Magazin, Vol. 4: Klima im Wandel
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„Wenn wir als Weltgemeinschaft etwas erreichen wollen, dann sollte jeder einzelne einen Beitrag leisten“

Sayler/ Morris

Extreme Weather Events IV: Plaquemines Parish, Louisiana, 2005 © Sayler/Morris

Knappe Ressourcen, große Folgen: Klimawandel in Entwicklungsländern

 

Was ist die aktuelle und zukünftige Rolle von Entwicklungsländern im Klimaschutz? Dr. Maximilane Sievert erklärt die Bedeutung nachhaltiger Energiezugänge für Klima und Entwicklung. Am Beispiel von ressourcenschonenden Kochherden zeigt sie, dass Entwicklung und Klimaschutz nicht im Widerspruch stehen müssen.

Frau Dr. Sievert – unsere Bundesumweltministerin Svenja Schulze sagte bei der Klimakonferenz in Kattowitz 2018: „Unter dem Klimawandel leiden die am meisten, die am wenigsten dazu beigetragen haben.“ Wer hat am meisten zum Klimawandel beigetragen?

Historisch gesehen sind die größten CO2-Emittenten die heute industrialisierten Länder. Die sogenannten Entwicklungsländer haben hierzu wenig beigetragen. Wenn man aber auf den aktuellen Stand oder auch in die Zukunft guckt, sieht das natürlich deutlich anders aus. Seit Anfang der 2000er sind die Emissionen, die Nicht-OECD-Länder insgesamt ausstoßen, größer als die der OECD-Länder. Das heißt, wenn wir heute über Klimawandel und Schuldige des Klimawandels nachdenken, sind auch nicht industrialisierte Länder oder Länder, die nicht die historischen Emissionen ausgestoßen haben, wie Indien und China, relevante Player.

Der extreme Trend zeigt sich auch in Subsahara-Afrika: CO2-Emissionen sind über die vergangenen Jahrzehnte stark gestiegen und werden auch in Zukunft weiter steigen. Der Grund ist in afrikanischen Ländern vor allem das starke Bevölkerungswachstum. Aber auch die wirtschaftliche Entwicklung, die hoffentlich weiter vorangetrieben wird, hat ebenfalls erhöhte CO2-Emissionen zur Folge. Insofern entwickeln sich selbst diese Länder immer mehr zu Emittenten.

Außerdem gibt es einen zweiten Aspekt, dem nicht genügend Beachtung geschenkt wird. Wenn wir über CO2-Emissionen sprechen, wird viel über die konventionellen Emissionen durch Verbrennung von fossilen Brennstoffen geredet. Dahingehend ist Subsahara-Afrika derzeit kein großer Emittent. Wenn wir die CO2-Emissionen einbeziehen, die dadurch entstehen, dass CO2-Senken, also zum Beispiel Wälder, die das CO2 aus der Atmosphäre binden und somit die CO2-Konzentration in der Atmosphäre reduzieren, zurückgehen, dann kann man sehen, dass es auch in Subsahara-Afrika einige Länder gibt, die heute schon auf dem Niveau von mittelgroßen europäischen Ländern sind.

Leiden Entwicklungsländer mehr unter dem Klimawandel als Industrieländer?

MS: Wir erleben gerade überall auf der Welt, dass Menschen extremen Wetterphänomenen ausgesetzt sind. Das spüren wir in Europa, wenn wir an den Sommer 2018 denken, der extrem heiß war, oder uns an die Trockenheit, die Dürre und die Waldbrände in den USA erinnern. Überall auf der Welt gibt es extreme Wetterphänomene, und Länder des Globalen Südens, also Entwicklungs- und Schwellenländer, sind davon nicht ausgeschlossen. Der Unterschied ist, dass wir den Garten ein bisschen mehr gießen, einen Ventilator kaufen oder die Klimaanlage ein bisschen höher schalten. Mit größerem Wohlstand haben die Menschen mehr Handlungsspielraum in jeglicher Weise, und das ist besonders im Zusammenhang mit dem Klimawandel zentral, denn man hat mehr Möglichkeiten, sich anzupassen.

In unserer Forschung geht es um die Länder, die traditionell mit Entwicklungsländern gemeint sind. Wir orientieren uns an der Definition der OECD, die sich ganz klar auf das Einkommen bezieht: Wenn das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes unter einem gewissen Schwellenwert liegt, gilt das Land als Entwicklungsland. Wenn wir das Ganze im Kontext des Klimawandels betrachten, ist dies eine relevante Kategorie, weil das Einkommen eben ein starker Indikator dafür ist, welche Möglichkeiten man hat, sich an sich verändernde Umweltbedingungen anzupassen. Dazu kommt, dass Menschen in Entwicklungsländern sehr viel stärker von der Landwirtschaft abhängig sind. Diese ist von Extremwetterphänomenen besonders beeinträchtigt. Bei uns beträgt der Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt ein Prozent, in vielen Staaten des Globalen Südens ist der landwirtschaftliche Sektor der wichtigste Arbeitgeber.

Trotz der spürbaren Auswirkungen entwickeln sich auch die Länder des Globalen Südens immer mehr zu CO2-Emittenten. Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung vorrangig mit Energiezugängen. Auf welche Energiequellen greifen die Menschen in Entwicklungsländern derzeit zurück?

Bei Energiezugang denken die meisten von uns zunächst an Strom. Eine Milliarde Menschen haben heute keinen Zugang zu Strom. Doch ein vielleicht noch wichtigeres Thema ist Energienutzung zum Kochen. Deshalb ist eines unserer Steckenpferde in der Forschung die Kochenergie. Drei Milliarden Menschen auf der Welt kochen heute mit Biomasse wie Feuerholz und Holzkohle, gerade in den Entwicklungsländern. Die Holzkohle ist in manchen Regionen des Globalen Südens ein Treiber von Entwaldung; gerade in Städten wird sie zum Kochen verwendet. Bereits der Status quo bedroht also die Wälder. Dazu kommt eine massiv wachsende Bevölkerung, die mit Verstädterung einhergeht. Das wird den Druck auf die Wälder stark erhöhen. Wir wollen in den nächsten Jahren noch genauer erforschen, wie schädlich der Faktor Kochenergie für die Wälder ist. Wir können mittlerweile auf sehr gute Satellitenbilder zurückgreifen, auf denen wir erkennen können, wo und wie viele Bäume gefällt werden, und wir könnten untersuchen, inwieweit das mit traditioneller Energienachfrage zusammenhängt.

Neben der Entwaldung verursacht traditionelle Energiegewinnung auf lokalem Level auch negative Effekte für Menschen, die mit Holzkohle oder vor allem mit Feuerholz kochen. Einerseits ist es ein riesiger Zeitaufwand, dieses Feuerholz zu suchen. Außerdem sind diese Technologien sehr schmutzig, denn während des Kochens entsteht starke Luftverschmutzung, die die Gesundheit der Menschen extrem gefährdet. Einschätzungen von der Weltgesundheitsorganisation dazu legen nahe, dass es aufgrund der Luftverschmutzung, die über diese Brennstoffe in Haushalten entsteht, fast drei Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr gibt. Das sind letztendlich mehr Tote als durch HIV oder Malaria.

Gibt es Alternativen zur Biomasse in der Kochenergie, die das Klima und die Gesundheit der Menschen schonen?

Ähnlich wie bei uns kommen Strom oder Flüssiggas in Frage. Auch wenn diese Brennstoffe von der internationalen Gemeinschaft als die beste Lösung betrachtet werden, stoßen sie in der Umsetzung an Grenzen, besonders in ländlichen Gebieten. Die Leute haben entweder keinen Stromanschluss oder, wenn sie Zugang zu Strom haben, ist dieser nicht zuverlässig und stabil. Elektrische Herde brauchen viel Strom, und wenn alle mittags oder abends ihren Herd anstellen würden, könnte das womöglich große Schwierigkeiten für die Regulierung des Netzes bedeuten. Deswegen sehen wir in Subsahara-Afrika kaum Haushalte, die mit Strom kochen, außer manchmal in Städten oder in Ländern wie Südafrika und Namibia. In ruralen Gebieten greift man jedoch fast ausschließlich auf traditionelle Energieerzeugung zurück, da auch zum Beispiel die Lieferkette für Flüssiggas entlegene Dörfer oft nicht erreicht. Außerdem wird Gas in relativ großen Flaschen ausgeliefert. Dafür muss man erst einmal das Geld haben. Das ist eine finanzielle Umstellung im Vergleich zu einem Bündel Feuerholz, das das Budget nicht so belastet.

 

„Es gibt Interventionen, die sowohl den Klimawandel abschwächen als auch die Armut reduzieren können und die Gesundheit schonen”

 

Die internationale Gemeinschaft versucht, besonders saubere Lösungen wie Kochen mit Flüssiggas durchzubringen und Barrieren, wie infrastrukturelle Mängel, abzubauen. Aber es gibt auch andere Bestrebungen, die Effizienz von Herden zu steigern, die mit Feuerholz oder Holzkohle funktionieren. Das sind Technologien, die wir schon seit vielen Jahrzehnten kennen: verbesserte Kochstellen, bei denen weiterhin Biomasse genutzt wird, die aber schon deutlich ressourcenschonender sind. Manche benötigen weniger Brennstoff, um die gleiche Menge von Essen zu kochen, andere können gleichzeitig auch die Luftverschmutzung senken, da der Verbrennungsprozess sauberer ist. Diese Kochherde sind auch nicht unbedingt teuer, die günstigsten bekommt man schon ab ungefähr zehn Euro, und so könnte man diese zumindest als Brückentechnologie verbreiten. Es gibt also Interventionen, die sowohl den Klimawandel abschwächen als auch die Armut reduzieren können und die Gesundheit schonen. Damit schlagen wir im besten Fall zwei Fliegen mit einer Klappe.

Durch weniger Brennstoff spart man Geld, Zeit, verbessert seine Gesundheit und schont das Klima. Verbreiten sich diese effizienteren Herde wie ein Lauffeuer?

In der Realität sieht das nicht so aus. In urbanen Gegenden klappt die Verbreitung zwar ganz gut: Dort werden diese Herde von der Bevölkerung genutzt, weil die Brennstoffeinsparungen auch zu Geldeinsparungen führen, so dass sich die Investitionen langfristig lohnen können. Auf dem Land gestaltet es sich schwieriger, da Menschen den Kochbrennstoff Feuerholz oft nicht kaufen, sondern sammeln. Natürlich spart der neue Herd Zeit. Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich nicht viel Geld habe, aber viel Zeit, dann verzichte ich auf die Investition in einen neuen Herd und gehe weiterhin Holz suchen. Das ist zumindest eine Erklärung dafür, warum es bis heute sehr schwierig ist, diese Herde im großen Stil zu verbreiten.

Auf andere mögliche Erklärungen sind wir bei einer Studie im Senegal gestoßen. Dort haben wir die Zahlungsbereitschaft für diese Herde in Dörfern erhoben. Mit einem senegalesischen Forscherteam haben wir herausgefunden, dass die Zahlungsbereitschaft eigentlich hoch genug ist, um den Marktpreis der Herde zu decken. Aber de facto werden sie nicht gekauft. Hier stellt sich jetzt eine weitere Forschungsfrage: Liegt es vielleicht an mangelnden Informationen? Oder daran, dass die Anbieter womöglich nicht genug Geld haben, um sich einen Lkw zu mieten, in die Dörfer zu fahren und diese Herde anzubieten? In diese Richtung forschen wir aktuell mit einer Studie, in der wir versuchen, solche Barrieren zu reduzieren. Im Anschluss können wir herausfinden, ob dadurch der Verkauf und die Technologie von der lokalen Bevölkerung angenommen werden.

Mit wenig Geld könnte man in Entwicklungsländern viel bewirken. Sollten wir also besonders die nicht-industrialisierten Länder im Blick haben, wenn es um Klimaschutz geht?

Es gibt eine Veränderung in den zentralen Zielen der Vereinten Nationen, die früher die Millennium Development Goals hießen, inzwischen Sustainable Development Goals. So verpflichten sich alle Länder dieser Welt, sich weiterzuentwickeln. Diese Ziele gelten also auch für Länder wie Deutschland. In diesem Sinne ist auch Deutschland ein Entwicklungsland, das sich weiterentwickeln muss. Der Klimawandel ist so eine große Herausforderung. Wenn einzelne Player sagen „Ich fühle mich nicht in der Verantwortung“, wird es immer schwieriger, dieser Herausforderung gerecht zu werden. Wenn wir als Weltgemeinschaft etwas erreichen wollen, dann sollte jeder einzelne einen Beitrag leisten.

 

„In diesem Sinne ist auch Deutschland ein Entwicklungsland, das sich weiterentwickeln muss“

 

Dennoch ergibt es Sinn, sich zu überlegen, wie wir am effizientesten etwas für den Klimawandel leisten können. Also: Wo können wir für einen Euro Investition die größtmögliche Wirkung erzielen? In Industrieländern müssen wir oftmals große Summen in die Hand nehmen, um noch eine weitere Tonne CO2 einzusparen. In Ländern des globalen Südens gibt es oftmals Möglichkeiten, mit der gleichen Summe sehr viel größere Wirkung zu erzielen.

Könnten nicht-industrialisierte Länder das fossile Zeitalter überspringen, wenn sie in nachhaltiger Energieerzeugung finanziell gefördert werden?

Dieses Ziel verfolgt die internationale Gemeinschaft offiziell mit vielen Geldern, die sie bereitstellt. Die große Hoffnung ist, dass die heutigen Entwicklungsländer sich daran orientieren können, was die heute industrialisierten Länder an Technologien bereits entwickelt haben, gerade bei der Energieerzeugung. Technologien, die bei uns die großen Verschmutzer waren, wie zum Beispiel Kohlekraftwerke, könnten übersprungen und die Energieerzeugung womöglich direkt aus erneuerbaren Energien gestemmt werden. Allerdings ist der Energiehunger in vielen Entwicklungsländern immens, und ich sehe keinen Entwicklungspfad, der komplett CO2-neutral sein wird. Gerade in Asien entstehen weiterhin im großen Stil neue Kohlekraftwerke. Auch in Subsahara-Afrika werden solche entwickelt. Da gehen die Hoffnung und das, was real passiert, auseinander. Auch Entwicklungsbanken finanzieren nicht unbedingt nur große Solarkraftwerke, sondern auch fossile Kraftwerke.

Warum ist das so?

Das ist eine spannende Frage, und es gibt verschiedene Erklärungsversuche: Zum einen sind fossile Kraftwerke eine erprobte Technologie, die ohne besondere Risiken auch in Ländern des globalen Südens betrieben werden können. Wir haben bei uns in Deutschland auch Schwierigkeiten, die Energiewende zu stemmen, erneuerbare Energien in unser Stromnetz einzuspeisen und zu regulieren. Dass afrikanische Länder sich für Kohlekraftwerke, die einfachere Technologie, entscheiden, verwundert mich nicht. Auch sind erneuerbare Energien oft kapitalintensiver, was in Ländern mit schwierigerem Zugang zu Krediten und höheren Investitionsrisiken oft dazu führt, dass nicht investiert wird. Natürlich starten Entwicklungsländer nicht genau am gleichen Punkt wie zum Beispiel Deutschland im 19. Jahrhundert. Als sich Deutschland elektrifizierte, kam der Strom zu 100 Prozent aus Kohlekraftwerken. Das wird in keinem afrikanischen Land passieren, denn es gibt in allen Ländern die Bestrebungen, Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Allerdings werden die erneuerbaren Energien nicht so massiv ausgebaut, wie sie es müssten, wenn man hofft, dass das fossile Zeitalter komplett übersprungen werden kann.

Interview: Ella Steiner

 

 

© Sven Lorenz

Dr. Maximiliane Sievert leitet stellvertretend die Forschungsgruppe „Klimawandel in Entwicklungsländern“ am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Forschungsgruppe untersucht kostengünstige Strategien zur Abschwächung des Klimawandels und wie sich Menschen in Entwicklungsländern besser an eine veränderte Umwelt anpassen können. Frau Sievert ist auf Energiezugänge spezialisiert und erforscht deren Auswirkungen auf Armut.

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