Magazin, Vol. 4: Klima im Wandel
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„Eines der besten Dinge, die wir gerade können, ist nachzudenken“

Sayler/ Morris

Extreme Weather Events XXIV: Manhattan, NY, 2012 © Sayler/Morris

Muss der Kapitalismus weichen, um Klimagerechtigkeit herzustellen?

 

Die Prinzipien des Klimawandels sind seit geraumer Zeit bekannt, jedoch ist bisher wenig passiert in Bezug auf eine Reduktion von CO2-Emissionen. Joel Wainwright und Goeff Mann, die Autoren des Buchs Climate Leviathan, schlagen vor, die politischen und ökologischen Konsequenzen unserer überhitzten Welt radikal zu überdenken. Muss der Kapitalismus konfrontiert werden, wenn wir eine gerechte Antwort auf den Klimawandel finden wollen? Im Gespräch mit 42 Magazine argumentieren sie, dass der Klimawandel die globale politische Ökonomie und den politischen Konsens, den wir gewöhnlich als selbstverständlich betrachten, verändern wird.

Die Prinzipien des Klimawandels gehören seit geraumer Zeit zum Allgemeinwissen. Wir haben die Daten. Wir kennen die Lösungen. Dennoch passiert nichts. Könnten Sie umreißen, warum Sie den Klimawandel als Krise der Vorstellungskraft beschreiben?

Joel Wainwright: Eine der geläufigsten Aussagen der politischen Linken über den Klimawandel ist ein Zitat von Frederic Jameson: „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus.“ Das ist so ziemlich, was wir unter einer Krise der Vorstellungskraft verstehen. Nehmen wir das Beispiel der Wissenschaftler in Harvard, die an Solar Geoengineering arbeiten: Für die meisten Menschen ist es einfacher, sich eine elitäre Gruppe von Wissenschaftlern und Kapitalisten vorzustellen, die versuchen, den Planeten durch Geoengineering zu regulieren, als einen demokratischen politischen Ansatz zur Bekämpfung des Klimawandels. Wir bräuchten eine vollkommen andere Auffassung der Welt, um gerecht auf den Klimawandel zu reagieren.

Goeff Mann: Und in der Tat, Joel Wainwrights und meiner Meinung nach passiert nichts. Zumindest nichts Substantielles. Das liegt daran, dass wir versuchen, Lösungen zu finden, ohne wirklich etwas zu ändern. Es handelt sich um eine Krise unseres Vorstellungsvermögens. Eine der grundsätzlichen Botschaften, die wir mit unserem Buch vermitteln wollen, ist die folgende: Allein die Idee an sich, dass der Klimawandel durch kapitalistische und technologische Mittel gestoppt werden kann, ist Teil des Problems.

In Ihrem Buch Climate Leviathan beschreiben Sie die politische Dimension des Klimawandels. Der Titel ist eine Anspielung auf Thomas Hobbes‘ Werk Leviathan, das 1651 veröffentlicht wurde. Was sind die Grundprinzipien von Hobbes‘ politischer Theorie?

M: Im Grunde sagt Hobbes, dass die menschliche Gesellschaft, wenn sich selbst überlassen, zu Chaos und Gewalt tendiert. Die Gesellschaft ist unfähig, sich selbst zu organisieren. Und insoweit Ordnung für die Idee von menschlichem Leben, die Hobbes als wichtig erachtete, notwendig ist, befand er es als unerlässlich, dass wir im Grunde einen absoluten Souverän haben, dem jeder zustimmt. Er nennt diesen absoluten Souverän „Leviathan“. Hobbes stellte sich vor, dass dieser Souverän von einem Gesellschaftsvertrag legitimiert sein solle, durch den sich ihm alle Mitglieder der Gesellschaft mit unbedingtem Gehorsam unterwerfen. Im Gegenzug würden sie Sicherheit und beschränkte Freiheiten erhalten, innerhalb derer sie das protokapitalistische Leben genießen könnten, dessen Entwicklung Hobbes im England des 17. Jahrhunderts überall um sich herum beobachten konnte. Hobbes Hauptanliegen galt allerdings der Vermeidung von Bürgerkrieg, der sich zu seinen Lebzeiten überall um ihn herum entfaltete. Er dachte, dass die Einsetzung eines Souveräns, dem alle ihre absolute Unterwerfung anbieten, im Hinblick auf die beschränkten realisierbaren persönlichen Freiheiten die stabilste Regierungsform garantieren würde.

W: Wir sind keine Hobbesianer – das gilt für die meisten marxistischen Politologen. Als Marxisten legen wir gebührenden Wert darauf, unsere aktuellen Umstände, deren Basis sowie die politische Ökonomie, die das soziale Leben organisiert, zu analysieren, und so weiter. In einer Hinsicht jedoch haben wir unser Buch als Hobbesianer geschrieben und den Titel dementsprechend als Anspielung auf Hobbes ausgesucht: Wir haben spekulatives Denken angestrebt, so wie er es im Leviathan getan hat. In gewisser Hinsicht spekulieren heute alle permanent über das zukünftige Leben der Menschheit auf der Erde – von Donald Trump über das Wall Street Journal bis zu George Soros, aber auch Menschen überall auf der Welt, nicht nur Eliten. Größtenteils führen diese Spekulationen die Menschen zu düsteren Gedanken. Deshalb erleben wir eine Rückkehr des hobbesianischen Denkens, ob es uns gefällt, oder nicht. Es erschien uns verantwortungsbewusster, in einer Weise zu spekulieren, die mehr auf Solidarität, Freiheit und Emanzipation zielt.

Was ist es also, das Sie den „Climate Leviathan” nennen?

W: Der „Climate Leviathan“ ist ein Titel, den wir einer potentiellen Zukunft geben, in welcher der Kapitalismus nicht überwunden wurde, in der er die vorherrschende Produktionsweise der Organisation der politischen Ökonomie bleibt, aber in der er auch zu einem System geführt hat, das wir planetarische Regierung nennen. Ein System, das eine Souveränität ausbilden würde, die ihre territoriale Basis im Sinne hobbesianischer, und deshalb machiavellistischer, Vorstellung überschreitet: eine Art planetarer – soll heißen: globaler – Regierung. Das heißt nicht zwangsläufig, dass der Nationalstaat, wie wir ihn kennen, verschwunden sein wird. Es bedeutet lediglich, dass er reformiert oder deformiert wurde, so dass der Umgang mit Fragen planetaren Managements wie Wetter, Flüchtlinge, Wasser- und Nahrungsmittelvorräte genauso wie die Klimakrise selbst zentralisiert worden sind. Dergestalt hätte sich auch die Art und Weise, wie wir über das Politische denken, verändert. Das ist es, was wir die Adaption des Politischen nennen, dessen Reaktion auf bestimmte Bedingungen. Man könnte also sagen, dass der Leviathan eine spekulative Beschreibung eines weltweiten Systems ist, das im Entstehen begriffen ist.

M: Anstatt diese Zukunft einfach eine Vorhersage zu nennen, beschreiben wir sie als eine immanente Möglichkeit, was heißen soll, dass die Saat dieser Zukunft bereits in der Welt, die wir heute beobachten können, aufgeht. Diese immanente Zukunft ist der Natur nach hegemonial, da sie momentan die dominante politische Vision ist. Das bedeutet nicht, dass Climate Leviathan unangefochten und bereits konsolidiert ist. Jedoch wetten faktisch weltweit viele ziemlich mächtige Menschen darauf und handeln so, als wäre dies die wahrscheinlichste Richtung, in die sich die Dinge bewegen werden. Und dieser Umstand an sich kann sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung machen.

Wie sähe das Leben unter Climate Leviathan für das Individuum aus?

W: Im Szenario des Climate Leviathan bleibt die Welt kapitalistisch. Die alltäglichste Weise, in der eine durchschnittliche Person die Konsolidierung des Climate Leviathan spüren könnte, sind neue Regierungsformen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie weniger demokratisch sind. In dem Ausmaß, in dem das möglich ist, beobachten wir eine solche Tendenz schon heute in der Welt. In den letzten zehn Jahren haben wir gesehen, dass demokratische Prozesse mit dem Aufstieg rechter autoritärer Bewegungen und Persönlichkeiten wie Erdogan, Modi, Trump, Bolsonaro und so weiter zunehmend unter großen Druck geraten.

M: Leben inmitten der Klimakatastrophe wäre wahrscheinlich ziemlich unterschiedlich vom Leben einer weniger privilegierten Person in Südamerika. Aber die radikale Reduktion demokratischer Institutionen wird ein genereller Trend sein. Wir müssen aber auch bedenken, dass Millionen von Menschen bereits in ökologisch verwüsteten Umgebungen leben, ihre Lebensgrundlage zerstört vom Klimawandel. Wenn wir sehen wollen, wie ein Individuum leben wird, müssen wir nicht einmal in die Zukunft sehen. Es passiert schon, in diesem Augenblick.

Würden sie das Pariser Klimaabkommen als ersten Schritt in Richtung Climate Leviathan betrachten?

M: Um nach dem ersten Schritt zu suchen, würden wir weiter in die Vergangenheit schauen, aber das Pariser Klimaabkommen ist mit Sicherheit Teil der Richtung, der eben diese Zukunft angehört. Das Pariser Klimaabkommen ist im Grunde genommen ein Versuch, alles am „liberalen Kapitalismus“ genauso zu belassen, wie es ist, und alles Notwendige zu justieren – komme was wolle –, um das System zu erhalten. Und wenn das heißt, die Demokratie zu opfern, Gerechtigkeit zu opfern, dann wird genau das geschehen. Demokratische Werte werden dafür zweitrangig werden müssen – zumindest ist es das, was wir befürchten.

Aber ist das Pariser Klimaabkommen nicht ein Versuch, unser ökonomisches System zu verändern, um den Klimawandel von vornherein abzuwenden?

W: Wenn wir uns das Pariser Klimaabkommen genauer ansehen, stellt sich heraus, dass es nicht viele Mechanismen beinhaltet, die tatsächlich Emissionen reduzieren. Die wichtigsten sind die sogenannten INDCs: Intended Nationally Determined Contributions. Das ist ein diplomatisch unanstößiger Begriff, der im Vorlauf zu Paris eingeführt würde, um die Tatsache zu beschreiben, dass die individuellen Mitgliedsstaaten, die Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens, den Verlauf ihrer CO2-Emissionen selbst bestimmen würden. Eines der Hauptprobleme des Pariser Klimaabkommens ist, dass es keinen festen Mechanismus gibt, sicherzustellen, dass diese INDCs auch eingehalten werden. Sie werden lediglich angestrebt.

Wir argumentieren, dass es sogar noch größere Probleme mit dem Abkommen gibt. Selbst wenn alle Länder, die das Pariser Abkommen unterschrieben haben, ihre deklarierten CO2-Emissionsziele einhalten, würden wir noch immer den Planeten kochen und bei einer Erwärmung von weit über 2°C landen. Es gibt Studien, die nahelegen, dass es sogar 2,5 oder 3°C sind, selbst wenn wir die INDCs einhalten. Das Pariser Abkommen ist überhaupt kein Rahmenkonzept zur Abschwächung des Klimawandels. Es ist viel weniger ein Abkommen, das den Nationalstaaten der Welt dabei hilft, die globale Erderwärmung zu verhindern, als ein Abkommen über die Anpassung an einen wärmeren Planeten. Jedoch wird es für gewöhnlich nicht als Anpassungsabkommen interpretiert.

Man könnte argumentieren, dass die drohende Verwüstung der Umwelt durch den Klimawandel die Idee ökonomischer Gleichheit in Frage stellt. Ökonomische Gleichheit würde zu mehr Konsum führen, was mehr Emissionen und raschere Erschöpfung der planetaren Ressourcen impliziert. Was würden Sie denen antworten, die behaupten, wir müssten Ungleichheit im Angesicht des Klimawandels akzeptieren?

M: Ich glaube, was Sie sagen, ist das Folgende: Im Hinblick auf die potentielle planetare Verwüstung ist der ansteigende Konsum der Armen der Welt – was schon immer ein Ziel der Linken war – einfach nicht möglich. Es könnte sein, dass wir die Tatsache der globalen Ungleichheit akzeptieren müssen. Diese Denkweise ist in elitärem Verständnis des Klimawandels heute implizit vorhanden. Jedoch hat sie einen entscheidenden Fehler.

Was wir tatsächlich tun müssen, ist nicht die Tatsache globaler Ungleichheit zu akzeptieren, sondern die Reichen der Welt dazu zu bringen, nachhaltiger zu konsumieren. Die Welt hat uns gezeigt, dass Menschen kontinuierlich mehr Wege finden, ihr Geld auszugeben, je reicher Sie werden, und sie tun das auf eine hochgradig verschwenderische Art und Weise. Die Menge von CO2-Emissionen, die direkt auf die Reichsten der Welt zurückgeht, ist außerordentlich. Wenn diese Menschen sogar noch reicher würden, so könnten wir meinen, könnten sie nicht noch mehr Autos kaufen und sie gleichzeitig fahren. Jedoch scheint es tatsächlich so, als ob sie das könnten. Der Grad unseres Konsums und der Verbrennung fossiler Rohstoffe kann komplett von unserer rationalen Einschätzung abweichen.

 

„Ein höherer Grad an Gleichheit und ein niedrigeres Konsumniveau können mit einem höheren Grad an Freiheit assoziiert werden“

 

W: Folglich müssen wir die Prämisse Ihrer Frage zurückweisen, und das sind gute Nachrichten. Eines der ersten Staatsoberhäupter, das wirklich entschieden gegen den Klimawandel Stellung bezogen und versucht hat, für einen radikal anderen Ansatz zu argumentieren, war kein anderer als Fidel Castro beim Erdgipfel in Brasilien 1992, wo der Klimawandel das erste Mal ins Bewusstsein globaler Ordnungspolitik getreten ist. Im Grunde hat er darauf hingewiesen, dass Kuba zu jener Zeit keine nennenswerten CO2-Emissionen aufwies. Und im Wesentlichen hat er gesagt – ob es einem gefällt oder nicht –, dass die Welt wie Kuba werden muss, um nachhaltig zu leben. Die einzige Zukunft, die wirklich lebenswert ist, ist eine, in der wir wesentlich mehr Gleichheit und ein moderates Konsumniveau haben sowie die Kosten des Planeten alle untereinander aufteilen. Castro hatte da nicht ganz unrecht. Ich glaube, dass ein höherer Grad an Gleichheit und ein niedrigeres Konsumniveau mit einem höheren Grad an Freiheit assoziiert werden können.

Welche Rolle spielt Migration im Szenario des Leviathans?

M: Ich glaube, dass Migration wahrscheinlich zwei hauptsächliche Folgen in Hinsicht auf das Szenario des Climate Leviathan haben wird: Erstens werden es eher Massen von Klimaflüchtlingen als ökologische Verwüstung an sich sein, die den stärksten Impuls für die institutionellen Formen geben werden, die der Climate Leviathan annehmen könnte. Die Steuerung eines Stroms von hunderten Millionen und möglicherweise sogar Milliarden von Menschen wird auch der stärkste Impuls für die Institutionalisierung von Mechanismen sein, die dem Leviathan, wie wir ihn beschreiben, gleichkommen. Zweitens würde ich hinzufügen, dass Panikmache vor Klimamigration auch diejenige Kraft der Geschichte sein könnte, die Climate Leviathan in den Augen der Öffentlichkeit seine Legitimität verleiht – genauso wie die Angst vor Migranten heute den Kern des Populismus bildet. In vielerlei Hinsicht ist gerade Klimamigration die Dynamik im Herzen all dessen. Auch wenn wir uns oberflächlich viel eher um ökologische Indikatoren wie die Versauerung der Meere sorgen, glaube ich, dass es Migration ist, welche die Menschen dazu bringen wird, nach etwas wie dem Leviathan zu verlangen.

Was müssen wir tun, um Climate Leviathan zu verhindern?

W: Es gibt so viel zu tun. Anstatt die Zutaten für eine alternative Welt aufzuzählen, möchten wir lieber darauf verweisen, was schon jetzt überall auf der Welt passiert. In einer vorläufigen und vielleicht zu diesem Zeitpunkt unorganisierten und inkohärenten Weise suchen Menschen auf der ganzen Welt nach unterschiedlichen Arten von Antworten auf diese Frage.

Zum Beispiel die globale „Fridays for Future“-Bewegung, in der Schüler die Schule bestreiken, um gegen die mangelnde Aufmerksamkeit für den Klimawandel zu protestieren, nicht nur in der Bildung sondern auch politisch. Es ist schwer, sich irgendein anderes Problem der Welt außer dem Klimawandel vorzustellen, das so etwas bewirkt. Vor ein paar Jahren wäre das noch nicht passiert. Tatsächlich scheint der Klimawandel gemäß einiger aktueller internationaler politischer Umfragen das Problem zu sein, das die Generationen am meisten spaltet. Viele junge Menschen überall auf der Welt haben das Gefühl, dass sie die Nationalstaaten, die Macht haben, betrogen und praktisch dazu verurteilt haben, in einer Welt zu leben, die so düster ist, dass sie Regierungen stützen, Sozialisten werden wollen und so weiter. Was wir brauchen, ist wesentlich mehr dieser Art von Empfinden, gelenkt in Bahnen, die Menschen an unterschiedlichen Orten der Welt vereinigen und wirkliche Lösungen für die uns bedrohenden Probleme aufzeigen können.

 

„Der Klimawandel scheint das Problem zu sein, das die Generation am meisten spaltet“

 

In Ihrem Buch nennen Sie das Gegenszenario zum Leviathan „X”. Was ist X?

W: X beschreibt eine Welt, in der wir auf irgendeine Weise die Herrschaft des Kapitals überwunden haben. In anderen Worten, die Welt wäre reorganisiert in Form eines nicht-kapitalistischen, sozialistischen Soziallebens. Wir würden die souveränen Nationalstaaten überwunden sowie das Aufkommen einer globalen Form von Souveränität abgewendet haben. Es scheint einen verwunderlichen, wachsenden Konsens zu geben, dass der Kapitalismus konfrontiert werden muss, wenn wir so etwas wie eine gerechte Antwort auf den globalen Klimawandel finden wollen. Die wirklich heiklen Probleme betreffen wiederum die Frage, wie man X im Hinblick auf Souveränität begreifen kann. Wie oder was ist Souveränität im Fall X? Am Schluss unseres Buches versuchen wir, diese Frage auf zwei Arten zu beantworten: Einerseits argumentieren wir, dass mit Marx im Sinne radikaler Demokratie ernst zu machen bedeutet, dass wir eine Welt verwirklichen, in der die Demokratie so vollkommen ist, dass es keinen Souverän gibt. Nicht in dem Sinne, dass wir letztendlich die Form von Souveränität erreichen, wie wir mit der Französischen Revolution in Verbindung bringen könnten, gemäß derer das Volk wirklich „souverän“ ist, sondern dass wir eine Welt verwirklichen, in der die Demokratie so vollkommen ist, dass es keinen Souverän gibt. Das wäre die anarchistische Antwort.

Was wäre die Alternative?

W: Wir schlagen eine andere Art von Antwort vor, indem wir auf die Kämpfe von Ureinwohnern verweisen, wie wir sie in Teilen Kanadas oder bei den Zapatisten in Chiapas in Mexiko finden, weil sie Aktionen oder konkrete Praktiken von Kontersouveränität repräsentieren. Werfen wir einen Blick auf die Zapatisten. Sie sind eine revolutionäre Bewegung, aber sie sterben nicht danach, den mexikanischen Staat zu stürzen. Es wäre präziser zu sagen, dass sie sich ihm selbst entziehen wollen, indem sie autonome Gemeinschaften erschaffen. Es geht hier nicht gezwungenermaßen um die magische Position, in der alles so demokratisch ist, dass es keinen Souverän mehr gibt, sondern um eine, in der sich Souveränität eher im Kampf gegen Souveränität manifestiert. Dadurch landen wir bei einer Art Paradox, in dem Souveränität nie völlig realisiert wird, weil sie konstant von demokratischem Widerstand konfrontiert wird. Solange wir in einer Welt leben, in der die Organisation territorialer Souveränität mit Hobbes Leviathan verwandt ist, liegt noch ein weiter Weg vor uns. So weit, dass wir lediglich möglichst viel Bewegung und Denken in der generellen Richtung einer Konter- und Nichtsouveränität anregen wollen, was auf radikale Demokratie hinausläuft.

Was können wir tun, bis wir X realisiert haben?

M: Ich glaube, wir haben es mit einer zunehmenden Krise von Hoffnungslosigkeit zu tun. Ich will nicht suggerieren, dass diese Gefühle vollkommen gerechtfertigt sind und wir dem Untergang geweiht. Aber zugleich sind das natürlich wirkliche Gefühle, die ich habe, mit denen meine Kinder kämpfen und die Sie wahrscheinlich auch haben. Eines der besten Dinge, die wir momentan tun können, ist nachzudenken. Und das heißt nicht, dass wir nicht handeln sollten. Selbstverständlich sollten wir stets zu Gunsten von Klimagerechtigkeit handeln. Aber selbst in einem Moment der Hoffnungslosigkeit geben uns Analyse und Denken tatsächlich Hoffnung. Die Klarheit, die wir durch das Verständnis der Welt, die gerade um uns herum existiert, gewinnen, ist außerordentlich wert- und hoffnungsvoll. Selbst wenn wir völlig falsch liegen, selbst wenn jeder einzelne spekulative Gedanke, den wir vorschlagen, falsch ist, ist das Ergebnis der Debatte, an der wir teilhaben, jede Minute wert.

Interview: Jonas Hermann und Lena Kronenbürger
Übersetzung: Jonas Hermann

 

 

© Joel Wainwright

Joel Wainwright ist Professor an der Ohio State University, wo er zu politischer Ökonomie, zur Veränderung der Umwelt sowie zu sozialwissenschaftlicher Theorie forscht.

 

 

 

 

© Robin Bonner Photography

Geoff Mann ist der Direktor des Centre for Global Political Economy an der Simon Fraser University, Kanada. Er forscht hauptsächlich zur Politik und zur politischen Ökonomie des Kapitalismus. Er ist zudem Autor des Buchs In the Long Run We Are All Dead: Keynesianism, Political Economy and Revolution.

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