Magazin, Vol. 4: Klima im Wandel
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„Letztlich ist mehr gewonnen, wenn wir egoistisch motiviert nachhaltig handeln als gar nicht“

Sayler/ Morris

Extreme Weather Events XXIII: Coney Island, NY, 2012 © Sayler/Morris

Wann Menschen nachhaltig handeln

 

Die Folgen des Klimawandels sind bekannt, dennoch fällt es vielen Menschen schwer, ihr Verhalten zu ändern. Eine Herausforderung dabei ist, dass mit der notwendigen weltweiten Verbesserung der klimatischen Situation oft unmittelbare Kosten für den Einzelnen verbunden sind. Die Psychologin Dr. Judith Tonner erklärt, wie nachhaltiges Verhalten mithilfe von psychotherapeutischen Methoden gefördert werden kann.

Frau Dr. Tonner – in Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit der Förderung nachhaltigen Verhaltens. Warum interessiert es Sie, aus welchen Gründen wir nachhaltig handeln?

Aktuell gibt es zwar enorme technische Entwicklungen, die eine nachhaltigere Lebensweise begünstigen, aber tatsächlich nachhaltiges Verhalten wird noch relativ wenig gezeigt. Da dem individuellen Verhalten ein großes Potential für Nachhaltigkeit zugeschrieben wird, ist Nachhaltigkeit auch ein Thema in der psychologischen Forschung. Zu Beginn meiner Forschung war mein Eindruck, dass bisher vor allem untersucht wurde, warum viele Menschen nicht nachhaltig handeln. Deshalb habe ich eine andere Perspektive eingenommen und gefragt, warum und unter welchen Umständen manche Menschen nachhaltig handeln. Dabei ging es insbesondere um ökologisch nachhaltiges Verhalten, also ein Verhalten, das möglichst wenig negative Auswirkungen auf die Umwelt hat.

Was ist das Ergebnis Ihrer Arbeit?

Ein Ergebnis ist, vielleicht wenig überraschend, dass intrinsische Motivation als wirksamer eingeschätzt wurde als extrinsische Motivation, um nachhaltiges Verhalten zu fördern. Außerdem, und das ist vielleicht überraschender, ist es uns gelungen, die intrinsische Motivation für nachhaltiges Verhalten mit einem psychotherapeutischen Ansatz zu fördern.

 

„Interventionen zum Aufbau intrinsischer Motivation sind häufig aufwändiger, aber dafür auch nachhaltiger wirksam“

 

Was unterscheidet intrinsische und extrinsische Motivation?

Vereinfacht gesagt, ist extrinsische Motivation nach außen gerichtet, wenn Sie zum Beispiel nach gesellschaftlicher Anerkennung streben. Intrinsische Motivation hingegen ist nach innen gerichtet, beispielsweise wenn Sie eigenen Idealen entsprechen möchten. Interventionen zum Aufbau intrinsischer Motivation sind häufig aufwändiger, aber dafür auch längerfristig, also nachhaltiger wirksam.

Wo haben Sie angesetzt, um die intrinsische Motivation zu fördern?

Dazu haben wir die motivationale Gesprächsführung eingesetzt, eine psychotherapeutische Methode. Mit ihrer Hilfe lassen sich, vereinfacht gesagt, im Gespräch Gründe für das weniger nachhaltige Verhalten der Teilnehmenden herausarbeiten, was bewirkt, dass sie von selbst Gründe finden, die für ein nachhaltigeres Verhalten sprechen. Die Idee, die motivationale Gesprächsführung zur Förderung nachhaltigen Verhaltens einzusetzen, entstand, weil uns Parallelen zwischen nicht-nachhaltigem Verhalten und im psychotherapeutischen Sinne problematischem Verhalten auffielen. In beiden Fällen besteht ein Widerspruch zwischen kurzfristigen Bedürfnissen und langfristigen Zielen. Damit soll nachhaltiges Verhalten nicht etwa mit problematischem Alkoholkonsum gleichgesetzt werden, aber die Parallele war für uns ein Hinweis darauf, dass die Methode auch zur Förderung nachhaltigen Verhaltens genutzt werden könnte.

Wie genau lief die Studie ab?

Eine Gruppe von Studierenden hat mit drei Haushalten gearbeitet und diese während eines Semesters monatlich besucht. Das Ziel der Studie bestand darin, die Akzeptanz und Wirkung dieser Methode zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass die motivationale Gesprächsführung eine vielversprechende Möglichkeit ist, um nachhaltiges Verhalten zu fördern.

Mit Blick auf den Klimawandel begegnet man einem Widerspruch: Wir wissen um den Klimawandel und auch um seine Konsequenzen, handeln aber nicht entsprechend. Was hindert uns daran, unser Verhalten zu ändern?

Mit der notwendigen weltweiten Verbesserung der klimatischen Situation sind Kosten für den Einzelnen verbunden. Selbstverständlich geht nachhaltiges Handeln auch oft mit Einsparung einher und hat dann einen individuellen Nutzen, beispielsweise beim Stromsparen. In den meisten Fällen werden aber vor allem die eigenen Kosten wahrgenommen, nicht nur die finanziellen, sondern beispielsweise auch die in Form von Verzicht. Es besteht ein sogenanntes soziales Dilemma zwischen individuellen Bedürfnissen und kollektiven Zielen. Hinzu kommt, wie gesagt, dass die individuellen Kosten des nachhaltigen Verhaltens meist unmittelbar und einfach erkennbar sind, während der kollektive Nutzen häufig in fernerer Zukunft liegt und als komplex wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang sind zwei Konstrukte wichtig: Selbstkontrolle und die Fähigkeit zu Belohnungsaufschub. Selbstkontrolle gilt als adaptive Eigenschaft, die es uns ermöglicht, spontane Reaktionen zu unterdrücken und durch individuell oder gesellschaftlich erwünschtere Handlungen zu ersetzen. Die Fähigkeit zu Belohnungsaufschub zeigt sich in der Wahl einer späteren, aber nützlicheren Alternative anstelle einer unmittelbaren, aber weniger nützlichen Option. Beides spielt eine wichtige Rolle für das Erreichen von Langzeitzielen.

Handelt es sich dabei also um ein individuelles oder ein kollektives Problem?

Bei der Schwierigkeit, langfristige Ziele zu erreichen, handelt es sich einerseits um eine individuelle Veranlagung, da das Maß an Selbstkontrolle von Mensch zu Mensch verschieden ist. Andererseits ist es situationsabhängig, da es Situationen gibt, die nachhaltiges Verhalten grundsätzlich fördern oder behindern. Indem beispielsweise das Fliegen so billig geworden ist, wird eine Angebotssituation geschaffen, die es allen Menschen mehr oder weniger schwer macht, sich für die langsamere und teurere Reise mit der Bahn zu entscheiden, obwohl das offensichtlich die nachhaltigere Variante ist. Auch wenn die Fähigkeit zur Selbstkontrolle bis zu einem gewissen Alter zunimmt, neigen die meisten Erwachsenen dazu, sich in gewissen Situationen für das kurzfristige Bedürfnis zu entscheiden. Damit ist es auch ein gesellschaftliches Problem und eine politische Aufgabe, Situationen zu schaffen, die nachhaltiges Verhalten fördern.

Zeigt sich die Schwierigkeit, langfristige Ziele zu erreichen, auch in anderen Bereichen?

Ein bekanntes Experiment zum Belohnungsaufschub ist der sogenannte Marshmallow-Test. Dabei sitzt ein Kind allein in einem Raum und bekommt ein Marshmallow. Dann wird ihm gesagt, es könne dieses Marshmallow gleich essen oder sich noch ein bisschen gedulden und dafür noch ein zweites bekommen. Es sind nur wenige Minuten, aber in den Videos dazu ist zu sehen, wie sich viele Kinder quälen. Sie fassen das Marshmallow an, riechen daran und versuchen, es nicht zu essen. Gemessen wurde dann, wie lange sich die Kinder gedulden konnten, das erste Marshmallow zu essen. Die Fähigkeit der Kinder, sich zu beherrschen, scheint eine langfristige Prognosekraft bezüglich ihrer späteren kognitiven und sozialen Kompetenz zu haben. So konnten Langzeitstudien zeigen, dass Kinder, die sich mit dem Marshmallow länger gedulden konnten, später größere Bildungserfolge erzielten und seltener unter Übergewicht litten.

Verhalten wir uns aus altruistischen oder egoistischen Motiven nachhaltig?

Die typische Antwort auf die Frage nach den Gründen für nachhaltiges Verhalten ist, dass man es der Umwelt und damit nachfolgenden Generationen zuliebe tut. Die Befragten geben also an, aus Altruismus nachhaltig zu handeln. Wir möchten den Einfluss altruistischer Motivationen nicht bestreiten, haben uns in unserer Forschung aber gefragt, welche Motivationen darüber hinaus eine Rolle spielen könnten, und mögliche egoistische Motivationen untersucht. Diese wurden in der Forschung zu nachhaltigem Verhalten bisher eher als Grund für weniger nachhaltiges Verhalten gesehen.

 

„Dass Menschen etwas der Umwelt zu Liebe tun, scheint häufig eine Floskel zu sein“

 

Fällt es einem leichter, sein Verhalten zu ändern, wenn man einen eigenen Vorteil daraus ziehen kann?

Wenn man Motivationen, wie beispielsweise Anerkennung von anderen zu bekommen oder eigenen Idealen zu entsprechen, als egoistisch auffasst, könnte es sinnvoll sein, sich diese zur Förderung nachhaltigen Verhaltens zu Nutze zu machen. Denn egoistische Motivationen sind konkreter als das Konzept des Altruismus und können leichter angesprochen werden. Beispielsweise fahren Sie vielleicht eher mit dem Fahrrad statt mit dem Auto, weil Ihr Umfeld es unmittelbar honoriert anstelle möglicher zukünftiger klimatischer Effekte. Außerdem kann es ehrlicher sein, egoistische Motivationen einzugestehen. Dass Menschen etwas der Umwelt zu Liebe tun, scheint häufig eine Floskel zu sein.

Kann Egoismus dementsprechend positiv wirken?

Selbstverständlich wäre es die wünschenswerte Motivation, dass Menschen der Umwelt zu Liebe nachhaltig handeln. Aber wenn die Ansprache dieser Motivation nicht greift, finde ich es durchaus legitim, sich egoistische Motivationen zu Nutze zu machen. Letztlich ist doch mehr gewonnen, wenn Menschen egoistisch motiviert nachhaltig handeln als gar nicht.

Ist die abstrakte Vorstellung der „nachfolgenden Generationen“ überhaupt eine sinnvolle Argumentationsgrundlage, um nachhaltiges Verhalten zu fördern?

Abstraktion kann der Förderung nachhaltigen Verhaltens durchaus dienlich sein. Es gibt eine Theorie, die Construal Level Theory, die den Zusammenhang zwischen psychologischer Distanz und mentaler Abstraktion beschreibt. Psychologische Distanz meint beispielsweise die zeitliche oder örtliche Entfernung eines Objektes oder Ereignisses. Mentale Abstraktion bedeutet, dass sich Menschen ein Objekt oder Ereignis mehr oder weniger abstrakt vorstellen können. Beide Aspekte beeinflussen sich gegenseitig.

Wie kann ich mir das konkret vorstellen?

Wichtig im Kontext der Nachhaltigkeit ist, dass in Gedanken an eine ferne Zukunft abstrakte Konzepte, wie beispielsweise Ideale, das Verhalten beeinflussen. Für die nahe Zukunft wird das Verhalten aber eher durch Machbarkeitsüberlegungen beeinflusst. Vorausgesetzt, dass Menschen Nachhaltigkeit als Ideal ansehen, könnte es eine Intervention zur Förderung nachhaltigen Verhaltens sein, sie dazu zu bringen, ihre Einkäufe frühzeitig zu planen und eine Liste zu machen, statt sich beim Einkauf durch Hunger oder Sonderangebote leiten zu lassen.

Gibt es für Erwachsene eine Art psychologischen Trick, den man anwenden könnte, um das eigene Verhalten nachhaltiger zu gestalten, oder braucht es letztendlich einfach strengere Gesetze?

Es gibt, wie am Beispiel Selbstkontrolle beschrieben, individuelle Merkmale, die mit nachhaltigem Verhalten korrelieren. Darüber hinaus spielt aber auch der Kontext eine wichtige Rolle, beispielsweise politische und technische Rahmenbedingungen. Grundsätzlich muss man hier also neben der Person immer auch die Situation berücksichtigen.

Wie könnte es aussehen, wenn man versucht, die motivationale Gesprächsführung zukünftig ganz praktisch zur Förderung nachhaltigen Verhaltens einzusetzen?

Eine Herausforderung ist, dass Menschen in der Regel erst dann zum Psychologen gehen, wenn ihr Leidensdruck hoch ist, sie unter ihrem wenig nachhaltigen Verhalten aber eben nicht unmittelbar leiden. Also wird sich kaum jemand eigeninitiativ entscheiden, sich in Sachen Nachhaltigkeit beraten zu lassen. Von daher müsste man andere Situationen schaffen, in denen das möglich ist. Das könnte einfacher sein, als es zunächst scheint. Die Studierenden, die unsere Studie durchgeführt haben, kamen zwar größtenteils aus der Psychologie, hatten aber keine therapeutische Ausbildung und sind vorab nur einen Tag lang von einem erfahrenen Therapeuten angeleitet worden. So könnte beispielsweise auch Lehrpersonal geschult werden, um die Methode im Unterricht einzusetzen.

Interview: Nadja Bascheck

 

 

© Judith Tonner

Dr. Judith Tonner promovierte an der Universität Basel im Rahmen des Doktorandenprogramms in Sozial-, Wirtschafts- und Entscheidungspsychologie. In Forschung und Lehre beschäftigte sie sich dabei insbesondere mit der Förderung nachhaltigen Verhaltens. Aktuell ist sie an der Zürcher Hochschule der Künste als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Department Kulturanalysen und Vermittlung tätig.

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