Magazin, Vol. 4: Klima im Wandel
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„Es gibt Gründe dafür, dass die Menschen keine Elektroautos kaufen“

Sayler/ Morris

Drought and Fires LI: Niger, 2007 © Sayler/Morris

Können Individuen den Klimawandel stoppen? Eine Diskussion über Verantwortung

 

Jeder, der Interesse daran hat, den Klimawandel zu stoppen, wird unweigerlich auf folgende Fragen stoßen: „Was tun Regierungen, um den Klimawandel zu stoppen?“ und „Was brauchen wir wirklich, um Veränderungen in der Klimapolitik zu bewirken?“. Im Gespräch mit 42 Magazine erklärt Prof. Anthony Patt, warum Regierungen handeln müssen, anstatt Einzelpersonen dazu zu bewegen, ihr Konsumverhalten zu verändern.

Prof. Patt – kann ich als Einzelperson den Klimawandel bekämpfen?

Es gibt ein paar Dinge, die wir als Einzelpersonen unternehmen können, aber letztendlich bedeutet das Stoppen des Klimawandels, dass wir unsere CO2-Emissionen auf null herunterfahren müssen. Wenn ein paar wenige Leute ihr Konsumverhalten leicht verändern, dann ist das weit entfernt von dem, was wir eigentlich benötigen. Wir brauchen also Kollektivmaßnahmen aus zwei Gründen. Damit zum einen Einzelpersonen das Handeln ermöglicht und erleichtert sowie erschwinglich gemacht wird, brauchen wir Produkte, die nicht nur mit Hilfe von erneuerbaren Energien anstelle von fossilen Brennstoffen produziert, sondern auch durch diese betrieben werden. Zum anderen müssen wir letztendlich sicherstellen, dass sich alle Menschen daran beteiligen und nicht nur diejenigen, die sich für den Klimawandel interessieren.

Wenn also selbst eine große Anzahl an Menschen entschließen würde, weniger zu fliegen und vegetarisch zu leben, würde das nichts ändern?

Es würde helfen, aber leider nicht weit genug gehen. Nehmen wir das Fliegen als Beispiel. Um Emissionen auf null herunterzufahren, dürfte entweder niemand mehr fliegen, oder wir bräuchten Flugzeuge, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Ich glaube, die zweite Option ist viel praktikabler und wahrscheinlicher, zumindest innerhalb der nächsten dreißig oder vierzig Jahre, und sie würde bedeuten, dass wir Treibstoff aus Solarenergie produzieren müssten. Im Moment gibt es keine Fluggesellschaft, die diese Art von Treibstoff benutzt, und tatsächlich wird es auch noch mindestens ein Jahrzehnt dauern, bis dies möglich und überhaupt bezahlbar sein wird. Diese Art von Treibstoff in ausreichender Menge herzustellen, würde eine komplett neue Infrastruktur erforderlich machen. Bis wir das erreicht haben, ist es am besten, weniger zu fliegen. Ähnliches gilt für den Verzehr von Fleisch.

Ist Infrastruktur also ein ausschlaggebender Faktor für die Bekämpfung des Klimawandels?

Ja, ich denke schon. Betrachten wir zum Beispiel das Autofahren. Um den Klimawandel aufzuhalten, müssten wir entweder grundsätzlich damit aufhören zu fahren, oder wir müssten ohne fossile Brennstoffe fahren. Beides erfordert eine neue Infrastruktur. Mehr Fahrradwege oder ein besseres Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln würden es uns ermöglichen, weniger zu fahren. Die Autos, die wir nach wie vor fahren, müssen auf Kohlenstoff-neutrale Art hergestellt werden. Um die Fabriken zu versorgen, brauchen wir eine besser ausgebaute Infrastruktur an erneuerbaren Energien. Und wenn wir dann Auto fahren, sollten die Autos durch erneuerbare Energien betrieben werden. Die praktikabelste Art und Weise wären elektrische Autos, die von Regenerativstrom Gebrauch machen. Also nochmals, wir müssen unsere Infrastruktur fossiler Brennstoffe durch erneuerbare Energie ersetzen. Und anstelle von Tankstellen brauchen wir Ladestationen. Also müssen wir eine Menge neuer Infrastrukturen aufbauen und einige der alten, bereits existierenden Infrastrukturen loswerden.

Gibt es Länder, die diese Pionierarbeit bereits geleistet haben?

Ja, absolut. Wenn es beispielsweise ums Autofahren geht, ist Norwegen am weitesten und bisher auch sehr erfolgreich damit. In Oslo wurden zum Beispiel viele Straßen in Fußgängerzonen umgewandelt, und die Leute in der Stadt fahren nun weniger Auto. Die Norweger sind außerdem bereits seit zehn Jahren dabei, alle Autos, die noch auf den Straßen unterwegs sind, durch Elektroautos auszutauschen. Anfangs wurden dafür die Steuern auf Elektroautos gesenkt und ein paar andere Maßnahmen ergriffen, wie beispielsweise Angebote von kostenlosen Parkplätzen für Elektroautos. Außerdem wurden viele Ladestationen installiert, auch dort, wo die Leute über Nacht in der Stadt parken. Rund 50 Prozent aller neu verkauften Autos im Jahr 2018 waren Elektroautos. Es ist nun gut möglich, dass dieser Prozentsatz in zehn Jahren auf 100 Prozent ansteigen könnte. Natürlich ist Norwegen ein kleines Land, aber was es erreicht hat, ist sehr wichtig. Erstens hat die Zunahme an Elektroautos bisher dazu geführt, dass sie nun kostengünstiger werden, und es gab auch technologische Verbesserungen, wie beispielsweise länger anhaltende Batterien. Das bedeutet, dass in Zukunft mehr Menschen Elektroautos anstelle von Benzinern oder Dieselautos kaufen möchten. Zweitens haben uns die Norweger gezeigt, dass es möglich ist, sich Emissionen im Nullbereich anzunähern. Andere Länder können diesem Beispiel folgen, und das wird dann einfacher und kostengünstiger sein, als es das noch für Norwegen war. Man kann in allen Bereichen ähnliche Entwicklungen wahrnehmen: im Bauwesen, in der Produktion, im Bereich der Versorgung durch erneuerbare Energien.

Brauchen wir also eine CO2-Steuer auf Benzin, um dies zu erreichen?

Ich sehe eine CO2-Steuer nicht als schädlich an, aber auch nicht als besonders hilfreich. Die Realität ist, dass der tägliche Verbrauch von fossilen Brennstoffen im Leben der meisten Menschen sehr tief verankert ist. Wenn Äpfel plötzlich doppelt so viel kosten wie vorher, dann wählen wir halt stattdessen Birnen. Aber auf fossile Brennstoffe sind wir angewiesen und haben nur eine eingeschränkte Anzahl an Optionen zur Verfügung, die es uns ermöglichen würden, diese Brennstoffe nicht mehr zu nutzen. Die Menschen müssen jeden Tag fahren: zur Arbeit, um Freunde zu treffen oder um Lebensmittel einzukaufen. Um das zu ändern, müssten die Leute in Anbetracht unserer aktuellen Infrastruktur große Entscheidungen treffen, sie müssten zum Beispiel aufhören zu arbeiten oder ihre Kontakte zu pflegen. Was wir empirisch beobachten können, ist, dass selbst eine hohe Steuer auf Benzin, die das Fahren teurer machen würde, nur einen relativ kleinen Effekt hätte. Wenn die Leute mehr bezahlen müssen, dann tun sie das. Was hingegen eine viel größere Veränderung bewirken würde, wäre das Anbieten neuer Optionen. Es ist bereits viel kostengünstiger, ein Elektroauto zu besitzen und zu fahren, und eine höhere Steuer auf Benzin würde dies nicht ändern. Es gibt also andere Gründe dafür, dass die Menschen keine Elektroautos kaufen, und dies sind die Dinge, die sich ändern müssen.

 

„Ich sehe eine CO2-Steuer nicht als schädlich an, aber auch nicht als besonders hilfreich“

 

Können Sie diese noch zu lösenden Probleme bestimmen?

Es kommt wirklich auf den jeweiligen Lebensbereich an. Bei den Elektroautos zum Beispiel müssen die Autos selbst noch ein bisschen besser werden, mit einer größeren Reichweite, aber das passiert bereits, während der globale Markt wächst. Damit der Markt in der Schweiz wächst, bräuchten wir allerdings auch einen Anstieg an Infrastruktur zur Aufladung. Mit der Stromversorgung wurden bereits neue Solar- und Windeinrichtungen kostengünstiger als neue Kohle- oder Erdgaskraftwerke, aber das große Problem ist, dass Solar- und Windenergie nur zeitweise auftreten: Die Sonne scheint nicht immer dann, wenn wir sie gerade brauchen. Dafür müssen wir also die Optionen für Energiespeicherung und auch das Übertragungsnetz verbessern und ausbauen. Windenergie aus Nordeuropa ist beispielsweise insbesondere im Winter reichlich vorhanden, genau dann, wenn Solarenergie am wenigsten verfügbar ist. Wir müssen also daran arbeiten, dass sich diese beiden Energieressourcen gegenseitig ausgleichen, was wiederum ein etwas anderes Energienetz erfordert. In manchen Bereichen ist die Technologie einfach noch unausgereift. Das ist zum Beispiel bei erneuerbaren Treibstoffen fürs Fliegen der Fall.

… und diese Technologien sind vermutlich immer noch zu teuer.

Ja, das ist ein Hauptproblem. Die Technologie, mit der man Kerosin aus Luft, Wasser und Sonnenschein gewinnt, existiert im Labor. Sie wird aber niemals erschwinglich werden, solange sie im Labor bleibt. Das passiert durch private Konkurrenz auf dem Markt. Es ist ein ähnliches Problem wie das mit der Henne und dem Ei. Damit das Produkt auf den Markt kommt, brauchen wir also staatliche Strategien, um Nachfrage für das Produkt zu generieren, auch wenn es immer noch sehr teuer ist. Das wurde in der Vergangenheit durch Fördermittel für Solar- und Windenergie erreicht. Nun sind sie bezahlbar, und Zuschüsse werden nicht mehr wirklich benötigt.

 

„Die Technologie, mit der man Kerosin aus Luft, Wasser und Sonnenschein gewinnt wird niemals erschwinglich werden, solange sie nur im Labor existiert“

 

Was halten Sie von Kompensationsmaßnahmen wie zum Beispiel dem Pflanzen von Bäumen, um CO2-Emissionen zu reduzieren, die durch Flugreisen erzeugt werden?

Kompensation ist besser als nichts, aber eben auch keinesfalls eine langfristige Lösung. Wenn wir weiterhin fossile Brennstoffe für solche Dinge wie das Fliegen verbrennen und gleichzeitig Bäume als Kompensierung pflanzen würden, hätten wir bald keine Landflächen mehr. Für das Fliegen brauchen wir Strategien, die Alternativen zum Kerosin zu einer greifbaren Möglichkeit machen. In anderen Bereichen ist es bereits nicht nur möglich, sondern oft auch preiswerter, ohne fossile Brennstoffe auszukommen. In der Schweiz sind die Hausheizung und das Verbrennen von Öl und Gas verantwortlich für die meisten CO2-Emissionen. Viele Gemeinden ersetzen dies nun mit Fernwärmesystemen, die auf Müllverbrennung und Holzabfälle zurückgreifen. Andernorts macht es mehr Sinn, auf Wärmepumpen und geothermische Systeme umzusteigen, die durch Regenerativstrom betrieben werden. All diese Systeme benötigen anfangs zwar eine finanzielle Investition, zahlen sich aber nach einer Weile aus.

Und das ist eine positive Entwicklung, oder?

In der Tat. Das sind gute Neuigkeiten! Heizen ist der Bereich, in dem wir am nächsten dran sind, Treibhausgasemissionen aufzuhalten. Bis auf ein paar Gesetze gibt es fast nichts mehr, was da noch im Wege steht. Wir müssen die Nutzung von Brennstoffen verbieten und dort neue Heizsysteme installieren, wo wir im Moment noch Erdgas und Heizöl benutzen. Das ist der Bereich des Klimawandels, in welchem wir am einfachsten handeln können. Wir brauchen nur politische Regulierungen. Die Europäische Union ist bereits dabei, diese einzufordern, und die Schweiz könnte als nächstes dran sein.

Heißt das somit, dass der Klimawandel nur gestoppt werden kann, wenn Regierungen eingreifen?

Regierungspolitik war sehr wichtig für die Bekämpfung des Klimawandels, und in den kommenden Jahrzehnten wird sie das auch bleiben. Staatliche Forschungsförderungen haben uns die Technologien ermöglicht, die wir brauchen, um fossile Brennstoffe zu ersetzen, und Unterstützung von neuen Technologien und Infrastrukturen helfen dabei, diese Technologien nach und nach verfügbarer zu machen. Wenn etwas erst einmal einfach und bezahlbar geworden ist, wie es zum Beispiel bereits beim Heizen eines Hauses der Fall ist oder wie es in ein paar Jahren mit dem Fahren eines Autos sein wird, dann können Verordnungen sicherstellen, dass alle Leute umschwenken. Es existiert ein weit verbreiteter Fehlglaube, dass die Regierungen bisher noch nichts gegen den Klimawandel unternommen haben, und zum Teil resultiert dieser Irrglaube daraus, dass viele Menschen Klimapolitik mit erhöhten Steuern oder einer Obergrenze an CO2-Emissionen gleichsetzen. Die Realität ist aber, dass viele Regierungen bisher schon einige andere Maßnahmen getroffen haben, die uns in eine gute Position gebracht haben, um fossile Brennstoffe in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren komplett zu ersetzen. Selbstverständlich wird dies noch viel mehr Arbeit erfordern, aber ich bin optimistisch, dass es funktionieren kann. Wenn dies gelingt, würde das den Klimawandel so eindämmen, dass die meisten unserer Ökosysteme sowie unsere Küstenstädte und Ernährungssysteme geschützt wären.

Welche Herausforderungen müssen bewältigt werden, um dem Ziel näherzukommen, fossile Brennstoffe zu beseitigen?

Bevor wir die Nutzung von fossilen Brennstoffen verbieten können, müssen wir uns Herausforderungen stellen, die je nach Sektor sehr spezifisch sind. Wie ich bereits sagte, liegt diese Arbeit im Heiz- und Bausektor nun hinter uns, weil in den letzten dreißig Jahren Technologien für effiziente Gebäude entwickelt wurden, die ohne fossile Brennstoffe auskommen. In jedem anderen Bereich müssen wir uns noch einigen Herausforderungen stellen, bevor wir diesen Punkt erreichen. Im Bereich der Straßenmobilität könnten wir mit der Verwendung von fossilen Brennstoffen aufhören, indem wir auf Elektroautos umsteigen. Dies könnte sogar sehr bald passieren, wenn wir die infrastrukturellen Herausforderungen meistern, die ich bereits erwähnt habe. In der Schweiz ist der meiste Strom bereits erneuerbar, und fast nichts davon stammt von fossilen Brennstoffen. Wenn man aber ein Auto kauft, das in Deutschland hergestellt wurde, wurde es wahrscheinlich mit Hilfe von Kohleenergie produziert. Energie aus Kohle durch erneuerbare Energien zu ersetzen, ist eine der Herausforderungen.

Zum Beispiel?

Im Grunde gibt es zwei verschiedene Arten von Herausforderungen. Erstere besteht schlichtweg darin, genügend erneuerbare Energie zu produzieren, was wiederum eine Menge Windräder und Solarzellen erfordert. Dafür braucht man häufig neue Finanzierungsquellen, und man sollte auch dem öffentlichen Widerstand mehr Aufmerksamkeit beimessen. Beispielsweise haben Recherchen ergeben, dass die Leute oftmals gegen Windräder sind, wenn sie sehen, dass ihre eigene Landschaft einem Unternehmen Geld einbringt. Aber wenn es sich um ein Gemeindeprojekt handelt und sie sich an der Entscheidung beteiligen können, dann befürworten sie Windräder. Die zweite Herausforderung bezüglich erneuerbarer Energien ist deren Verlässlichkeit. Wie ich zuvor erwähnte, ist eine Lösung dafür die Energiespeicherung, und eine andere Lösung ist der Handel von erneuerbarem Strom zwischen Regionen mit unterschiedlichen Kapazitäten für Wasser-, Wind- und Solarenergie.

Ist eine starke Zusammenarbeit von Regierungen dementsprechend der Schlüssel zur Veränderung in der Auslaufphase von fossilen Brennstoffen?

Definitiv! Schweizer Energiekonzerne investieren bereits in Windparks in Nordeuropa, was auch Sinn ergibt. Aber damit diese Investitionen zum Ziel führen, muss es Kooperationen für einen gemeinsamen Energiemarkt der Schweiz und der EU geben. Natürlich müssen wir sicher gehen, dass die Bedingungen fair sind, aber solche Vereinbarungen könnten sehr wichtig für die Erhaltung einer sicheren Stromversorgung sein, während wir unsere Kernkraftwerke durch erneuerbare Energien und unsere Benziner durch Elektroautos ersetzen.

Gab es bereits politische Erfolge, die uns dem Ziel näherbringen, auf erneuerbare Energien umzusteigen?

Die kurze Antwort auf diese Frage lautet ja, und die längere Antwort lautet, dass wir noch viel mehr tun müssen. Einige der Gesetze, die wir haben, funktionieren nicht sehr gut. Einige der politischen Verordnungen haben uns bereits fast alle Technologien ermöglicht, die wir benötigen. Sie haben außerdem zur Entwicklung von Märkten geführt, was viele dieser Technologien bezahlbar und verlässlich machen wird, und in manchen Fällen haben die Verordnungen fossile Brennstoffe verboten, wo sie nicht mehr länger gebraucht wurden. Allerdings hat der Erfolg von manchen Verordnungen auch neue Herausforderungen hervorgebracht. Europäische Länder generieren mittlerweile so viel Wind- und Solarenergie, dass sich wesentliche Fragen zur Stromspeicherung, Übertragung und der Eingliederung in den Energiemarkt stellen. Wir müssen uns nun mit diesen Themen befassen. Es gibt ganze Bereiche, in denen wir bisher nur sehr wenig erreicht haben, so zum Beispiel im Baugewerbe und in der Industrie, Landwirtschaft, Luftfahrt und Schifffahrt. Unsere Erfahrungen zeigen, dass diese Sektoren von einer Umstellung auf erneuerbare Energien profitieren können, doch weil die Vorteile ungleich verteilt sind, können politische Verhandlungen schwierig sein. Eine der politischen Strategien, die bisher nicht besonders gut funktioniert haben, sind Emissionsgenehmigungen des europäischen Handelsmarktes. Ebenso haben Steuern auf CO2-Emissionen aus eben genannten Gründen bisher noch nicht zu Veränderungen geführt. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir diese Probleme zu unseren Lebzeiten beheben können, sofern wir auf den Richtlinien aufbauen, die funktioniert haben, und diese in neue Bereiche einbringen.

Wie würden Sie vorgehen, wenn Sie auf politischer Ebene handeln könnten?

Es gibt drei Arten von Richtlinien. Erstens gibt es Steuern und Genehmigungsmärkte, die finanzielle Sanktionen auf die Verbrennung von fossilen Brennstoffen verhängen. Als zweites gibt es Förderungen für neue Technologien erneuerbarer Energien und dazugehörige Infrastrukturen, wie zum Beispiel Ladestationen. Drittens gibt es Gesetze, die die Nutzung von fossilen Brennstoffen in bestimmten Bereichen verbieten. Solche Gesetze wurden beispielsweise von der Europäischen Union für den Bau neuer Heizsysteme eingeführt. Dies ist letztendlich das Ziel, das wir in jedem Sektor erreichen müssen. Viele Leute sind der Meinung, dass wir den ersten Richtlinien folgen sollten – den finanziellen Sanktionen für die Nutzung fossiler Brennstoffe –, aber ich sehe nicht, wie das in der Praxis funktionieren sollte, auch wenn es in der Theorie nach einer guten Idee klingt. Meiner Meinung nach brauchen wir eine Kombination der zweiten und dritten Variante: Zuerst müssen wir Alternativen zu fossilen Brennstoffen fördern, und wenn diese Optionen dann gut genug sind, können wir die Nutzung von fossilen Brennstoffen illegal machen. Dieser Ansatz hat bereits in einer Vielzahl von anderen ökologischen Bereichen funktioniert. Nun da immer mehr Menschen sauberere Möglichkeiten zur Verfügung haben, verbieten zum Beispiel immer mehr europäische Städte ältere Dieselautos aufgrund von Luftverschmutzung und Gesundheitsbelangen.

Manche Theorien werden von der Realität widerlegt. Welche Konsequenzen hat das für politisches Handeln?

Ich glaube, dass wir stets das, was um uns herum passiert, im Auge behalten sollten, dass wir uns auf Überraschungen gefasst machen und manchmal auch unsere Meinung ändern sollten. Ein gutes Beispiel dafür ist das, was vor Kurzem in Deutschland passiert ist. Deutschland hat viel unternommen, um Wind- und Solarenergie zu fördern, was nicht nur innerhalb des Landes, sondern auf globaler Ebene zu dramatischen Kostenreduzierungen geführt hat. Das ist eine wirklich gute Sache. Doch für eine lange Zeit hatte dies keinen Effekt auf deutsche Emissionen. Die Kohleindustrie des Landes war sehr stabil, und es war politisch unmöglich, die Kohlekraftwerke stillzulegen, auch dann noch, als immer mehr Wind- und Solarkraftwerke ans Netz gingen. Viele waren der Meinung, dass die Förderungen von Wind- und Solarenergie eine teure Zeitverschwendung waren. Doch in den letzten Monaten hat die deutsche Regierung plötzlich einen Plan mit der Kohleindustrie ausgearbeitet, alle verbleibenden Kraftwerke und Bergwerke zu schließen und die Arbeiter während der Niederlegung der Arbeit zu unterstützen. Ich glaube nicht, dass dies ohne eine starke Wind- und Solarindustrie möglich gewesen wäre. Doch es brauchte Zeit, und viele von uns waren pessimistisch bezüglich der Emissionen in Deutschland, bis sich die Dinge plötzlich änderten.

Wie beurteilen Sie die Rolle von nichtstaatlichen Organisationen in der Klimapolitik?

Nichtstaatliche Organisationen sind unglaublich wichtig, sowohl für die Erzeugung einer politischen Dynamik als auch für politische Debatten. Sie arbeiten oftmals hinter den Kulissen. Die Analyse solcher Themen kann unheimlich komplex sein, und Politiker haben nicht genügend eigene Ressourcen für die Auswertung aller Angelegenheiten, mit denen sie konfrontiert werden. Sie verlassen sich darauf, dass ihnen Lobbyisten aus der Industrie und von nichtstaatlichen Organisationen Ideen anbieten und Lösungen präsentieren. Dies ist eine der Rollen, die nichtstaatliche Organisationen spielen. Eine zweite Rolle ist oftmals, private Akteure aus dem Sektor voranzutreiben und ihnen auf die gleiche Art und Weise zu helfen. Es gibt zum Beispiel ein neues Unternehmensbündnis, welches sich dazu verpflichtet hat, seine Versorgungskette aus 100 Prozent erneuerbaren Energien zu beziehen. Eine Reihe von nichtstaatlichen Organisationen hat dies initiiert und überwacht nun, ob die Firmen ihre Versprechen einhalten.

Sie wirken sehr optimistisch. Woher kommt dieser Optimismus?

Überraschenderweise ist dieser Optimismus aus den Ereignissen der letzten zwanzig Jahre entstanden. Es ist wahr, dass Emissionen nicht gesunken sind. Aber wir hatten auch nicht die Technologien und die Systemlösungen, die uns dies ermöglichen konnten. Unsere einzige Möglichkeit war es, weniger Energie zu verbrauchen, und unsere Energieeinsparungen konnten nicht mit den Folgen des wirtschaftlichen Wachstums mithalten, insbesondere in Ländern wie China. Aber jetzt haben wir die Technologien und Systemlösungen. Es geht nicht länger in erster Linie ums Energiesparen. Heutzutage sind wir in der Lage dazu, tatsächlich von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien umzusteigen, und diese Umstellung nimmt nun langsam Fahrt auf. Zu einem großen Teil passiert das, weil die Veränderungen auch aus anderen Gründen Sinn ergeben, sei es, weil sie die Luftverschmutzung senken oder einfach Geld einsparen. Manche Länder sind weiter als andere, hauptsächlich aufgrund der politischen Richtlinien, die sie eingesetzt haben. Ich war zum Beispiel kürzlich in Schottland und habe erfahren, dass das Land seine Emissionen bereits um fast 50 Prozent reduziert hat. Die Schweiz führt die Liste nicht an, aber sie befindet sich auch nicht am unteren Ende, und wir haben Fortschritte gemacht. Doch nun fangen alle Länder an zu handeln, und wir können in immer mehr Wirtschaftssektoren beobachten, dass Maßnahmen ergriffen werden. Ich glaube wirklich, dass dies ein Problem ist, welches wir lösen können.

Interview: Maria Lissek
Übersetzung: Leonie Dieske

 

 

Anthony Patt

© Maria Lissek

Anthony Patt, geboren 1965 in Boston, Massachusetts, ist seit 2013 Professor für Klimapolitik am Institut für Umweltentscheidungen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. In seiner Forschung befasst er sich mit politischen Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels und fokussiert sich auf die Frage, wie aufwendig die Anpassung an den Klimawandel für die Gesellschaft ist, sowie darauf, die Vorteile innovativer Energiesysteme auszuarbeiten.

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