegliche Art von demokratischer oder transparenter Politik. Wir sprechen nicht nur von der verringerten Handlungsfähigkeit und Lebensqualität der Arbeitnehmer. Wir sprechen auch von realen langfristigen Investitionen in die Stadtplanung mit Akteuren, die nicht demokratisch orientiert sind. 

Da sich Ihre Forschung im Moment auf Deliveroo konzentriert, könnten Sie uns einen weiteren Einblick geben, was sie tun?

Deliveroo ist im Wesentlichen ein datentechnisches Unternehmen. Es interessiert sich sehr für Ihre Konsumgewohnheiten: die Uhrzeit, zu der Sie bestellt haben, was Sie bestellt haben, wie viel Sie bestellt haben. Das gesamte Geschäftsmodell basiert auf einem Algorithmus, der die Mitarbeiter einsetzt, wenn sie gebraucht werden, und sie entfernt, wenn sie es nicht werden. In der Tat, wenn Sie mit Deliveroo-Fahrern sprechen, ist ihre größte Beschwerde, dass es keine Transparenz gibt. Sie verstehen nicht, wie das Unternehmen funktioniert und wie die Algorithmen funktionieren, die ihr Leben bestimmen. An manchen Tagen gibt es Jobs, an anderen keine. Nichts ist vorhersehbar. Das Unternehmen optimiert und verändert ständig seine Arbeitsweise. Die eine Sache, die ich aus Interviews mit Deliveroo-Fahrern mitgenommen habe, ist, dass das Unternehmen aus ihrer Sicht eigentlich wie ein Betrug klingt. Es klingt wie ein chaotischer, Fly-by-Night-Pop-up-Shop, für den sie sich in keiner Weise anmelden würden. Aus der Sicht des Verbrauchers ist es jedoch offensichtlich bequem. Sie können diese App herunterladen, und fünf Minuten später können Sie Essen aus jedem Restaurant bestellen, und es wird an ihrer Tür ankommen. Ich denke, dass die Abwägung Ihrer Daten einen großen Teil der digitalen Wirtschaft antreibt. Wenn Sie darüber nachgedacht haben, möchten Sie vielleicht nicht, dass das Unternehmen Ihre Daten hat, aber Sie wollen diesen Cheeseburger auf jeden Fall, und Sie möchten, dass es bequem und einfach ist.

Die Unternehmen stellen diese Plattformen als unparteiische Erweiterungen des freien Marktes dar. Aber die Frage ist natürlich: Wer hat die Macht? Eine Plattform kann keine Leute einstellen und feuern. Die Kölner Deliveroo-Fahrer haben kürzlich versucht, einen Betriebsrat zu gründen. Was dann geschah, war, dass die Arbeitsverträge aller beteiligten Fahrer auf wundersame Weise abgebrochen wurden. Wer ist dafür verantwortlich? Ein Algorithmus?

Der von Ihnen erwähnte Fall ist nicht das erste Mal, dass organisierende Deliveroo-Fahrer plötzlich aus der App entlassen – oder gelöscht wurden. Es gibt keine Transparenz über den Algorithmus oder was die Managemententscheidungen tatsächlich antreibt. Das ist sehr stressig für die Arbeiter im Alltag, weil man nichts einplanen kann. Sie wissen nicht, ob Sie an diesem Tag Geld verdienen werden oder nicht, ob es sich lohnt, auszugehen. Es ist schwer, sein Leben um diese Art von unbeständigem Einkommen herum zu planen. Darüber hinaus müssen nur ein paar Leute um Sie herum gelöscht werden, damit Sie sich Sorgen machen. Mache ich einen guten Job? Basieren diese Entscheidungen auf der Arbeitsleistung? Oder ist es der Algorithmus, der plötzlich entschieden hat, dass er die Leute einfach nicht braucht? Habe ich etwas falsch gemacht? Kann diese App tatsächlich auf die Dinge auf meinem Handy zugreifen, bei denen ich das Unternehmen in einer E-Mail kritisiert habe? All dies erzeugt Stress, aber auch Paranoia, weil die Arbeiter die Spielregeln nicht verstehen und nicht verstehen können.

Diese Unsicherheit ist der Grund, warum die gesamte Branche oft als „Gig-Economy“ bezeichnet wird. Der Ausdruck suggeriert eine Form der Arbeit, die gelegentlich stattfindet und in der Regel nicht das Primäreinkommen des Arbeitnehmers ist. Ist das der Fall?

Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass die meisten Plattformmitarbeiter nicht ausschließlich auf Einnahmen über die Plattform angewiesen sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich nicht auf diese Einnahmequelle verlassen. Sie haben oft mehrere Teilzeitjobs. In Edinburgh gibt es eine deutliche Verzweigung. Auf der einen Seite gibt es studentische Arbeitskräfte, auf die die meisten Menschen meiner Meinung nach nicht achten. Das sind junge Menschen, die nicht unbedingt die Risiken durchdenken, die sie eingehen. Fahrer bei Deliveroo zu sein, mag wie ein toller Job erscheinen, wenn man sowieso mit dem Fahrrad unterwegs ist. Sie neigen dazu, es nicht als Arbeit zu sehen, und sind nicht besonders besorgt, von einem Auto angefahren zu werden. Man kann es „die Ausbeutung des Interesses eines Achtzehnjährigen, gesund, fit und attraktiv zu sein“ nennen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die wirklich zu kämpfen haben und die vollständig von diesen Plattformen abhängig sind. Für diese Unternehmen ist der ideale Arbeitnehmer jedoch jemand, der keine Arbeit braucht, und das ist sehr problematisch. Das macht die Organisation auch sehr herausfordernd, denn nur ein Teil der Belegschaft befindet sich in einer verzweifelten Lage. Ein großer Teil der Leute würde sagen: „Ich möchte nicht, dass dies reguliert wird, ich möchte nicht als Angestellter bezeichnet werden, ich möchte nur auf mein Fahrrad springen und 25 Pfund verdienen, wenn ich es will.“

 

„Derjenige, der den Algorithmus und die Datenwissenschaft kontrolliert, hat mehr Macht in einem Arbeitsverhältnis als die Person, die die Arbeit macht“

 

Die Unternehmen argumentieren daher zu Recht, dass viele Plattformarbeiter diese Freiheit tatsächlich schätzen. Technisch gesehen sind die meisten von ihnen selbstständig. Aber sind sie das wirklich? Und was ist mit der sozialen Sicherheit?

Das ist ein hartnäckiges Problem. Wir werden entweder beschließen, dass diese Plattformen eine Art staatlicher Regulierung brauchen und dass der Status der Arbeitnehmer tatsächlich eine Scheinselbstständigkeit ist. Das würde bedeuten, dass diese Menschen Arbeitnehmer sind und dass die Unternehmen ihnen höhere Löhne, Rentensysteme und Krankengehälter schulden. Auf der anderen Seite könnte es einen anhaltenden Schub geben, dass der Begriff des freien Marktes, des flexiblen Arbeitnehmers, sich durchsetzt. Das langfristige Problem dabei ist die soziale Sicherheit. Wie sieht es wirklich aus, wenn eine Gig-Economy die Dinge regelt? Aus meiner Sicht sieht das nach Chaos aus. Ich glaube einfach nicht, dass es ein nachhaltiges Modell ist. Stellen Sie sich beispielsweise vor, dass der Gesundheitssektor als Plattform neu gestaltet wird. Ein NHS (National Health Service) nach dem Gig-Economy-Modell klingt für mich, als würden eine Menge Leute sterben.

Als technisch selbstständige Plattformarbeiter sind sie auch für ihre eigene Hardware verantwortlich. Uber-Fahrer müssen ihre eigenen Autos zur Verfügung stellen. Deliveroo-Fahrer müssen ihre eigenen Fahrräder warten. Wen wir zu Marx zurückkehren, ist die Ironie der Situation, dass diese Arbeiter gewissermaßen die Produktionsmittel besitzen. Ist das nicht eine Form der Ermächtigung?

Wir müssen uns fragen, wo der reale Wert dieser Unternehmen liegt. Investitionen fließen nicht in Deliveroo oder Airbnb, weil sie Lebensmittel liefern und es den Menschen ermöglichen, Wohnraum zu mieten, sondern weil sie auch Datenaggregatoren sind. Wer den Algorithmus und die Datenwissenschaft beherrscht, hat in einem Arbeitsverhältnis mehr Macht als derjenige, der die Arbeit tatsächlich macht. Sie können der beste Handwerker oder der beste Radfahrer sein, aber das wird Ihnen nicht helfen, wenn Sie einer völlig neuen Form der Verwaltung unterliegen, die in der die Datenwissenschaft verwickelt ist, und Sie können den Algorithmus nicht verstehen oder sogar darauf zugreifen. Es gibt keine Auswahlmöglichkeiten, ob man sich dafür entscheidet oder nicht. Das gilt auch für die Verbraucher. Vielleicht möchten Sie den Service noch nutzen, aber möchten Sie nicht mehr Kontrolle über die von Ihnen angebotenen Variablen haben? Nichts davon liegt für Verbraucher oder Arbeitnehmer auf dem Tisch. Sie können entweder alle Ihre Daten übergeben oder den Service nicht nutzen. Es ist definitiv mehr los als nur Radfahrer auf der Straße, und vieles davon ist völlig obskur und proprietär.

 

„Was Sie brauchen, ist ein Gefühl, dass das, was Wert schafft, nicht nur Ihre eigene verkörperte Arbeit ist“

 

Bedeutet dies, dass sich sowohl Arbeitnehmer als auch Verbraucher ein grundlegendes Verständnis der Datenwissenschaft aneignen müssen, um die Kontrolle wiederzuerlangen?

Man muss nicht unbedingt ein Datenwissenschaftler sein, um das alles zu verstehen. Was Sie brauchen, ist das Gefühl, dass das, was Wert schafft, nicht nur Ihre eigene verkörperte Arbeit ist. Sie müssen verstehen, dass Sie selbst Daten generieren, indem Sie einfach ein Fahrrad fahren. Es kann den Anschein haben, dass Sie einfach nur Pizza an einen Kunden liefern. Allerdings haben Sie diese App die ganze Zeit auf Ihrem Handy gehabt, und was Sie wirklich getan haben, ist, die Stadt für Deliveroo zu kartieren. Sie bringen dem Algorithmus bei, wie man den Gewinn maximiert. Die Menschen müssen in der Lage sein, diese Dateninfrastrukturen zu sehen, um gute Fragen zu stellen. Sie sollten in einer Zivilgesellschaft transparent sein. Wir haben den Prozess des Aufbaus einer digitalen Wirtschaft durchlebt, und wir gehen davon aus, dass Unternehmen über eigene Ressourcen verfügen, zu denen wir keinen Zugang haben. Ich denke jedoch, dass wir diese Algorithmen wirklich als etwas betrachten sollten, bei dem wir das Recht haben, es anzuschauen, zu kritisieren und Entscheidungen zu treffen.

Bisher haben wir über die negativen Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Arbeit gesprochen. Was sind die guten Seiten, und welche Möglichkeiten bieten sie?

Wir dürfen nicht vergessen, dass das Internet selbst aus einer unglaublichen Begeisterung für Zugang, Partizipation und nicht-hierarchische Netzwerke entstanden ist. Das gilt auch für viele der neu entstandenen Plattformen. Airbnb, zum Beispiel, kommt aus der Couch-Surfing-Bewegung, wo die Leute von neuen Formen des Austauschs und Peer-to-Peer-Produktion begeistert waren. Die gemeinsame Wirtschaft im ursprünglichen Sinne könnte neue Wege des nachhaltigen Konsums und der nachhaltigen Produktion eröffnen. Damit kommt die Erzählung, dass Teilen mehr Nachhaltigkeit oder gerechtere soziale Praktiken bedeuten könnte – und das sind gute Ideen. Wenn wir uns die Vorläufer einiger dieser Plattformen ansehen, können wir sehen, dass sie wirklich neue und interessante Arrangements geschaffen haben. Sobald jedoch Risikokapital in etwas fließt, das später skaliert werden muss und aktiv ein Monopol anstrebt, befinden wir uns nicht mehr in einer einfachen Teilungs- oder Tauschwirtschaft. Wir suchen nach neuen, hochentwickelten Finanzinstrumenten, um Gewinne von Menschen und Städten zu erzielen. Die positiven Aspekte der digitalen Wirtschaft öffnen sich fast sofort der Ausbeutung. Das Kapital ist viel schneller als wir. Wenn es eine Chance sieht, Geld zu verdienen und neue Märkte zu schaffen, dann tut es das. Wir befinden uns in einer Art Widerspruch: Die digitale Transformation könnte unser Leben und unsere Arbeit zum Besseren verändern, aber stattdessen verstricken wir uns in einen neuen schändlichen Kapitalismus verwickelt.

Interview: Jonas Hermann

 

 

Digitale Arbeitswelt

Dr. Karen Gregory ist Dozentin für Digitale Soziologie an der University of Edinburgh. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit der digitalen Wirtschaft und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Vor kurzem führte Sie Interviews mit Deliveroo-Fahrern in Edinburgh über ihre Arbeitserfahrung.

„Die Intelligenz an sich hat kein Interesse am Konzept der Herrschaft“

0 1 #9 © Max Dauven

Der freundliche Roboter von nebenan: Eine optimistische Betrachtung Künstlicher Intelligenz

 

Müssen wir uns vor Künstlicher Intelligenz in Acht nehmen? Im Interview mit 42 teilt Professor Robert Trappl, Direktor des Österreichischen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (OFAI), seine Einsichten über das Zusammenspiel von Rationalität und Emotionen, ein mögliches Zusammenleben von Mensch und Maschine, und zeigt auf, warum es Grund zum Optimismus gibt.

 


 

Prof. Dr. Trappl – Mit welchem Vorurteil in Bezug auf Künstliche Intelligenz würden Sie gerne aufräumen?

Ich würde gerne mit dem Vorurteil aufräumen, dass die Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz mit dem Risiko einer Superintelligenz einhergeht, die die Weltherrschaft antritt und den Menschen versklavt oder ganz abschafft. Ich glaube das nicht. Auch wenn diese Position von Leuten vertreten wird, die in anderen Bereichen durchaus kompetent sind, wie Elon Musk oder Stephen Hawking.

Warum zweifeln Sie an der Idee einer feindseligen Superintelligenz?

Der Ausdruck Superintelligenz spricht Intelligenz eine Eigenschaft zu, die ihr nicht zu eigen ist, nämlich die Intention. Intelligenz ist zuerst einmal das Bemühen, Probleme zu lösen und in einer nicht immer vorhersagbaren Umwelt zu überleben. Motive und damit verbundene Zielsetzungen – natürlich angepasst an die jeweilige Lebensumwelt –, die entspringen in uns, im Menschen, aus einem anderem System. Die Intelligenz an sich hat aber kein Interesse am Konzept der Herrschaft. Allerdings arbeiten auch wir am OFAI gegenwärtig an der Modellierung von Persönlichkeiten. Ich möchte nicht vollkommen ausschließen, dass eine solche Simulation von Persönlichkeiten irgendwann problematisch für die Menschheit werden könnte.

 

„Intelligenz ist zuerst einmal das Bemühen, Probleme zu lösen und in einer nicht immer vorhersagbaren Umwelt zu überleben“

 

Wie entwickelt sich das Verhältnis von Mensch und Maschine mit der zunehmenden Menschwerdung künstlicher Intelligenz?

Hierzu ein Beispiel: Das Buch des Engländers David Levy „Love and Sex with Robots“ zeigt eine Zukunft, in der es möglich ist, Roboter zu heiraten. Weil ich neugierig war, habe ich daher das österreichische Ehegesetz studiert. Roboter sind demnach als Ehepartner keineswegs ausgeschlossen. Das Ehegesetz verlangt allerdings, dass beide Partner mindestens 16 Jahre alt sind. Und wer möchte schon einen 16 Jahre alten Roboter heiraten?

Ein weiteres Buch, das interessante Ansätze in dieser Hinsicht diskutiert, ist „The Intimate Machine“ von Neil Frude aus den 1980er Jahren. Demnach müssten Roboter als Partner bis zu einem gewissen Grad unvorhersehbar sein, um interessant zu bleiben, sozusagen den menschlichen Faktor haben. Auf einem ähnlichen Prinzip bauen die Algorithmen von Online-Partnervermittlungen auf, die möglichst ähnliche Partner suchen, bei denen die kleinen Unterschiede den Reiz ausmachen. Das Abenteuer des zufälligen Treffens wird dabei durch die geplante Ähnlichkeitspartnerwahl ersetzt. Von da ist es dann auch nicht mehr weit, bis zwischen Mensch und Roboter vermittelt werden kann.

In der Vergangenheit wurde schon oft das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz proklamiert, eingetreten ist es bisher aber nicht. Was ist diesmal anders?

Inzwischen wurden die notwendigen Schritte in der technologischen Entwicklung gemacht, und das wird den Menschen gerade bewusst. Die Niederlage von Gari Kasparow gegen den IBM-Computer Deep Blue im Schach 1997 war vorhersehbar, da die Entwicklung der Rechenleistung dem Mooreschen Gesetz folgte, sich also immer in einem Zeitraum von 12-24 Monaten verdoppelte. Die Niederlage des weltbesten GO-Spielers Lee Sedol gegen das Programm „Alpha GO“ hat allerdings alle Experten verblüfft. Dort sind zum ersten Mal öffentlichkeitswirksam die Prinzipien des „Deep Learning“ zum Einsatz gekommen. Das Deep Learning ist ein Teilbereich des Machine Learning und kombiniert große Datenmengen mit jener der Struktur neuronaler Netzwerke, wie wir sie aus dem menschlichen Gehirn kennen. Durch diese Netzwerkstruktur kann das System, beispielsweise ein Algorithmus, das Erlernte immer wieder mit neuen Inhalten verknüpfen und sich so selbstständig weiterentwickeln. Zwar wurden diese Ansätze auch schon in den 70er und 80er Jahren verwendet, konnten aber ihr Potenzial nicht entfalten, weil die Computer damals nicht schnell genug waren, nicht genug Speicher hatten und weil es die Verbindung mit dem Internet nicht gab.

Es sind vor allem die Möglichkeiten des Deep Learnings, die dazu führen, dass die Leute denken: „Das ist ja eine echte Gefahr“, Maschinen und Algorithmen könnten ja auf lange Sicht tatsächlich menschliche Arbeitskraft ersetzen. In der Tat werden viele Jobs überflüssig – interessanterweise weniger auf Seiten der Arbeiter und Handwerker als angenommen und dafür mehr auf Seiten der Büroangestellten. Wenn Sie heute in eine Bank gehen, sitzt da fast niemand mehr. Die Positionen gibt es einfach nicht mehr. Das ist natürlich schon unheimlich. Prognosen wie beispielsweise von der Unternehmensberatung McKinsey International erwarten, dass 40-50% der Jobs durch den digitalen Wandel ersetzt werden könnten.

Solche Prognosen schwanken mitunter allerdings stark. Das unterstreicht in seiner Gesamtheit also vor allem, dass die Digitalisierung einen Wandel in der Arbeitswelt einleitet.

Ja, absolut, aber dass etwas Disruptives kommt, da sind sich eigentlich alle einig. Die Entwicklungen der Digitalisierung, also die gestiegene Rechenleistung und der Grad der Vernetzung, das sind die Entwicklungen, die das Thema der künstlichen Intelligenz erst greifbar gemacht haben.

Stichwort Deep Learning: Schon Alan Turing hat die Idee der „Child Machine“ entwickelt, einen einfachen Basisalgorithmus, der in der Lage ist, selbstständig zu lernen. Bedeutet dies, dass zukünftige KI, ähnlich wie ein Kind, einen Prozess des Heranwachsens durchläuft?

Gegenwärtig arbeiten wir an zwei Projekten, die untersuchen, wie Kinder sprechen lernen, indem sie mit ihrer Umwelt interagieren. Diese Projekte leisten einen wichtigen Beitrag zu unserer Forschung darüber, wie man einem Roboter beibringen kann, gewisse Arbeiten zu erledigen, zum Beispiel einen Automotor zu reparieren. Dafür müssen wir aber zuerst ein gemeinsames Vokabular schaffen, damit Mensch und Maschine effektiv miteinander interagieren können. Das kann dann erweitert werden, indem man Dinge präsentiert und zum Beispiel sagt: „Das ist ein Schlauch, im Gegensatz zu einem Rohr“. Und so kann ein Roboter, ähnlich wie ein Lehrling oder auch ein Kind, Zusammenhänge verstehen und Instruktionen anwenden. Es ist zwar noch viel aufwendiger als man glaubt, aber es ist möglich.

Die Entwicklung hin zur Augmented Personality oder Augmented Reality ist schon deutlich zu erkennen, schließlich ist mein Smartphone nichts anderes als eine Erweiterung meiner Selbst, nur dass eben die Schnittstelle Finger auf Touchscreen noch verhältnismäßig simpel ist.

Ja, das stimmt, aber die Technologie wird stetig verbessert. Allerdings sind wir noch weit von dem entfernt, was man in Science-Fiction-Filmen sieht. Die Idee, dass wir unser „Ich“ in Form eines Hirn-Programms in Zukunft downloaden könnten, ist in gewissem Sinne eine Illusion, denn in unserem Gehirn sind „Hardware“ und „Software“ untrennbar, werden manchmal auch als „Wetware“ bezeichnet. Ich kann da also Nichts downloaden. Im Gegensatz zum Computer, bei dem ich weiß: Wenn ich diese und jene Zusammensetzung der Hardware habe und dieses Betriebssystem, dann lade ich beliebige Programme drauf. Das haben wir als Menschen alles nicht. Diese Vision scheint derzeit also nicht realisierbar, aber wer weiß, wie es in 50 Jahren aussieht.

 

„Ich glaube, wir haben in der KI-Forschung einen ziemlichen Fehler gemacht, indem wir Intelligenz als rationales Verarbeiten betrachtet und Emotionen vernachlässigt haben“

 

Nun hat die Forschung gezeigt, dass wir auch emotionale Intelligenz benötigen, um erfolgreiche Entscheidungen zu treffen.

Ich glaube, wir haben in der KI-Forschung einen großen Fehler gemacht, indem wir Intelligenz als rationales Verarbeiten betrachtet und Emotionen vernachlässigt haben. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre weiß man, dass weniger emotionale Menschen auch schlechtere rationale Entscheidungen treffen. Die ursprüngliche Idee, Rationalität und Emotionalität als gegensätzliche Pole zu betrachten, ist also falsch, denn sie bedingen einander aus diversen Gründen. Nicht nur in der Kommunikation, wo das Zwischenmenschliche ja ungeheuer wichtig ist, sondern auch beim Abrufen von Gedächtnisinhalten. Das, was emotional am stärksten geladen ist, wird aus dem episodischen Gedächtnis in Zusammenhängen bevorzugt abgerufen. Wenn wir also über künstliche Intelligenz nachdenken, dann kommen wir an Emotionalität nicht vorbei. Computer haben derzeit höchstwahrscheinlich keine Emotionen. Aber was sie ganz gut können, ist, Emotionen zu erkennen, zu verarbeiten und zu äußern. Also das, was zum Beispiel ein Schauspieler macht, der die Emotionen, die er nach außen hin darstellt, nicht unbedingt selbst empfinden muss. Er spielt uns etwas vor und das können Computer, Roboter, Synthetic Actors eben auch immer besser.

Können zwischen Mensch und Maschine somit ähnliche Beziehungen und ein ähnliches Verständnis füreinander entstehen wie zwischen Menschen?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dass in dieser Hinsicht viel möglich ist. Denn Menschen lieben schon jetzt Objekte, die absolut keine Intelligenz besitzen – zum Beispiel simuliertes tierisches Leben. Angefangen hat es mit „Paro“, der Roboter-Robbe. Darauf folgte „Aibo“, der Roboter-Hund. Der ist aber eher ein Gegenbeispiel. Roboter aus Metall oder Plastik lassen sich einfach nicht so sympathisch greifen wie Fell, auch wenn es Kunstfell ist. Aber ich kann natürlich nicht ausschließen, dass es irgendwann einen Roboter gibt, der so etwas wie ein Ich-Erlebnis hat. Es gibt jetzt schon die Ansicht, dass Roboter vielleicht als eine Art Vorläufer von Bewusstsein über eine Form von „Awareness“ verfügen, weil sie wissen, wo sie sich befinden und wo sie hingehen müssen. Sie verfügen also über eine Repräsentation der Außenwelt, ansonsten würden sie sich ständig irgendwo stoßen. Über tatsächliches Bewusstsein verfügen sie aber höchstwahrscheinlich noch nicht. Aber vielleicht wird es dazu kommen. Vielleicht müssen Roboter irgendwann einmal so etwas wie ein Bewusstsein haben, weil gewisse Aufgaben nicht anders erledigt werden können. Zwar sind weit über 90 Prozent unserer Handlungen unbewusst, aber wir haben einen Großteil davon einmal gelernt. Da waren sie bewusst und wir haben sie abgespeichert. So könnte es auch bei Robotern funktionieren.

 

„Wir sind so enthusiastisch darin, Gefahren zu sehen!“

 

Gibt es kulturelle Unterschiede in der Akzeptanz beziehungsweise dem Umgang mit Robotern und künstlicher Intelligenz?

Ja, die gibt es. Die Deutschen – und auch die Österreicher – sind wahrscheinlich aufgrund der Hochtechnologie, die während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern zum Ermorden von Menschen eingesetzt wurde, die größten Technikskeptiker weltweit. Wenn renommierte Wissenschaftler, beispielsweise auf dem Gebiet der KI, nach Deutschland kommen, dann geht es oft nur um die Gefahren und Schrecknisse, die mit der Technologie assoziiert werden. Wir sind so enthusiastisch darin, Gefahren zu sehen! Ganz im Gegensatz zu anderen Nationen, die eher das Positive sehen, die dann am Beispiel des Autos sagen: „Ja klar sind dadurch Menschen gestorben, aber es hat auch den Grad der Mobilität signifikant erhöht.“ Deutschland ist momentan in einem Denken gefangen, das ich nicht nachvollziehen kann. Da muss ich ganz klar sagen, Deutschland und auch Österreich laufen Gefahr, technisch zurückzufallen. In Japan ist der Bezug zur Technologie zum Beispiel ein ganz anderer. Dort werden etwa Pflegeroboter viel eher akzeptiert, weil es dort etwas Peinliches ist, Schwäche zu zeigen. Im Krankenbett zu liegen und vom Pflegeroboter betreut zu werden, ist für den Patienten demnach viel weniger unangenehm, als wenn ein Mensch das übernehmen würde. Bei uns würde man sagen: „Die Krankenkasse spart und schickt mir einen Roboter, wo ich doch lieber die Frau XY gehabt hätte, mit der ich übers Wetter reden kann.“ Niemand hat hier recht oder unrecht, es gibt einfach kulturelle Unterschiede im Umgang mit Technologie. Ich habe mich auch gewundert, dass einer der bekanntesten japanischen Roboterforscher ein Buch geschrieben hat mit dem Titel „The Buddha in the Robot“. Wenn jemand in der katholischen Kirche von „Christus als Roboter“ sprechen würde, dann wäre das pure Blasphemie. Ich habe mir vor kurzem einen Spaß erlaubt und als Reaktion auf Harari’s Buch „Homo Deus“ einen Vortrag über den „Roboter Deus“ gehalten. Wenn schon alle sagen, der Roboter wird der Herr der Welt werden, dann sollten wir rechtzeitig eine Theologie des zukünftigen Robotergottes entwickeln. Im Silicon Valley hat diese Idee auch schon ganz praktische Anwendung gefunden, da hat Anthony Levandowski die Kirche „Way of the Future“ gegründet, die eine Künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt ihrer religiösen Praktiken stellt.

Sie haben ganz offensichtlich keine Angst vor einer Zukunft, in der Künstliche Intelligenz eine wachsende Rolle in der Gesellschaft spielt. Woher kommt Ihr Optimismus?

Ein Grund ist sicher meine persönliche Geschichte. Ich wurde 1939 geboren und habe damit bewusst den Zweiten Weltkrieg erlebt, genauso natürlich auch den Wiederaufbau. Unser Leben hat sich durch den technologischen Fortschritt enorm verbessert – er hat uns ungeheuer viel gebracht. Wir leben länger und unter besseren Bedingungen, wir müssen nicht mehr frieren im Winter, wir arbeiten weniger und wir tragen die Encyclopedia Britannica in unserem Smartphone mit uns herum. Das bedeutet nicht, dass man jede technische Neuerung ganz unbefangen begrüßen sollte. Man muss schon skeptisch sein und die Auswirkungen neuer Technologien kritisch hinterfragen, wie am Phänomen der Fake News deutlich wird. Aber in Mitteleuropa lebt ein Großteil der Menschen schon heute unter paradiesischen Umständen. Menschen, die das nicht so sehen, haben, fürchte ich, kein Geschichtsbewusstsein.

Geht die größere Bedrohung für unsere Zukunft vom Menschen oder der Künstlichen Intelligenz aus?

Seit der Wahl von Donald Trump bin ich mir ziemlich sicher, dass es der Mensch ist. Meiner Meinung nach geht von künstlicher Intelligenz aktuell keine Gefahr aus.

Welche Rolle kann Künstliche Intelligenz für die positive Entwicklung unserer Gesellschaft spielen?

Im Idealfall arbeiten wir alle noch weniger und genießen das Leben noch mehr. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das, was persönliche und körperliche Bezüge schafft, größere Bedeutung bekommen wird, wenn wir mehr Zeit haben und wenn wir diese Zeit positiv nutzen können. Meine Zukunftsprognose ist: Mehr Freizeit, mehr Unabhängigkeit, mehr Fokus auf das Emotionale, auf das Künstlerische, auf Persönlichkeit und Literatur. Ich denke, die Kunst und das Schöpferische werden einen noch viel größeren Stellenwert haben, als es jetzt schon der Fall ist. Das eröffnet uns unendlich viele Möglichkeiten. Und wenn man davon keine materiellen Einbußen hat, finde ich es persönlich sehr erstrebenswert, von Fronarbeit befreit zu werden.

Welche Schritte sind noch notwendig, damit wir dieses positive Potenzial im Hinblick auf KI und Robotik realisieren können?

Ich denke, dass sich die mitunter abschätzige Art, mit der oft von Mathematik und Informatik gesprochen wird, ändern muss. Wir brauchen eine Mentalitätsänderung, hin zur Schönheit, zur Ästhetik des Abstrakten. Eine mathematische Formel kann beispielsweise als etwas sehr Schönes empfunden werden und als intuitiv richtig, ohne, dass man ihre Herleitung kennt. Natürlich sollte man nicht nur Formeln nach dem ästhetischen Empfinden erstellen, aber das Ergebnis kann einen schon begeistern. Und genau so kann auch ein Algorithmus begeistern, die Ästhetik, die in diesen MINT-Fächern steckt, müssen wir erlebbar machen. In diese Richtung würde ich mir eine gute Bildung vorstellen. Denn dass die Interaktion bisher darin besteht, mit dem Finger über die Oberfläche einer Glasplatte zu wischen, ist ja letztendlich ein Trauerspiel.

Wir brauchen also eine stärkere Wertschätzung für das Technologische, dürfen aber gleichzeitig nicht die Wertschätzung für das Nicht-Technologische verlieren?

Absolut. Man muss beides schätzen lernen und es vor allem nicht in Konkurrenz zueinander stellen. Aber gerade der Angst vor der Technologie wird bei uns im deutschsprachigen Raum mit den vielen Regeln und Vorschriften noch zu viel Raum gegeben – genau wie auch in der europäischen Union. Wobei es dort eine interessante Arbeitsgruppe unter der Leitung von Mady Delvaux gab, die den Vorschlag entwickelte, dass auch intelligente Computer so etwas Ähnliches wie eine juristische Persönlichkeit besitzen könnten.

Das klingt nach dem Wunsch nach klareren rechtlichen Rahmenbedingungen, um einen natürlichen Umgang mit Künstlicher Intelligenz zu ermöglichen.

Ja, aber vor allem ermöglicht es die rechtliche Selbstständigkeit intelligenter Computer. Das könnte bedeuten, dass man den Stecker nicht mehr so ohne Weiteres ziehen darf. Aber bei einem Fehlverhalten, wie etwa einem Autounfall, könnte es dann direkte Folgen für den betreffenden Computer haben.

Das heißt, wir werden Künstlicher Intelligenz Verantwortung zuschreiben?

Ja natürlich, wir werden es sogar müssen. Wir haben ja früher auch den Gedanken als absurd empfunden, dass ein imaginäres Konstrukt wie ein Unternehmen Verantwortung übernehmen könnte. Heute ist es ein selbstverständlicher Aspekt unseres Wirtschaftssystems und unserer Gesellschaft. Natürlich wird man Fehler oft auf den Menschen zurückführen können. Trotzdem brauchen wir das Konzept der Eigenverantwortung für einen natürlichen, also in den gesellschaftlichen Alltag integrierten Umgang mit selbständig agierenden Artefakten.

Interview: Kurt Bille

 

 

Künstliche Intelligenz

Robert Trappl ist Direktor des Österreichischen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (OFAI). Er gilt heute europaweit als Vorreiter auf den Gebieten der Kybernetik und der Künstlichen Intelligenz. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Untersuchung der Bedeutung von Emotionen für die Weiterentwicklung Künstlicher Intelligenz.

„Ihr Gehirn wird nach diesem Gespräch nicht mehr das gleiche sein“

0 1 #3 © Max Dauven

Wie die digitale Welt unser Gehirn verändert

 

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf unsere Psyche und unser Gehirn aus? Professor Montag, Leiter des Lehrstuhls für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, spricht im 42-Interview über den Nutzen von Counter Strike, über konditioniertes Verhalten und darüber, wieso wir die Digitalisierung dringend besser steuern müssen.

Herr Professor Montag – ich kenne kaum noch eine Telefonnummer auswendig, und den Weg finde ich nur mit Hilfe von Google Maps. Ist mein Gehirn der digitalen Revolution zum Opfer gefallen?

Dass wir keine Telefonnummern mehr auswendig kennen, bedeutet nicht per se, dass wir „dümmer“ werden. Heutzutage sind einfach andere Fähigkeiten gefragt als das Auswendiglernen besagter Nummern. Es gibt aber leider erst wenige Studien zu diesem Thema. Daher wissen wir noch nicht genau, ob und inwiefern unsere Gedächtnisleistung durch die digitale Revolution beeinträchtigt wird.

Was sagen denn die bisherigen Untersuchungen?

Eine spannende Studie stammt von einem israelischen Forschungsteam: Sie gaben Smartphone-Neulingen für drei Monate ein Handy. Vorher und nachher führten sie neuropsychologische Tests durch; dabei ging es unter anderem darum, Impulsivität, die Gedächtnisleistung, aber auch einfache mathematische Fähigkeiten zu messen. In dieser Studie zeigten die Probanden nach Ablauf der drei Monate keine verringerte Gedächtnisleistung. Die Frage ist aber immer, wie man ein komplexes Konstrukt wie Gedächtnisleistung erfasst – da gibt es ganz unterschiedliche Methoden. Interessanterweise schnitten die Probanden, die das Smartphone stark nutzten, nach drei Monaten dafür aber schlechter bei mathematischen Schnelltests ab. In einer anderen Studie um Kostadin Kushlev führte die Anweisung, das Smartphone in einem Experiment dauernd zu nutzen, zu Unkonzentriertheit und ADHS-ähnlichen Verhaltensweisen. Diese ersten Smartphone-Studien legen also nahe, dass die ständigen Unterbrechungen durch das Smartphone durchaus Einfluss auf unsere Psyche nehmen können.

Gibt es neben diesen negativen Auswirkungen auch positive Effekte?

Transfereffekte im positiven Sinne sind vor allem bei Computerspielen untersucht worden – insbesondere bei denen, die eigentlich in Verruf geraten sind: bei Ego-Shooter-Spielen wie Counter Strike. Bei diesen Spielen müssen die Spieler auf sehr viele Reize schnell reagieren. Einige Arbeiten haben gezeigt, dass das Spielen die räumliche Vorstellungskraft schulen kann. Dazu muss ich allerdings sagen, dass eine neue Übersichtsarbeit von Giovanni Sala und Kollegen diese Effekte in einem breiteren Kontext zusammenfassend nicht über viele Studien hinweg beobachten konnte. Das bedeutet, dass es solche Transfereffekte möglicherweise gar nicht oder nur in schwacher Art und Weise gibt. Die Auswirkungen solcher Spiele auf das Aggressionspotenzial, die einige Studien gemessen haben, sind nach Übersichtsarbeiten aber auch eher als gering einzuschätzen.

Unser Gehirn ist heutzutage mit ganz anderen Bedingungen konfrontiert als noch vor zwanzig Jahren. Wie wirkt sich die Digitalisierung grundsätzlich auf seine Struktur aus?

Unser Gehirn ist neuroplastisch. Das bedeutet, es verändert sich ständig. Auch Ihr Gehirn wird nach diesem Gespräch nicht mehr das gleiche sein wie vorher. Das ist eigentlich ein schöner Gedanke: Alles, was wir im Alltag erleben, hinterlässt einen Fußabdruck. Die Intensität einer Erfahrung beeinflusst dabei, wie groß dieser Abdruck am Ende des Tages ausfällt. Übrigens: Wenn sich Ihr Gehirn nicht verändern würde, könnten Sie sich später nicht an dieses Gespräch erinnern.

Was uns in der Forschung noch fehlt, sind allerdings „in vivo“ Methoden, also bildgebende Verfahren des Gehirns im lebenden Menschen, um diese Veränderungen auf molekularer Ebene abzubilden. Unsere aktuellen Methoden im Humanbereich beziehen meist Verfahren wie die Magnetresonanztomographie ein. Diese Verfahren sind toll, verschaffen uns aber momentan eher auf etwas gröberem Niveau einen Überblick über die Arbeitsweisen des menschlichen Gehirns.

Ich bin davon überzeugt, dass die tägliche Auseinandersetzung mit digitalen Welten Spuren hinterlassen wird. Die Frage ist nur, welche genau. Ein Beispiel: Bei einer Studie mit Spielern eines Massively Multiplayer Online Role Play Games (MMORPG) haben wir herausgefunden, dass erfahrene Spieler, die – im Selbstreport – süchtiger nach dem Spiel sind, einen kleineren orbitofrontalen Cortex haben. Bei Probanden, die zuvor noch nie dieses MMORPG gespielt hatten und das nun für sechs Wochen taten, verringerte sich das Hirnvolumen in diesem Bereich, zeitgleich stiegen die Suchtwerte dieser Gruppe im Selbstreport leicht an. Das Areal scheint also direkt mit der Suchtentstehung im Zusammenhang zu stehen. Wir konnten also zeigen, dass dieser Effekt möglicherweise auf das Spielen zurückzuführen ist.

Beim Thema Digitalisierung scheint es unter den Psychologen und Neurowissenschaftlern zwei Lager zu geben: diejenigen, die in der Digitalisierung ein Teufelswerk und solche, die neue Potenziale sehen. Zu welcher Gruppe zählen Sie?

Digitalisierung hat immer zwei Seiten. Die Erfindung des iPhones, die ja gerade einmal elf Jahre her ist, war eine wahnsinnige Errungenschaft. Sie hat aber nicht nur die Kommunikation vereinfacht, sondern auch das Tempo beschleunigt, in dem wir arbeiten. Ich bin überzeugt, dass wir die Arbeit, die wir vor 20 Jahren gemacht haben, heute in der Hälfte der Zeit schaffen. Dennoch arbeiten wir nicht vier Stunden weniger, sondern häufig länger. Wir müssen erkennen, dass die digitale Revolution – eigentlich eine Entwicklung, die uns auch arbeitstechnisch entlasten sollte – de facto alles beschleunigt. Und zwar um einen so großen Faktor, dass wir nun noch länger im (mobilen) Office sitzen. Das scheint mir eines der Kernprobleme zu sein.

Ansonsten muss man sehen, dass wir in unserem Alltag sehr viele unterschiedliche digitale Inhalte nutzen. Man kann ihre Wirkung also nicht pauschal beurteilen. Es macht einen Unterschied, ob jemand das Feuilleton der Zeit auf dem Tablet liest oder ständig auf Online-Pornografie-Webseiten unterwegs ist und vielleicht eine Abhängigkeit entwickelt. Auch das Smartphone ist per se nicht gut oder schlecht. Positive und negative Folgen hängen davon ab, wie wir diese Technologien nutzen. Kurzum, die Nützlichkeit der digitalen Revolution für jeden Einzelnen wird sich darin widerspiegeln, ob wir lernen, Smartphone & Co. smart zu nutzen.

Wie sieht denn smarte Nutzung aus?

Um das zu illustrieren, habe ich vor Jahren bereits eine umgekehrte U-Funktion aufgestellt, die den Zusammenhang zwischen produktivem Arbeiten und Smartphone-Nutzung beschreibt. Wenn Sie Ihr Smartphone smart einsetzen, dann macht Sie das Gerät produktiver. Es gibt aber einen Scheitelpunkt, an dem das Ganze kippt und das Gerät Sie unproduktiv macht. Dieser Punkt beginnt meines Erachtens da, wo Sie im Alltag nur noch unterbrochen werden. Wenn Sie unser Gespräch später aufschreiben und dabei alle zwei Minuten eine neue E-Mail oder WhatsApp-Nachricht lesen – dann werden Sie nie fertig. Unser armes Gehirn kann gar nicht anders, als auf diese neuen Hinweisreize zu reagieren: Sie könnten ja wichtig sein. Tatsächlich haben wir es hier aber mit zahlreichen Mikrounterbrechungen zu tun, und diese sorgen häufig dafür, dass wir nicht mehr vertieft arbeiten können. Es gibt übrigens eine neue spannende Studie, die gezeigt hat, dass das Smartphone schon dann kognitive Ressourcen abzieht, wenn es nur vor einem auf dem Schreibtisch liegt. Sie können sich nicht mehr auf Ihre Arbeit am Computer konzentrieren, weil Sie ständig darauf warten, dass auf dem Smartphone etwas Nettes passiert.

 

„Soziale Netzwerke arbeiten mit perfiden Mechanismen, um sozialen Druck zu erhöhen“

 

Bin ich also schlicht konditioniert?

Ja, tatsächlich beobachten wir hier einen schlichten Lernmechanismus. Wir reisen einmal zurück in die Zeit vor der Einführung des iPhones: Sie gehen nach Feierabend zur Bushaltestelle und verpassen den Bus. Was tun Sie dann? Sie lesen vielleicht ein Buch oder unterhalten sich mit einem Kollegen. Dieselbe Situation nach der Einführung des Smartphones: Der Bus fährt weg, Sie ärgern sich – und dann erinnern Sie sich, dass Sie jetzt mobil E-Mails beantworten können. In diesem Moment gewöhnen Sie sich an, an der Bushaltestelle immer das Smartphone in die Hand zu nehmen. Nach einigen Wochen reicht der Hinweisreiz Bushaltestelle alleine aus, damit Sie das Gerät automatisch in die Hand nehmen.

Was kann ich tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Darauf kann ich Ihnen leider nur eine ernüchternde Antwort geben. Eine Studie hat kürzlich untersucht, wie lange es dauert, eine neue Gewohnheit zu lernen. Im Median sind es 66 Tage. Das ist ganz schön lang. Wäre diese Zahl auf die Gewohnheitsentwicklung mit dem Smartphone übertragbar, würde das bedeuten, dass Sie es jedes Mal, wenn Sie die Arbeit verlassen, in die hinterste Rucksacktasche stecken müssten. Dann müssten Sie etwa 66 Tage zur Bushaltestelle gehen und ins Leere greifen. Das Problem ist aber: Die Bushaltestelle ist nicht der einzige Hinweisreiz, der mit dem Smartphone verknüpft ist. Mittlerweile gibt es unzählige andere, die uns reflexartig zum Smartphone greifen lassen.

 

„Das Smartphone ist ein Schlafkiller“

 

Die Rucksacktasche allein reicht also nicht aus. Was können wir noch tun, um unsere Smartphone-Nutzung zu reduzieren?

Ich selbst verbringe auch zu viel Zeit mit meinem Smartphone. Daher habe ich mir angewöhnt, es im Schlafzimmer gar nicht mehr zu benutzen. Dafür habe ich mir wieder einen analogen Wecker angeschafft. Wir wissen, dass die abendliche Smartphone-Nutzung mit einer kürzeren Schlafdauer und -qualität einhergeht, da viele von uns es nicht dabei belassen, das Gerät als Wecker im Schlafzimmer zu nutzen, sondern abends aus dem Bett heraus noch sehr lange im Internet surfen. Auf einmal ist es ein Uhr nachts, der Smartphone-Wecker klingelt aber trotzdem um sechs Uhr morgens … Zusätzlich vergessen viele, die Messenger-Funktionen lautlos zu stellen, so dass sie nachts von eingehenden Nachrichten geweckt werden. Das Gerät ist ein Schlafkiller, das muss man schon so sagen.

Im Alltag trage ich außerdem wieder eine Armbanduhr. Ich benötige also nicht mehr mein Smartphone, um nach der Zeit zu schauen. Das Blöde ist ja, dass es nie beim Blick auf die Zeit bleibt. Wenn ich das Gerät in der Hand habe, sehe ich plötzlich, dass ich eine Nachricht bei WhatsApp bekommen habe. Auf einmal hänge ich 20 Minuten am Smartphone, und wenn ich es wegstecke, weiß ich immer noch nicht, wie spät es ist.

Neben der Gewohnheit spielt auch sozialer Druck eine Rolle. Arbeitgeber, Freunde – alle erwarten eine schnelle Antwort …

Soziale Netzwerke arbeiten mit perfiden Mechanismen, um diesen sozialen Druck zu erhöhen. Ein klassisches Beispiel ist die Doppelhakenfunktion bei WhatsApp: Ich habe gesehen, dass du meine Nachricht gelesen hast – wieso antwortest du mir nicht? Meiner Ansicht nach führen die Anbieter solche Dinge ein, um den Traffic auf ihrer Plattform zu beschleunigen und erhöhen.

Ein anderer bedeutsamer Mechanismus ist auf Facebook zu finden: Eine Motivation, die Plattform zu besuchen, ist die Erwartung von positivem Feedback in Form von Likes. Einen Daumen nach unten gibt es nicht. Damit könnten Nutzer entsprechend signalisieren, dass sie beispielsweise Hate Speech nicht tolerieren. Meines Erachtens gibt es den Daumen nach unten nicht, weil sich die Nutzer dann weniger wohl auf Facebook fühlen würden. Wer will schon negatives Feedback bekommen? Das würde den Traffic reduzieren, Facebook würde weniger Daten bekommen und könnte weniger Geld verdienen. In diesem Kontext müssen wir dringend über das gängige Bezahlmodell von Silicon Valley nachdenken: Den Nutzern der meisten Internet-Plattformen wird vorgegaukelt, sie bekämen etwas umsonst. Der Service ist aber nicht umsonst – wir zahlen mit unseren Daten, und die Plattformen sind so konzipiert, dass wir möglichst viele Daten generieren. Wäre es da nicht besser, einen Betrag wie 2,99 Euro pro Monat für einen solchen Service zu zahlen und dann die Gewissheit zu haben, dass die Daten lediglich für die Verbesserung des Service, nicht aber für Wahlkampf-Manipulationen oder eine andere Beeinflussung der Nutzer verwendet werden?

Neben der Tatsache, dass wir mit unseren Daten bezahlen, generiert das Digitale auch viel Stress. Sind analoge Menschen vielleicht glücklicher?

Nein, das würde ich so generell nicht sagen. Außerdem scheint mir das eine theoretische Frage zu sein: In Deutschland nutzen knapp 82 Prozent der Menschen das Internet. Der Rest werden zu einem großen Teil Kleinkinder und sehr alte Menschen sein. Alles dazwischen hat zumindest einen Internetanschluss, meist auch ein Smartphone. Es gibt kaum noch Menschen, die vollkommen analog leben.

Wie passen wir unsere Umwelt an dieses Nutzungsverhalten an?

Mittlerweile werden für Smartphone-Nutzer sogar städtebauliche Veränderungen vorgenommen. Köln und Augsburg testen gerade sogenannte „Smombie“-Ampeln. Sie sind an Bahnhaltestellen in den Boden gelassen und strahlen den Smartphone-Nutzer von unten an, wenn die Bahn kommt. In den USA, in New Jersey, kriegt man sogar einen Strafzettel, wenn man als Fußgänger SMS-schreibend über die Straße geht.

Würden Sie sich so etwas auch für Europa wünschen?

Ich glaube, dass das schnell zu Überregulierung führen kann. Eigentlich sollten wir auf unseren Menschenverstand vertrauen. Das ist aber schwierig, da unser Verhalten besonders in Bezug auf das Smartphone sehr überlernt ist – wir sind uns der eigenen Nutzung nicht mehr gewahr. Wenn ich Sie jetzt frage, wie oft Sie Ihr Smartphone seit vergangenem Mittwoch genutzt haben, dann haben Sie nur eine ungefähre Ahnung. Wir nehmen diese Zeit verzerrt wahr. Unsere Messungen haben gezeigt, dass ein durchschnittlicher Smartphone-Besitzer sein Gerät täglich etwa zweieinhalb Stunden nutzt – und zwar in direkter Interaktion. Wenn wir das auf die Woche hochrechnen, ist das fast ein kompletter Tag. Diesen kompletten Tag könnten wir alle sicherlich sinnvoller nutzen – um uns weiterzubilden, mit Freunden treffen und nicht zuletzt, um mehr Zeit mit unseren Kindern zu haben.

Das klingt jetzt aber doch recht pessimistisch.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein genereller Technologiekritiker. Wir brauchen Digitalisierung, aber wir müssen sie gut steuern, damit sie unsere Gesellschaft verbessert. Auf einer individuellen-gesundheitspsychologischen Ebene bis hin zu einer gesellschaftsrelevanten-politischen Ebene. Die Probleme, die Digitalisierung mit sich bringt, sehen wir gerade in vielen Bereichen.

Wir müssen uns aber zugutehalten, dass uns die Digitale Revolution völlig überrollt hat. Sie überrollt uns immer noch und wir hinken in vielerlei Hinsicht hinterher ohne einmal kurz innehalten zu können und ausreichend Zeit für die Beantwortung von Fragen zu haben wie: Wohin soll uns das alles bringen? Diese Debatte brauchen wir ganz dringend. Die Zeit lässt sich aber auch nicht zurückdrehen, und unsere moderne Gesellschaft ist auf eine gut funktionierende digitale Infrastruktur angewiesen. Ich persönlich möchte nicht ohne Skype leben, wenn ich mehrere Monate in meinem Labor in China verweile und sonst nur schlecht Kontakt zu meiner Frau und Tochter halten könnte. Trotzdem sind viele Konzerne mittlerweile so groß geworden, dass eine gewisse Regulierung notwendig wird. Davon bin ich überzeugt.

Interview: Eliana Berger

 

 

Digitalisierung und unser Gehirn

 

 

 

 

Prof. Dr. Christian Montag ist Leiter des Lehrstuhls für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm und Gastprofessor an der chinesischen Universität UESTC. Er forscht verstärkt zu den Auswirkungen digitaler Prozesse auf den Menschen. Ende 2017 veröffentlichte er zu diesem Thema das Buch „Homo Digitalis“.

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„Die Blockchain ist eine Maschine und handelt auch so“

© Max Dauven 0 1 1 0

Das Potential der Blockchain

 

Der Bitcoin-Boom hat einen digitalen Goldrausch ausgelöst und damit auch die Blockchain-Technologie in den Fokus gerückt. Aber was ist die Blockchain eigentlich? Prof. Gilbert Fridgen erklärt in diesem Interview die Idee der Blockchain. Denn neben dem Investitions- und Finanzpotential bietet die Blockchain bislang ungedachte Chancen für eine moderne Gesellschaft.

Herr Prof. Fridgen – die Blockchain scheint die Technologie der Digitalisierung zu sein. Bitcoins und andere Kryptowährungen haben in den letzten Jahren einen wahren Goldrausch erlebt. Wir wollen einen Blick auf die zugrundeliegende Technologie – die Blockchain – werfen und über das unternehmerische Potenzial dieser Technologie sprechen. Herr Prof. Fridgen, Blockchain, was ist das eigentlich?

Die Blockchain ist, einfach gesagt, ein Zusammenschluss von vielen Computern auf der ganzen Welt. Anders als etwa in einer Bank, die einen großen Server in ihrer Zentrale hat, ist die Blockchain ein dezentrales System mit verteilten Rechnern weltweit. Um dies anschaulicher zu machen, bringe ich gern ein Beispiel: Stellen Sie sich die Blockchain als ein Notizbuch vor, das jeder in der Tasche hat. Doch dieses Notizbuch hat besondere Eigenschaften. Wenn jemand etwas in das Buch schreibt, dann taucht es bei allen Buchbesitzern gleichzeitig auf, und alles, was ich in das Buch schreibe, kann ich nicht mehr herauslöschen. Diese Eigenschaften sorgen dafür, dass so etwas wie Kryptowährungen möglich sind. Denn wenn ich Ihnen etwa Geld überweisen will, dann schreibe ich das in das Notizbuch rein, und jeder kann sehen, dass ich Ihnen Geld überwiesen habe. Die Transaktion wird transparent. Wenn Sie dann einen Teil des Geldes weitergeben wollen, dann weiß jeder, der in das Notizbuch schauen kann, dass Sie das Geld weitergeben dürfen, da Sie es zuvor von mir erhalten haben. Man nennt das gemeinsame Wahrheit.

Transparenz ist also das große Stichwort. Abseits von Kryptowährungen – welche Chancen bietet die Blockchain für die Gesellschaft?

Auf die Seiten des „Notizbuchs“, also der Blockchain, können Sie viel mehr schreiben als ein Währungssystem. Die Idee der gemeinsamen Wahrheit ist die Basis. Der nächste Schritt sind sogenannte Smart Contracts. Das sind Verträge, die durch die Eigenschaften der Blockchain gültig werden. Also dadurch, dass jeder die digitalen Vorgänge einsehen kann, sind sie transparent. Mit Transparenz werden sie kontrollierbar, mit Kontrolle und Anerkennung werden sie gültig. Durch diese allgemeine Gültigkeit fällt der Intermediär, also ein Vermittler zwischen zwei oder mehreren „Parteien“, weg. Und das ist spannend.

Warum? Können Sie das präzisieren?

Ich kann plötzlich vertrauensvoll Verträge schließen und Vorgänge abwickeln, ohne dass ich dafür eine dritte Instanz brauche. Das Netzwerk, also die Blockchain, validiert eine Transaktion oder einen Vertrag selbst. Also brauche ich beispielsweise keine Bank mehr, die als Intermediär für mich die Finanzgeschäfte koordiniert und abwickelt. Und das bietet viele neue Chancen – auch für die Gesellschaft.

Werden Banken also künftig überflüssig?

Nein. Die Banken sind früh auf das Thema Blockchain und Kryptowährungen aufmerksam geworden. Eben weil sie sich als Intermediär bedroht sahen. Die Banken hatten durchaus Angst, dass man künftig keine Finanzdienstleister mehr braucht. Es stimmt zwar, dass manche Transaktionsprozesse künftig ganz ohne Bank, oder zumindest deutlich leichter abgewickelt werden können. Aber Banken tun noch mehr für die Gesellschaft und die Kunden, als ein reiner Transaktionsabwickler zu sein. In der Anlageberatung, bei der Ihnen ein echter Mensch gegenübersitzt und mit Ihnen die Altersvorsorge plant, wird die Blockchain den Bankangestellten beispielsweise nicht ersetzen können. Spannend wird es mit der Blockchain vor allem dort, wo es den Intermediär bislang gar nicht gibt.

Und doch ist vieles durch Zwischeninstanzen geregelt. Gesetzgeber, Staatenbund, Management – wo fehlt uns denn ein Intermediär?

Das sind meistens Gebiete, in denen geographisch oder organisatorisch etwas gegen einen Intermediär spricht. Lassen Sie mich dafür ein Beispiel anbringen. Es gibt bereits viele Initiativen, die versuchen, einen Intermediär einzusetzen. Das erste große Feld ist die Internationale Handelsfinanzierung – International Trade Finance. Da schreibt man der Blockchain viel Potenzial zu, denn bis heute ist der internationale Handel papierbasiert. Wenn Sie als deutscher Importeur aus China einen Schiffscontainer Ware bestellen, dann kommt zu dieser Containerladung etwa ein 15 Zentimeter hoher Papierstapel mit Dokumenten, die den Handel regeln und dokumentieren, überprüfen und gültig machen. Und dieser Dokumentenstapel liegt nicht etwa im Container drin, sondern wird zwischen den verschiedenen Handelspartnern, Banken, Hafenbehörden und dem Zoll hin- und hergeschickt, zum Teil mehrfach um die Welt.

Warum sind so viele auf Papier gedruckt Dokumente nötig? Und wie kann die Blockchain helfen?

Man hat bis heute keinen digitalen Standard für den Internationalen Handel etabliert, denn die Einführung ist komplex. Es gibt eine Vielzahl von Parteien mit unterschiedlichen Zielsetzungen, die teilweise im Konflikt stehen. All diese Interessen müssten sich in einem gemeinschaftlichen Abkommen wiederfinden. Das ist extrem wichtig, denn eigentlich schreit das ganze System nach einem Plattformbetreiber für den internationalen Handel. Einem Intermediär, der die Prozesse kontrolliert und abwickelt. Aber dann kommen die großen Fragen auf: Welchen Standort soll der Plattformbetreiber, der Intermediär, auswählen? Wer betreibt die Plattform? Wenn die Amerikaner die Plattform betreiben, werden die Chinesen ihren Warenhandel nicht über diese Plattform abwickeln. Schon gar nicht, wenn der Firmensitz in dem Rechtsgebiet liegt, das von Donald Trump beeinflussbar ist. Andersherum wäre es übrigens genauso – dafür ist der internationale Handel zu wichtig und komplex. Und hier kommt die Blockchain, die regionsunabhängig ist, ins Spiel. Basierend auf der Idee der gemeinsamen Wahrheit wären alle Transaktionen und Prozesse, Abkommen und Aktionen transparent. Für alle am Handel beteiligten Parteien, unabhängig von geographischen Grenzen. Die Blockchain könnte der Intermediär für den Internationalen Handel werden. Und, ganz nebenbei, würde man einen Haufen Papier sparen.

Wann, schätzen Sie, erreicht uns diese Technologie denn im Alltag?

Ich glaube, dass sie uns spätestens im kommenden Jahr erreicht. Wenn sie es nicht schon bereits getan hat. Ich hoffe nur, dass Sie das gar nicht merken.

Warum hoffen Sie das?

Wenn Sie sich aktuell Blockchain-Lösungen für Kryptowährungen, Intermediäre und internationalen Handel anschauen, dann sind sie für den Laien viel zu kompliziert. Die Blockchain wird nie ein breites Verständnis finden. Das muss sie aber auch nicht, denn der Endnutzer muss die Blockchain nicht aktiv nutzen. Ich glaube eher, dass wir uns daran gewöhnen, dass Dinge künftig schneller und einfacher funktionieren. Was genau dann im Hintergrund mit der Blockchain passiert, das muss nicht jeder begreifen. Es ist ein bisschen wie beim Online-Banking. Daran haben wir uns auch gewöhnt und nutzen es tagtäglich, ohne zu wissen, was genau da jetzt auf den Bank-Servern passiert. Es funktioniert einfach. Wenn Sie heute jemanden auf der Straße fragen, wie Online-Banking funktioniert, dann wird er Ihnen sagen, dass er seinen Browser öffnet, auf die Seite seiner Bank geht und Geld überweist. Das Wie ist nicht entscheidend. Und so wird es auch mit der Blockchain-Technologie sein. Überspitzt gesagt, ist die Technologie in unseren Alltag integriert, wenn wir nichts davon merken.

Aber der Internationale Handel ist ein großes Feld, die Vorgänge – ob mit oder ohne Blockchain – sind schwierig nachzuvollziehen. Wieso bietet die Blockchain hier eine Chance für die Gesellschaft?

Wenn die Technologie im Alltag angekommen ist, dann werden Sie es im Kleinen merken. Plötzlich werden Produkte im Supermarkt billiger, weil Bürokratie- und Verwaltungskosten wegfallen, da alle Transaktionen transparent über die Blockchain abgewickelt werden. Oder Sie lesen von einer besseren Öko-Bilanz, weil nicht mehr Millionen Papierseiten für den Handel durch die Welt geflogen werden müssen. Dann haben auch die Produkte, die Sie kaufen, automatisch einen besseren ökologischen Fußabdruck.

Das wäre wünschenswert. Aber gibt es nicht praktischere Anwendungsmöglichkeiten im Alltag, bei denen mir die Blockchain aktiv hilft?

Ja, ich hoffe, dass es sie geben wird. Aber um das genauer zu erklären, muss ich nochmal klar sagen, dass die Blockchain als vermittelnde, transparente Instanz zwischen Parteien funktionieren kann: als Intermediär. Und zwar anders als bislang. Aktuell haben Sie als Intermediäre fast ausschließlich Dienstleister und Unternehmen, die sich ihre Funktion als Intermediär bezahlen lassen. Sie haben ein wirtschaftliches Interesse – die Blockchain hat das nicht. Was bedeutet das für Nutzer, Kunden, Privatpersonen? Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel anführen. Wenn Sie eine Reise buchen, etwa zu mir zur Universität Bayreuth, wie würden Sie vorgehen?

 

„Die Blockchain ist transparent, […] man nennt das gemeinsame Wahrheit“

 

Wahrscheinlich würde ich zum Bahnhof fahren, ein Ticket nach Bayreuth buchen und mit dem Zug losfahren. In Bayreuth würde ich mir dann vielleicht ein Taxi nehmen oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.

Genau. Vielleicht würden Sie aber noch weitergehen. Vielleicht buchen Sie sich über einen Bike-Sharing-Service am Handy ein Rad zum Bahnhof, kaufen ein Zugticket, fahren nach Bayreuth, mieten sich dort ein Auto bei einem Car-Sharing-Service und fahren zu mir. Sie würden in jedem Fall verschiedene Verkehrsmittel vergleichen oder sogar kombinieren. Dafür gibt es bereits Apps und Portale, die Ihnen einen Weg vorschlagen und die möglichen Verkehrsmittel anbieten. Was es allerdings nicht gibt, ist der „Buchen“-Knopf. Und zwar ein einziger Knopf für alle Verkehrsmittel. Eine Buchung für die komplette Tour von Startpunkt bis zum Zielort. Warum gibt es diesen Knopf in der App nicht, wobei wohl fast jeder Reisende zustimmen würde, dass dies sehr praktisch wäre?

Es fehlt der Intermediär, der zwischen den Unternehmen und Angeboten vermittelt?

Exakt. Und warum gibt es den nicht? Weil jeder Anbieter gern auch Intermediär wäre. Daran könnten die Unternehmen zusätzlich verdienen. Und weil jeder gerne die vermittelnde Instanz wäre, stellen sich alle quer, und am Ende wird es niemand.

Die Deutsche Bahn ist da am weitesten. Die hat in der „DB Navigator“-App zu ihrem Bahnangebot zumindest noch die öffentlichen Verkehrsangebote integriert. Aber die Automobilkonzerne schlafen nicht. Wenn autonomes Fahren präsenter wird, dann werden wohl autonome Taxis über die Straße fahren, und das wird die Zukunft der Automobilkonzerne sein – nicht der reine Autobau, sondern das Angebot als Mobilitätsdienstleister. Die Konzerne wollen dann der sein, bei dem Sie ihre Reise buchen. Also drängt sich jeder in die Rolle des Intermediärs. Weil dies nur mit Kooperation gelingen kann, wird es am Ende keiner. Obwohl es bereits einige Start-Ups gab, die versucht haben, als Vermittler zwischen den großen Unternehmen aufzutreten. Aber sobald ein großer Konzern einsteigt, machen die anderen dicht. Das wirtschaftliche Interesse schlägt die Nutzbarkeit für den Kunden.

Und deswegen könnte auch hier die Blockchain helfen?

Genau, wie beim Internationalen Warenhandel fällt das wirtschaftliche Interesse bei der Blockchain weg. Überwiegen würde dann die Transparenz für die Unternehmen und die Nutzbarkeit für den Kunden. Ich, als vielreisender Mensch, würde mich jedenfalls riesig über den „Buchen“-Button freuen. Und so würde es jedem Reisenden gehen. Dass im Hintergrund die Blockchain als Intermediär arbeitet, das wird dann egal sein. Genau wie jetzt beim Online-Banking.

Transparenz, Nutzerfreundlichkeit, Fairness, unveränderbare Regeln – das klingt, als wäre die Blockchain die ultimative Lösung. Hat die Technologie auch Schwachstellen und Probleme? Birgt sie vielleicht sogar Gefahren?

Ja, aber das ist nicht der Kritikpunkt, der immer zuerst genannt wird, und zwar der Stromverbrauch. Es stimmt, die Blockchain – damit ist die Bitcoin-Blockchain gemeint – verbraucht viel Strom. Aber die Technologie ist zehn Jahre alt und längst überholt. Das wäre so, als würden Sie sich den ersten Computer anschauen und sagen, der ist ganz schön langsam und verbraucht viel Strom. Die Technologie wurde aber weiterentwickelt, es gibt nun viel effizientere Systeme.

Welcher Makel der Blockchain ist für Sie dann größer?

Die Blockchain ist eine Maschine und handelt auch so. Dementsprechend führt sie die auf ihr geschriebenen Regeln, Verträge und Prozesse aus, ohne nachzudenken.

Können Sie das etwas greifbarer machen?

Natürlich. Es gibt Überlegungen, unsere öffentliche Verwaltung mit der Blockchain-Technologie zu digitalisieren und über transparente Verträge laufen zu lassen. Auch hier würden wir viel Papier sparen, keine Frage. Aber dann haben wir eine Dimension der Bürokratie, die wir uns nicht vorstellen können. Die Blockchain würde nach harten Regeln handeln und entscheiden. Jegliches Augenmaß und menschliche Kontrolle würden uns irgendwann fehlen. Und dann werden wir uns wie Getriebene fühlen. Getrieben von der Maschine. Das ist eine Gefahr. Aber es ist auch lösbar. Es ist komplex, aber trotzdem unsere Aufgabe, das Problem aktiv anzugehen und zu lösen.

Gibt es weitere Probleme der Blockchain?

Ja, einige. Eine wichtige Schwierigkeit ist, dass die Blockchain keiner Gerichtsbarkeit unterliegt, da sie nicht in einem geographischen Rechtsraum angesiedelt ist, sondern international ist. Wenn ich Ihnen etwa zu viel Geld via Blockchain überweise, Sie sich weigern, mir das Geld zurückzugeben, und in einem Land sitzen, mit dem kein Rechtsabkommen besteht, dann habe ich derzeit keine Möglichkeit, um das Problem zu lösen. Deswegen müssen wir dringend eine internationale Rechtsgrundlage für die Blockchain schaffen. Denn wenn wir erst einmal anfangen, mehr und mehr Prozesse auf die Blockchain umzulegen, dann werden wir irgendwann auf Probleme stoßen, die sich dann nur noch sehr schwer lösen lassen werden. Und das ist kein rein technologisches Thema. Wir müssen dazu interdisziplinär arbeiten – mit Wirtschaft, Recht, Gesellschaft.

Wohin geht die Reise mit der Blockchain?

Mit dem Boom des Bitcoins wurde das Thema in der breiten Gesellschaft präsent. Plötzlich wollte jeder dabei sein und dachte, die Blockchain wird schon morgen die Welt revolutionieren. Ich fand es positiv, dass sich die Menschen mit neuer Technologie befasst haben. Und diejenigen, die früh dabei waren und mit dem Bitcoin-Boom reich geworden sind, sind das meiner Meinung nach zu Recht geworden. Sie haben die Chancen erkannt und sind meistens diejenigen, die sich nun ihr Start-Up mit spannenden neuen Ideen für die Gesellschaft finanzieren können. Geld wurde in einen innovativen und kreativen Bereich gespült, das finde ich erstmal positiv. Außerdem glaube ich, dass unser bisheriges Wirtschaftssystem nicht von den Kryptowährungen abgelöst wird. Viel mehr denke ich, dass die Europäische Zentralbank früher oder später den Euro auch als Kryptowährung anbieten wird. Und zwar, weil wir immer noch am liebsten mit einer harten Währung wie dem Euro handeln und uns nicht auf Bitcoin, Ethereum oder ein anderes digitales Zahlungsmittel verlassen wollen. Das geht sogar so weit, dass sich Leute ihren Bitcoin als Münze mit einem Code drucken lassen.

Ich glaube, dass es jetzt erst richtig losgeht. Der Hype und der Goldrausch sind erst mal vorbei. Nun setzen sich Unternehmen und Kreative mit der Technologie auseinander und versuchen, die neuen Potentiale wirklich umzusetzen. Die Technologie wird uns weiter begleiten, aber nicht primär als Kryptowährung, sondern als höherwertige Infrastruktur.

Interview: Martin Böhmer

 

 

Blockchain

 

 

 

 

Gilbert Fridgen ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Nachhaltiges IT-Management an der Universität Bayreuth. Zudem leitet er stellvertretend die Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) und ist Gründer wie auch Leiter des Fraunhofer Blockchain Labors.

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„Nur wer ignorant ist, kann intelligent operieren“

© Max Dauven Module #1

Dogmatisch ohne Dogma: Kann Kommunikation die Religion ersetzen?

 

In der digitalen Welt scheinen alle mit allen zeitgleich in Verbindung zu stehen. Das Resultat: ein erhöhtes Bewusstsein für die Ereignisse rund um den Erdball. Medienwissenschaftler Professor Norbert Bolz berichtet im Gespräch mit 42, wie das Leid der Welt, das wir täglich live miterleben, unsere Moral verändert und wo wir Halt suchen.

Herr Professor Bolz – ist das derzeitige Überangebot an Informationen ein Problem?

Der „Information Overload“, also die Verfügbarkeit von zu viel Information, ist ein altes Thema, aber eigentlich ist es ein Scheinproblem, denn es gibt unendlich viele ganz natürliche Filter, um der Überforderung entgegenzuwirken. Ignoranz und Vergessen, das sind unsere wichtigsten Kräfte. Nur wer ignorant ist, kann im Grunde intelligent operieren, indem er sich auf bestimmte Informationen konzentriert und diese weiterverarbeitet. Das Vergessen ist dabei ein ganz wesentliches Element, um agil zu bleiben. „Information Overload“ ist dabei ein rein technischer Begriff, der anthropologisch keine Grundlage hat, da unsere natürlichen Filter nur ein bestimmtes Maß an Information zur Weiterverarbeitung durchlassen. Natürlich kann man sich überarbeiten oder überfordert fühlen, aber erst seitdem wir neue, medial so wirksame Begriffe wie „Burnout“ oder „Information Overload“ dafür gefunden haben, entfalten sie ihre rechtfertigende, gar entschuldigende Wirkung.

Gibt es in der Mediengeschichte Beispiele für ähnlich weitreichende Veränderungen oder stellt die Digitalisierung ein Novum dar?

Natürlich ist die Digitalisierung eine weichenstellende Veränderung, aber sie ist nicht ganz ohne Parallelen zu bisherigen Entwicklungen in der Geschichte. Die Erfindung des phonetischen Alphabets durch die alten Griechen und dann natürlich die Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg sind zwei vergleichbare Ereignisse, die einen ähnlichen Umsturz der gesamten Weltkultur mit sich gebracht haben. Aber angesichts der heutigen Selbstverständlichkeit von Schrift und Drucktechnik, die sich, mit einem Abstand von 500 beziehungsweise 2500 Jahren betrachtet, natürlich eingestellt hat, scheinen uns diese beiden Ereignisse harmlos, während wir die Digitalisierung in unserer eigenen Lebenszeit miterleben. Deshalb wirkt sie natürlich sensationeller und noch revolutionärer. Aber im Grunde handelt es sich um die drei großen, durchaus vergleichbaren Zäsuren in der Mediengeschichte.

Wir befinden uns also im Übergang von der Gutenberg-Galaxis – einer Welt, die grundlegend vom Buch als Leitmedium geprägt ist – in das digitale Zeitalter. Wodurch wird dieses neue Zeitalter charakterisiert?

Wir steuern auf ein Zeitalter der sekundären Oralität, also der zweiten Mündlichkeit, zu, wie es schon die Medienwissenschaftler Walter Ong und Marshall McLuhan vorausgesagt haben. Das lässt sich vor allem daran erkennen, dass sich im Medium der Schrift, das natürlich nach wie vor bindend ist, immer mehr orale Charakteristika durchsetzen. Bedingt durch die technologischen Möglichkeiten gleicht sich unser Schriftgebrauch dem Sprechverhalten zunehmend an. Es gibt eine größere Lässigkeit, auch Nachlässigkeit, wenn man so will, und es wird spontaner interagiert. Auch die Formen der Höflichkeit verschwimmen. All das hängt mit dem Verlust der Distanz zusammen, die das Medium der Schrift ursprünglich geboten hat. Wenn man sich hinsetzt und einen Brief schreibt, dann rechnet man nicht mit einer sofortigen Reaktion, sondern geht davon aus, dass zwischen dem Geschriebenen und einer Antwort eine zeitliche Distanz liegt. Dadurch fällt die Zeit des Verarbeitens, der Kontemplation weg. Die Zeit des Nachdenkens, die früher durch das postalische Prinzip gegeben war, gibt es heute nicht mehr. Wir leben dafür in einer Welt der Gleichzeitigkeit, entsprechend beschleunigt wird auch unser Kommunikationsverhalten. Am deutlichsten zu sehen ist das an Messenger-Diensten wie Whatsapp, iMessage oder Facebook. Hier ist die Erwartungshaltung einer sofortigen Antwort schon implizit in jeder Nachricht enthalten. Darüber hinaus kann man einfach Sprachnachrichten verschicken und so das Medium der Schrift umgehen. All diese Entwicklungen sind Formen einer zweiten Oralität.

In seiner These, das „Medium ist die Botschaft“, relativiert McLuhan die Bedeutung von Medieninhalten und betont den gesellschaftlichen Einfluss der Eigenarten des genutzten Mediums an sich.

Diese berühmte These von McLuhan halte ich für die weitreichendste, weil sie den Blick weg vom Inhalt auf das Wesen des Mediums lenkt. Wie McLuhan es selbst einmal ausgedrückt hat: Man wirft den Menschen die Inhalte wie einen Leckerbissen vor, um sie abzulenken von dem, was sie wirklich prägt, nämlich die Formatierung durch die Medien selbst. Formatierung bedeutet hier die Beeinflussung unseres Medienkonsumverhaltens. McLuhan bricht diese fast laienhafte Fixierung auf Inhaltlichkeit auf. Das haben die Kulturpessimisten im Grunde schon richtig gesehen. Es ist nicht so wichtig, was heute in den Tageszeitungen steht, sondern, dass wir diese Form des Mediums als Informationsquelle nutzen, und nicht mehr ein Buch.

 

„Die Grenzen des Menschen sind nicht mehr die Grenzen seiner fünf Sinne, sondern eher die Grenzen seiner Technologien“

 

McLuhan versteht Medien außerdem als eine Art Verlängerung des Körpers. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Das ist ein fast holzschnittartiger Übertrag aus der Soziologie, wie etwa der Hammer als Verlängerung der menschlichen Faust oder das Teleskop als Erweiterung des menschlichen Auges. Im Grunde ist es das, was wir seit Jahrhunderten im Alltag erleben. Eben, dass der Mensch sich in seinen fünf Sinnen technisch ausrüstet, bis hin zum Computer, den schon McLuhan als Extension des zentralen Nervensystems definiert hat. Und so verändern auch die Medien, als technische Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeit, die Sicht auf die Welt. Das ist bildlich natürlich alles etwas übertrieben, aber man kann nicht leugnen, dass die Grenzen des Menschen nicht mehr die Grenzen seiner fünf Sinne sind, sondern eher die Grenzen seiner Technologien. Diese technologischen Prothesen, in Anlehnung an Sigmund Freuds Begriff des „Prothesengottes“, führen dazu, dass wir andere Schnittpunkte mit der Welt haben und dementsprechend auch andere Weltbilder. Das „Göttliche“ hier als Selbstzuschreibung des Menschen, der sich, getrieben von der Fantasie, allmächtig und allwissend zu sein, an die Spitze der Schöpfung setzt. Tatsächlich ist der Mensch aber ein radikal auf Technik angewiesenes Wesen. Je moderner die Welt wird, desto größer wird die Technikabhängigkeit. Daraus muss man aber nicht gleich die Cyborg-Fantasien des Transhumanismus ableiten, das ist wohl eher Marketing.

Führt der technische Fortschritt zu einer Art weltumspannender Kommunikation?

Ja. Es gibt Ebenen, auf denen es bereits eine Weltkommunikation gibt. Das liegt aber gar nicht so sehr auf der Ebene der gesprochenen Sprache, obwohl man da ja auch viele Anstrengungen unternimmt, sondern in Kommunikationsverhältnissen, die längst weltweit etabliert sind: Denken Sie nur an wirtschaftliche oder auch wissenschaftliche Kommunikation. Beide gehen über Ländergrenzen hinweg und sind universal. In der Wissenschaft gibt es Standards und funktionierende Falsifikationsmechanismen, in der Wirtschaft gibt es das Medium Geld, das mehr oder minder elegant ein weltumfassendes Verständnis zulässt, ohne dass man sich unterhalten müsste. Gerade die universalisierende und homogenisierende Kräfte von Technik, Wissenschaft und Wirtschaft sind Einflüsse, die den Soziologen Niklas Luhmann meiner Meinung nach zu Recht von einer Weltgesellschaft haben reden lassen. Natürlich gibt es so viele Systeme, so viele Ungleichheiten. Aber wenn man in die Schlüsselbereiche unseres Lebens schaut, dann gibt es so etwas wie Weltkommunikation, und die muss eben nicht unbedingt sprachlich ablaufen.

Das bedeutet, Weltkommunikation ist nicht an einen einheitlichen Sprachgebrauch, sondern viel mehr an die gemeinsame Nutzung von sozialen Institutionen gebunden?

Richtig, Institutionalisierung ist immer die Bedingung für erfolgreiche Kommunikation. Das kapitalistische marktwirtschaftliche System ist dafür ein erfolgreiches Beispiel. Die Welt hat sich hier gemeinsam in eine Richtung entwickelt, sodass wir heute sagen können: Offenbar gibt es bisher nur ein erfolgreiches wirtschaftliches System, nämlich den Kapitalismus. In der Politik hingegen sehen wir diese Erfolgsstory noch nicht.

Überhaupt fällt es schwer von Erfolgsstorys zu sprechen, wenn wir das Leid der Welt direkt auf unsere Laptops streamen können.

Ja, das stimmt. Mehr denn je leben wir in einer Schuldkultur. Man hat tatsächlich das Gefühl, für alles mitverantwortlich zu sein. Für die Schuldkultur ist es charakteristisch, dass man versucht, die eigene Identität über die eigene oder auch kollektive Schuld zu konstruieren. Auch die praktische Politik folgt diesem Ansatz. Der Philosoph Hermann Lübbe geht in seinem Buch „Ich entschuldige mich“ dieser politischen Praxis nach und spürt Narrative der Entschuldigung in der ganzen Welt auf, wie etwa die Entschuldigung gegenüber den Kolonialländern, die Entschuldigung gegenüber den Indianern in Amerika oder in Australien gegenüber den Aborigines. Es gibt mittlerweile hunderte dieser Entschuldigungsrituale. Identität wird nicht mehr über Stolz definiert, wie das in vielen islamischen Ländern und in Europa vielleicht noch in Frankreich, der Grande Nation, der Fall ist. Die Frage nach dem „Wer sind wir?“ wird mittlerweile umgeleitet auf die Frage „Was haben wir alles verbrochen, und können wir dafür Vergebung bekommen?“. Dieses Thema ist mittlerweile wissenschaftlicher Forschungsgegenstand geworden. Studien zeigen: Hypersensibilität und Hypermoral sind tatsächlich Effekte dieser neuen Medienwelt.

Was sagen Sie zu der Sichtweise, dass die Omnipräsenz von Leid und Elend zu einer emotionalen Abstumpfung, einer Taubheit führt?

Dieser Prozess der Abstumpfung und der Taubheit lässt sich tatsächlich beobachten und wird unter dem Begriff der „Compassion Fatigue“ – also einer Erschöpfung durch das eigene Mitleid – zusammengefasst. Es ist bisher allerdings immer noch unsicher, wie sich diese Form der Mitleidserschöpfung und die Kultur der Bußrituale zueinander verhalten, ob es dort eine Art Pendelbewegung gibt. Der gemeinsame Nenner wäre am Ende die Heuchelei. Aber ich möchte da noch keine Position beziehen, denn es wäre sehr weitreichend, die Mitleidsbewegungen, wie etwa in der Flüchtlingskrise, als Heuchelei abzutun. Auf der anderen Seite ist es so, dass die modernen Medien uns in eine weltweite Gleichzeitigkeit versetzen, sodass wir jeden Moment einen Impuls bekommen: „Mensch, da müsste man doch etwas machen, das kann man doch nicht zulassen.“

 

„Egal was in der Welt geschieht − jeder Einzelne fühlt sich davon betroffen“

 

Wie verhalten sich verstärkt emotionalisierte Medieninhalte und der Prozess der Abstumpfung zueinander?

Sie stehen in einer Wechselwirkung. Zum einen führt die Abstumpfung dazu, dass Medieninhalte immer stärker emotional aufgeladen werden müssen, um noch Gehör zu finden, und auf der anderen Seite führt dieses lauter werdende Geschrei und die moralische Überforderung zu einer Art Notwehrreflex, das Ganze von sich zu weisen. Aber es bleibt abzuwarten, wie sich dieses Verhältnis entwickelt. Wie die Zukunft der Weltgesellschaft aussieht, die jeden etwas angeht und die jedem auf der Haut brennt, da wage ich keine Prognose. Walter Ong hat in diesem Kontext das Bild der „sozialen Haut“ verwendet, die den ganzen Erdball umspannt. Egal was in der Welt geschieht − jeder Einzelne fühlt sich davon betroffen. Es gibt eine Art Weltgleichzeitigkeit und Allgegenwart dessen, was sich ereignet. Früher hat es oft Wochen gedauert, bis man von irgendeiner Revolution erfuhr, heute ist man praktisch am selben Abend mittendrin. Durch die Internetkommunikation ist es im Grunde gleichgültig geworden, wo man lebt. Alles, was auf der Welt geschieht, scheint für alle gleichzeitig zu geschehen.

In dieser hypermoralischen Welt suchen wir zunehmend nach Orientierung. Sie bezeichnen Medien als Religionsersatz. Wie ist das zu verstehen?

Ich habe dabei primär an Kommunikation als Religionsersatz gedacht. Im Grunde geht es um eine Art verlängerten Protestantismus. Die Protestanten haben Schritt für Schritt ihre Dogmen aufgegeben, oder zumindest eingeklammert. Kaum ein protestantischer Pfarrer spricht heute noch gerne über die christlichen Zentraldogmen, man hat sie alle in Gesprächsbereitschaft aufgelöst. Das berühmte „Miteinander-Reden“ oder „Reden-wir-darüber“ ist universal geworden und hat den Glauben geschaffen, dass sich alle Probleme dieser Welt durch Kommunikation lösen lassen. Das ist der Heilsglaube unserer Zeit und geht bis in die Politik hinein.

Viele Politiker assoziieren die Politik nicht mehr mit Macht oder gar Gewalt, sondern mit Kommunikation oder Diplomatie. Für meine Begriffe ist das schon eine Zivilreligion. Es gibt im Grunde nur die Weltökumene, die sich selbst erkennen muss und dann sind alle Probleme ausdiskutierbar. Meines Erachtens wird die Funktion der Religion dadurch perfekt erfüllt. Ob man das dann noch Religion nennen kann, ist für mich eine andere Frage, im Gegensatz aber etwas, was Niklas Luhmann zum Beispiel überhaupt nicht interessiert, weil er nur an die Funktion der Religion denkt und nicht an das, was Religion vielleicht einmal als Sinnversprechen gewesen sein mag.

 

„Somit treten Zivilreligionen funktionsgenau an die Stelle etwa der christlichen Kirchen“

 

Spielen Sie hier auf Luhmanns Aussage an, dass nur Religion die Religion ersetzen könnte?

Ja, dabei geht es Luhmann nicht um die Religion im Sinne der Kirche, sondern um eine soziologische Betrachtung des Wesens der Religion. Zum Beispiel ist die stärkste religiöse Bewegung, die es in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg gab, die Umweltbewegung. Da finden sich alle religiösen Elemente wieder: Statt Gott dem Vater im Himmel haben Sie Mutter Erde. Sie haben die Rituale, mit denen man sich dieser Göttin nähert, und natürlich haben Sie auch die religiöse Unduldsamkeit gegenüber all denjenigen, die diesen rechten Glauben nicht fassen wollen. Ohne dass die Grünen in irgendeiner Form als Religionsgemeinschaft eingetragen wären, würde ich mir doch die Freiheit nehmen zu sagen, das ist eine Religion. Somit treten Zivilreligionen funktionsgenau an die Stelle etwa der christlichen Kirchen.

Wie passt dies mit Ihrer These der Kommunikation als Religionsersatz zusammen?

Es kommt darauf an, auf welcher Ebene man sich dem Phänomen Religion nähert. Mir geht es darum, dass die Dogmatik eine immer geringere Rolle spielt und dass man mehr auf das Rituelle und die kultischen Vollzüge achten müsste. Vor allen Dingen interessiere ich mich für das enorme Bedürfnis, das die meisten Menschen danach haben. Ich gehe von der Grundbeobachtung aus, dass das religiöse Bedürfnis immer größer wird, die Attraktivität der großen Religionen aber gleichzeitig nachlässt. Immer weniger Leute gehen in die Kirche, aber immer größer wird das religiöse Bedürfnis als solches, das sich dann eben Ersatzschauplätze suchen muss. So eine Art Ersatzschauplatz der Religion ist auch der Konsum. Wenn man Religion anders als Luhmann mit der Frage nach dem Sinn verknüpft, sieht man, dass sich diese Ersatzschauplätze schafft.

Wie erkennt man diese Ersatzschauplätze?

Die Bereitschaft zu glauben ist auch heute noch groß, aber wenn man nicht mehr an die Erlösung oder das Jüngste Gericht glauben kann, dann glaubt man wenigstens an die Katastrophe, an den absoluten Untergang. Das sind ja nichts anderes als absolute Glaubensgewissheiten, an denen man sich festhält und orientiert. So wird man im Grunde immun gegen Argumente und Kritik. Vielleicht kann man Religion oder Glaubenssysteme am leichtesten daran erkennen, dass sie dogmatisch, also absolut immun gegen Aufklärung sind. Wobei der Dogmatismus für den Gläubigen kein Vorwurf ist, sondern ganz im Gegenteil ein Lob. Denn das Dogma ist die richtige Lehre.

Woher kommt das gesteigerte religiöse Bedürfnis?

Auf der abstrakten Ebene ist es der Verlust traditioneller Bindungen und der Verlust institutioneller Gewissheiten, wie etwa der Familie oder der Ehe, deren gesellschaftliche Rolle zunehmend schwindet. Es gibt eine Fülle von Gründen, warum man die Frage nach dem Sinn des Lebens auf die eigenen Schultern nehmen muss. Das ist natürlich eine vollkommene Überlastung für den Einzelnen und man ist dankbar für jedes Entlastungsangebot in Form einer Ersatzreligion.

Speist Kommunikation als Ersatzschauplatz nicht nur Orientierung, sondern auch Überforderung?

Ja, absolut. Deswegen kann sie auch nur temporär unser Bedürfnis nach absoluten Gewissheiten stillen. Allerdings scheint es wesentlich einfacher zu sein, für eine Ersatzreligion eine neue Ersatzreligion zu finden, als sich überhaupt erst einmal von den basalen Bildern und Vorstellungen zu lösen. Insofern, denke ich, sind auch die Ersatzreligionen, die wir heute erleben, keine finalen Formen. Auch sie werden im Lauf der Zeit wieder durch Neues ersetzt werden, weil das Bedürfnis nach absoluten Gewissheiten immer größer wird.

 

„Stattdessen ist man dogmatisch ohne Dogma“

 

Warum können Ersatzreligionen leichter abgelöst werden als ihre Vorgänger?

Wahrscheinlich deshalb, weil sie individuell gewählt werden können und weil sie immer das Risiko in sich tragen, aus der Mode zu kommen. Der vor allem in den westlichen Gesellschaften erstarkende Individualismus führt dazu, dass die individuell gewählten Ersatzschauplätze nicht mehr die breite kollektive Verankerung haben, wie es ursprünglich bei der Kirche der Fall war, und sich somit schneller wieder überholen. Deshalb gehe ich davon aus, dass auch nachfolgende Formen von Ersatzreligionen sehr viel mehr diesen Boutique-Charakter haben werden, individuell kuratiert und unbelastet von einem wirklich formulierten Dogma. Stattdessen ist man dogmatisch ohne Dogma.

Interview: Kurt Bille und Leo Rasch

 

 

Digitalisierung und Kommunikation

Norbert Bolz ist einer der renommiertesten Medienwissenschaftler Deutschlands und lehrt and der TU Berlin. Regelmäßig bezieht er in den Medien Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. Drei zentrale Themen sind dabei soziale Gerechtigkeit, Familienpolitik und Konsum.

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„Wir werden vermutlich Terrorakte im Cyberraum erleben“

© Max Dauven 0 1 #1

Cyberangriffe: Wenn traditionelle Abwehrmechanismen nicht mehr ausreichen

 

Angriffe auf die U.S.-Präsidentschaftswahl 2016, ukrainische Stromversorger 2015 und die Verschlüsselungssoftware WannaCry 2017 sind nur drei Beispiele, die gezeigt haben, dass Cyberoperationen zunehmend genutzt werden, um über das Internet Wahlen zu beeinflussen, zu spionieren, zu erpressen und zu manipulieren. Für Staaten wird Cybersicherheit damit zu einer elementaren Komponente nationaler und internationaler Sicherheit. Dr. Sven Herpig, Leiter des Transatlantic Cyber Forums an der Stiftung Neue Verantwortung, beleuchtet das Zusammenspiel von Cyberwirkmitteln – Hacking-Werkzeugen – und internationaler Konfliktaustragung.

Herr Dr. Herpig – inwieweit werden internationale Konflikte heute im Internet ausgetragen?

Internationale Konfliktaustragung findet zunehmend im Cyber- und Informationsraum statt. Wenn wir uns die Geschichte anschauen, dann sehen wir, dass die ersten Cyberoperationen in den 1990er Jahren durchgeführt wurden. Dabei ging es zunächst um politische, später zunehmend auch um wirtschaftliche Spionage. Anfang der 2000er Jahre fanden einige disruptive Ereignisse statt, bei denen zum ersten Mal eine Schadsoftware zum Einsatz kam, die nicht der Spionage, sondern der Sabotage von Institutionen und operativen Abläufen dienen sollte. 2007 wurden das estnische Parlament und weitere staatliche Stellen sowie Banken und Medien angegriffen; 2012 richteten sich Cyberangriffe gegen den saudischen Ölkonzern Saudi Aramco. In Estland waren in der Folge die Internetseiten von Parlament und Regierung vorübergehend nicht erreichbar und der Geschäftsverkehr, etwa beim Online-Banking, gestört. Bei Saudi Aramco konnte der Produktionsablauf zwar nicht direkt beeinträchtigt werden, aber die Festplatten von 30.000 Computern wurden gelöscht und unbrauchbar gemacht. Diese beiden Ereignisse leiteten, neben der weit bekannten Stuxnet-Cyberoperation gegen Urananreicherungsanlagen im Iran 2010, den Übergang zur aktuellen Phase ein, in der auch die politische IT-Infrastruktur zunehmend angegriffen wird. Beispiele dafür waren der Angriff auf den deutschen Bundestag 2015, den US-Wahlkampf 2016 und den französischen Wahlkampf 2017. Eine weitere Entwicklung, die wir vermutlich noch erleben werden, ist die Migration von Terrorakten in den Cyberraum. Bisher nutzen Terroristen ihn nur, um miteinander zu kommunizieren und für ihre Sache zu werben. Auch das konventionelle Militär benutzt aktuell noch selten Cyberwirkmittel – aber hier wird die Entwicklung wohl hingehen. Wir sehen also sowohl einen quantitativen als auch einen qualitativen Ausbau von internationaler Konfliktaustragung mit Hacking-Werkzeugen.

Wirtschafts-, politische Spionage und Einflussnahme sind keine neuen, sondern sehr alte Phänomene. Was unterscheidet digitale von analogen internationalen Auseinandersetzungen?

Einer der Hauptunterschiede ist, dass der Großteil dieser Aktionen heute aus der Ferne durchgeführt werden kann. Während ein Spion früher irgendwo eingeschleust, also physisch vor Ort sein musste, kann heutzutage durch das Internet von überall auf der Welt spioniert werden. Hinzukommt, dass die Angriffe durch die größeren Datenmengen, die über die Internetleitung in einem relativ kurzen Zeitraum übertragen werden, heute effektiver sein können. Außerdem werden immer mehr Dokumente und Konversationen digitalisiert, die Angriffsfläche erhöht sich also.

Länder wie Nordkorea oder Iran werden immer wieder genannt, wenn es um weltweit führende Hackergruppen geht, obwohl sie analog eher Lokalmächte sind. Verschieben sich durch diese Eigenschaften des Cyberraums die internationalen Kräfteverhältnisse?

Nordkorea und Iran gehören sicherlich zu den Top 15 der Cybernationen. Für diese Staaten findet gerade eine Machtprojektion statt, sie wirken also mächtiger als sie, gemessen an ihren konventionellen Fähigkeiten, eigentlich sind. Die Verschlüsselungssoftware WannaCry – möglicherweise aus Nordkorea – legte im vergangenen Jahr weltweit unter anderem Krankenhäuser, globale Logistikunternehmen und Autohersteller lahm. Es ist ganz klar, dass eine solche weltweite Aktion mit konventionellen, analogen Mitteln nie von Nordkorea aus durchführbar gewesen wäre. Gleiches gilt für den Iran, bei dem in diesem Frühjahr eine Reihe von Cyberoperationen aufgedeckt wurden, die der Staat vermutlich nur sehr schwer mit konventionellen Mitteln hätte durchführen können. Diese Staaten wirken durch den Einsatz von Cyberwirkmitteln also mächtig und werden viel stärker wahrgenommen. Ob diese Operationen aber im Endeffekt größere Auswirkungen als traditionelle Mittel der Kriegsführung haben, hängt davon ab, wie wir Konfliktaustragung verstehen. Wenn wir den Teil betrachten, der sich unterhalb der Schwelle des bewaffneten Konflikts abspielt, dann erreichen Cyberwirkmittel ganz klar eine neue Qualität. Wenn wir aber über diese Schwelle hinausgehen, dann ist noch völlig unklar, ob Cyberwirkmittel alleine tatsächlich einen großen qualitativen Unterschied beim internationalen Kräfteverhältnis ausmachen werden.

 

„Der Cyberraum weist eine völlig andere Beschaffenheit auf als die traditionellen Domänen Land, Luft, See und Weltraum“

 

WannaCry hat eine Debatte ausgelöst, wie sich Staaten noch stärker vor diesen Angriffen schützen könnten. Wieso können wir im Cyberraum nicht auf dieselben Abwehrmechanismen zurückgreifen wie bei traditioneller Gefahrenabwehr?

Das liegt daran, dass der Cyberraum eine völlig andere Beschaffenheit aufweist als die traditionellen Domänen Land, Luft, See und Weltraum. Die Systeme und Software, die im Cyberraum genutzt werden, sind menschengeschaffen; sie können teilweise innerhalb von kurzer Zeit verändert, entfernt oder einfach vom Internet getrennt werden. Der Vergleich passt also nicht. Ein weiterer Punkt sind die aktuell diskutierten Hackbacks, bei denen eine offensive Cyberoperation durchgeführt wird, um eine laufende offensive Cyberoperation des Gegners abzuwehren: Hier wird immer der Vergleich zur Luftabwehr angeführt, die feindliche Flugzeuge abschießt, die in unseren Luftraum eingedrungen sind, um Bomben auf unser Land abzuwerfen. Diese Analogie mag überall funktionieren, aber nicht im Cyberraum. Vielmehr müssen Sie es sich so vorstellen: Jemand schießt eine Rakete von A nach B und Sie stellen einen Raketenwerfer an die Grenze und schießen über eine Mauer zurück, ohne zu wissen, was sie dabei treffen. Das wäre die passendere Analogie.

Was wären also alternative Abwehrmechanismen? Wie sollte Ihrer Meinung nach die Cybersicherheit für Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erhöht werden?

Es würde schon helfen, wenn wir uns deutlich mehr auf unsere defensiven Fähigkeiten konzentrieren würden. Die Diskussionshoheit gewinnt in Deutschland momentan derjenige, der am lautesten schreit, dass wir unsere offensiven Wirkungsmittel ausbauen müssen. Das ist meiner Meinung nach eine völlige Fehleinschätzung. Wir können mit mehr Ressourcen in der Defensive viel mehr leisten, und in die müssen wir investieren. Wenn wir jetzt die wenigen Ressourcen, die wir haben, aufsplitten zwischen neuen Behörden, offensiven und defensiven Maßnahmen, dann werden wir an den Punkt kommen, wo beides nicht richtig funktioniert – weder die Offensive noch die Defensive.

Lassen Sie uns noch mal zu den kompromittierten deutschen Regierungsnetzen zurückkommen. Anfang des Jahres wurde bekannt, dass sich die Angreifer seit über einem Jahr in den Systemen des Auswärtigen Amts bewegten. Lange Zeit war unklar, wer dahinter steckt. Warum ist diese Zuordnung im Cyberraum so schwierig?

Zunächst einmal halte ich die Zuordnung nicht für den relevantesten Punkt bei so einer Operation. Natürlich ist es gut zu wissen, wer es war, um weitere Angriffe zu vermeiden und Sanktionen zu verhängen. Aber viel wichtiger ist die Frage, wie es dazu gekommen ist und wie wir uns in Zukunft defensiv besser schützen können. Es hat verschiedene Gründe, wieso die Zuordnung eines Angriffs so schwierig ist. Zum einen können viele technische „Fingerabdrücke“ eines Angriffs – das heißt von wo er durchgeführt wird, mit welchen Mitteln et cetera – gefälscht werden. Natürlich wissen wir, dass bestimmte Gruppen mit bestimmten Werkzeugen, also Codeelementen, operieren, die sie immer wieder nutzen, ebenso wie bestimmte IT-Infrastrukturen. Aber sie können natürlich auch von einem dritten Akteur imitiert werden. Die Amerikaner haben zum Beispiel in der Vergangenheit systematisch untersucht, wie verschiedene Angreifergruppen vorgehen, um diese Vorgehensweisen dann teilweise zu kopieren und zu verschleiern, wer sie eigentlich sind. Das heißt, um eine wirklich technisch einwandfreie forensische Untersuchung durchzuführen, braucht es viel Geduld, gute Leute und unter Umständen die Unterstützung verschiedener Geheimdienste. Das kostet viel Zeit und zahlreiche Ressourcen. Und selbst wenn wir herausfinden, dass der Angriff von einem Rechner B ausging, der in einem Land Z steht, dann wissen wir immer noch nicht, wer diesen Rechner genau benutzt hat. Wir wissen noch nicht mal, ob eine Gruppe, die gegebenenfalls dahintersteckt, von dem jeweiligen Staat unterstützt, geduldet oder von irgendjemand anderem bezahlt wurde. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass manche Hackergruppen sowohl wirtschaftliche als auch politische Interessen haben. Das heißt, dass sie zum Beispiel fremde Rechner verschlüsseln und gegen Lösegeld wieder freigeben, aber gleichzeitig alle Daten nach bestimmten Schlagwörtern wie zum Beispiel „NATO“ abscannen und diese Dokumente dann extrahieren. Bei solchen Verschmelzungen wird es sehr schwierig, einen Angriff exakt zuzuordnen.

Welche Möglichkeiten der Identifikation bleiben schlussendlich?

Insgesamt gibt es zwei Wege, mit denen man relativ eindeutig nachweisen kann, woher Angriffe kommen: Zum einen gibt es Fälle, in denen Geheimdienste komplette Netzwerke unterwandert haben. Beim Angriff auf Sony Pictures wurde zum Beispiel spekuliert, dass die Amerikaner den Angriff so gut nachweisen konnten, weil sie die nordkoreanische Infrastruktur unterwandert hatten und dadurch eben auch diese Angriffe sehen und aus erster Hand nachvollziehen konnten. Zum anderen gibt es natürlich noch den bereits erwähnten Punkt, dass größere Gruppen oft die gleichen Vorgehensweisen, Codeschnipsel und Infrastrukturen verwenden. Und wenn es einem dann gelingt, einzelne Individuen klar einem Geheimdienst zuzuordnen, wie es zum Beispiel dem niederländischen Inlandsgeheimdienst bei den russischen Angriffen auf die US-Wahl gelungen ist, dann kann man danach natürlich untersuchen, welchen anderen Operationen diese in ihrer Vorgehensweise stark ähnelt.

Welche Auswirkungen hat denn diese erschwerte Zuordnung auf die politischen internationalen Beziehungen?

Wenn Cyberoperationen nicht klar zuzuordnen sind, gibt das dem Verteidiger immer auch die Möglichkeit, nicht oder im Verborgenen zu reagieren. Das ist zum Beispiel von Vorteil, wenn die Regierung das vermeintliche Angreiferland nicht öffentlich an den Pranger stellen möchte, beispielsweise wegen übergeordneten politischen Interessen oder wichtigen internationalen Beziehungen.

Welche Handlungsempfehlungen würden Sie vor diesem Hintergrund der deutschen Bundesregierung geben?

Zum einen müssen wir das strategische Verständnis dafür fördern, was diese Angriffe bedeuten, wo wir uns positionieren und wie wir darauf reagieren wollen. Zum anderen müssen wir mehr Ressourcen bereitstellen, um Cybersicherheit in Deutschland herzustellen. Wir müssen aber auch sicherstellen, dass unsere Cybersicherheitsarchitektur nicht auseinanderfasert. Dass wir also am Ende nicht zehn Behörden haben, die alle irgendetwas mit Cyber machen, sondern dass wir vor allem in der Defensive einen zentralen Ansprechpartner haben. In Deutschland ist dies das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, das zivil und defensiv aufgestellt ist und als zentrale Stelle für alle Cybersicherheitsmaßnahmen da ist. Wenn wir weiterhin Behörden gründen oder Behörden neue Kompetenzen im Cyberbereich geben, dann doppelt sich die bestehende Struktur und wir nutzen unsere Ressourcen nicht sinnvoll. Das macht uns im Endeffekt verwundbarer statt sicherer. Hier würde ich der Bundesregierung davon abraten, diesen Ansatz weiterzuverfolgen. Vor allem angesichts der wachsenden Zahl von Akteuren, die dieses neue, relativ günstige Mittel weltweit anwendet. Wenn wir da den falschen strategischen Fokus setzen, verlieren wir diesen Wettlauf.

Interview: Tabea Breternitz

 

 

Cybersecurity

 

 

 

 

Dr. Sven Herpig leitet das Transatlantic Cyber Forum am Berliner Think Tank Stiftung Neue Verantwortung, wo er zu Standards staatlichen Hackens, dem Schutz politischer IT-Infrastruktur im Wahlkampf und in Wahlen, staatlichem IT-Schwachstellenmanagement und EU Cyber-Diplomacy arbeitet. Er ist zudem Lehrbeauftragter der Universität Bonn. Zuvor war er Mitarbeiter des Stabs IT-Sicherheit im Auswärtigen Amt sowie stellvertretender Referatsleiter im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.