Magazin, Vol. 4: Klima im Wandel
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„Mikroplastik und Treibhausgase kennen keine nationalen Grenzen“

Sayler/ Morris

Glacial, Icecap and Permafrost Melting L: Cordillera Blanca, Peru, 2008 © Sayler/Morris

Klimawandel: Die Katastrophe ohne Ereignis

 

Wir lieben Katastrophen als Fiktion, aber was passiert, wenn die Katastrophe real wird und dabei unbemerkt an uns vorbeizieht? Im Interview mit 42 Magazine erklärt Prof. Dr. Eva Horn vom Institut für Germanistik der Universität Wien, warum wir den Klimawandel nicht wahrnehmen, obwohl wir Menschen seit langem das Klima aktiv verändern. Um der ökologischen Krise entgegenzuwirken, hinterfragt Eva Horn demokratische Prozesse und fordert die Suche nach anderen Formen kollektiver Entscheidungsfindung.

Frau Dr. Horn – Weltuntergangsszenarien und Endzeitstimmung sind ein beliebtes Thema in Film und Literatur. Was fasziniert uns so am Schicksal der letzten Menschen?

Die Katastrophe fasziniert uns, weil in ihr etwas hervorbricht, das als Bedrohung immer schon da war, was wir aber nicht gesehen haben, möglicherweise aber hätten sehen können. Da wir in Europa im Normalzustand nicht unter besonders katastrophalen Umständen leben, sondern ein gesättigtes, verhältnismäßig ereignisfreies Leben führen, haben wir oft das Gefühl, es könnte etwas über uns hereinbrechen; etwas, das schon latent da, aber eben noch nicht sichtbar war.

Suchen wir deshalb die Katastrophe in der Fiktion?

Genau. Wenn ich ein fiktionales Katastrophen-Szenario in einem Film oder einem Buch durchlebe, dann lote ich eben diese dunklen Stellen aus, die ich immer schon unterschwellig wahrgenommen habe. Was wäre, wenn wir uns mit bestimmten Extremwettereignissen konfrontiert sähen, beispielsweise einem Schneesturm, der es uns unmöglich macht, das Haus zu verlassen? Dieses Problem haben die Bewohner der amerikanischen Ostküste jeden Winter. Wenn dieser bedrohliche Zustand aber bestehen bleibt, wie etwa in Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow?“, was passiert dann? Welche unterliegenden Strukturen unseres sozialen Zusammenlebens werden dann sichtbar? Gleichermaßen kann die Katastrophe auch positive Aspekte hervorbringen, wie etwa Solidarität und Nachbarschaftshilfe. Sowohl das positive als auch das negative Potenzial unseres Zusammenlebens werden in diesem Zusammenbruch des Alltäglichen, den die Katastrophe darstellt, sichtbar.

Sind Geschichten also nichts anderes als Testszenarien zu Analysezwecken?

Nein. Analysieren wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das Publikum will Dinge konkret in Geschichten erleben und Möglichkeitsräume erkunden. Literatur und Film bieten eine Art Experimentalraum. Manchmal bedient sich die Literatur aber auch einer ausgiebigen wissenschaftlichen Recherche als Fundament für die Erzählung. Dieses Fundament muss in der Erzählung allerdings nicht explizit sichtbar gemacht werden. Cormac McCarthys Erzählung „The Road“ ist zum Beispiel das exakte Abbild eines nuklearen Winters, im Roman wird aber an keiner Stelle auf die wissenschaftliche Basis dieses Szenarios verwiesen. Die Wissenschaft wird durch die Erzählung poetisch verschleiert und gibt so den Blick auf das Verhalten der Menschen zueinander frei. Das Buch ist deswegen so interessant, weil es die menschliche Dimension des Überlebens in einer Katastrophe darstellt. Das ist es, was die Leser interessiert.

Die Katastrophe ist ein sehr altes Motiv; auch der Klimawandel und die Rolle, die wir Menschen darin spielen, sind nicht neu. Schon 1784 hat der deutsche Philosoph und Dichter Johann Gottfried Herder die Menschen als eine „Schar kühner, obwohl kleiner Riesen“ bezeichnet, die mit „schwacher Faust“ Landschaft und Klima verändern.

Herder bezieht sich an dieser Stelle auf die Landschaftstransformationen im mittleren Holozän, wie sie in Mesopotamien oder Ägypten stattfanden. Die Kernaussage seiner Beobachtungen ist, dass Kultur durch die Veränderung von Landschaften entsteht, zum Beispiel durch Bewässerung oder Entwässerung, durch den Eingriff in lokale Klimata. Durch diesen Eingriff verändert sich Herder zufolge auch der Mensch selbst: Er generiert eine eigene Kultur. Der Kern dieser Idee ist, dass der Mensch als kulturelles Wesen verstanden werden muss, das sich durch die Manipulation seines ökologischen Umfeldes herausbildet.

Sah Herder den menschlichen Eingriff in die Natur demnach als Notwendigkeit?

Ja. Diese Idee stammt ursprünglich von dem französischen Geologen George Buffon. Buffon ist ein für seine Zeit sehr fortschrittlicher Denker. Er berechnete beispielsweise das erste Mal das Alter der Erde über die biblische Chronologie von etwa 6000 Jahren hinaus auf etwa 80.000 Jahre – immer noch eine starke Untertreibung, aber zu seiner Zeit war das eine revolutionäre Idee. Nach Buffon ist der Mensch auf der Erde, um das Klima zu manipulieren, denn in seiner theoretischen Betrachtung war die Erde ursprünglich ein glühender Klumpen Eisen, der nun langsam aber unwiederbringlich immer weiter abkühlt. Diese Abkühlung wird vor allem durch Gewässer und Wälder vorangetrieben, deshalb ist es die Aufgabe des Menschen, die Erde durch das Abholzen von Wäldern, das Trockenlegen von Sümpfen oder durch die Kanalisation von Flüssen bewohnbar zu halten. Heute könnte man sagen: durch den menschengemachten Klimawandel dieser vermeintlichen Abkühlung entgegenzuwirken. Herder übernimmt die Idee des Menschen als klimaveränderndes Wesen von Buffon und geht noch weiter, indem er die Manipulation lokaler Klimata gutheißt, weil dieses Verhalten Kultur schafft. Beide ahnen natürlich nichts von den komplexen Zusammenhängen des Erdsystems, der Atmosphäre oder der Hydrosphäre und sind deshalb verhältnismäßig optimistisch. Die geologische Epoche des Holozäns trägt also den Keim, die Grundidee des Anthropozäns, den Menschen als ein klimaveränderndes Wesen zu beschreiben, schon in sich.

Woher stammt der Begriff Anthropozän?

EH: Der Begriff Anthropozän entsprang 2002 den interdisziplinären Erdsystemwissenschaften. Die Geologen waren die ersten, die diesen Vorschlag aufgegriffen haben, weil sie sich für die Definition von Epochen und deren Wechsel zuständig fühlen, in diesem Fall vom Holozän zum Anthropozän. Sie haben den Ausdruck nicht erfunden, aber populär gemacht. Heute ist das Anthropozän ein gesellschaftlicher Begriff, der ausdrückt, dass wir uns in einer ökologischen Krise befinden, die so massiv ist, dass wir die klimatische und ökologische Stabilität des Holozäns verlassen. Mittlerweile ist das Anthropozän nicht nur der Begriff für eine Epochenschwelle, die uns von dieser Stabilität trennt, sondern auch eine Synthese vieler verschiedener Krisensymptome in unserem komplexen Erdsystem, die seit dem messbaren Eingriff des Menschen ins globale Klima festgestellt werden konnten: Artenschwund, die Störung wichtiger Stoffkreisläufe, die Versauerung der Meere, Landverbrauch und Landversiegelungen, Versteppung und vieles andere mehr. Deswegen ist das Anthropozän auch kein Synonym für Klimawandel, sondern der Klimawandel ist ein Phänomen des Anthropozäns.

War die klimatische Ruhephase der letzten Jahrtausende eher eine Ausnahme als die Regel?

Das Holozän, also die letzten 12.000 Jahre, sind klimahistorisch tatsächlich eine Anomalie, in der die stark fluktuierenden Heiß-Kalt-Perioden, die das Pleistozän noch kennzeichneten, plötzlich abflachen und es nur noch geringe Ausschläge in den Temperaturen gibt. In der Ruhephase des Holozäns sind alle Errungenschaften unserer modernen Zivilisation entstanden, von komplexen sozialen Strukturen bis zu den Medien, denn das Holozän als klimastabile Periode erlaubt es der Menschheit, überhaupt erst an einem Ort zu bleiben und sesshaft zu werden. Damit entstehen immobile Gesellschaften, die immer hierarchischer und schlauer werden, weil sie Wissen akkumulieren und in Medien, wie Steintafeln und später Büchern, speichern können. Eine solche Phase der klimatischen Stabilität, der Balance, die wir als Normalität erleben, ist in der Geschichte der Natur tatsächlich eine Seltenheit.

Ist das gängige ökologische Narrativ vom natürlichen Gleichgewicht überhaupt noch zeitgemäß?

Nein, das ist eine völlig inadäquate Beschreibung der Natur, wie sie nach heutigem Kenntnisstand funktioniert. Den Erdsystemwissenschaften nach befindet sich die Erde zwar in einem sich selbst regulierenden dynamischen Gleichgewicht, aber der Begriff des Gleichgewichts ist hier irreführend. Dieses Gleichgewicht kann nämlich auch bedeuten, dass die Erde eine neue Eiszeit erlebt, dann wieder auftaut und nach ein paar Millionen Jahren wieder so aussieht wie jetzt. Das verstünde man dann als Gleichgewicht; aus menschlicher Perspektive würden wir es aber eine riesige Katastrophe nennen. Die Erde fluktuiert ständig, normalerweise aber eben in sehr langen Zeiträumen. Es gibt also Selbstregulation, aber nicht auf der kleinen, lokalen Ebene, wie wir uns das im Falle von extra dafür eingerichteten Reservaten denken. Man muss diese Idee jedoch in ihrem zeitlichen Kontext sehen, denn sie stammt aus der Ökologie des 19. Jahrhunderts. Damit entspringt sie einem Moment, in dem die Industrialisierung schon damit beginnt, große Teile der Natur zu stören und zu zerstören; einem Moment, in dem man schon verhältnismäßig viel über lokalen Klimawandel weiß. In dieser Situation entsteht die Idee, man müsse die Natur schützen, denn wenn der Mensch nicht in sie eingreift, dann ist die Natur in einer natürlichen Balance. Man muss diese Denkfigur also rückwärts denken, um zu verstehen, warum so argumentiert wurde.

Dann ist es aber nicht der Begriff des Gleichgewichts, der irreführend ist, sondern der kurze zeitliche Horizont, den wir ihm zugrunde legen.

Ja genau, die Rede vom Gleichgewicht ist eigentlich ein Skalen-Problem, eine Frage der Größenordnung, des geografischen Beobachtungsraums und eines Zeitraums. Das ist natürlich auch ein Produkt einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise von Biotopen als begrenzte Phänomene. Ein Biotop ist eben doch nur ein kleines Sample, aber um größere Regionen beobachten zu können, braucht man die Erdsystemwissenschaften und vor allem die notwendige Rechenleistung. Wie auch in der Klimaforschung wurde im 19. Jahrhundert schon gerechnet, aber effektive Klimaforschung kann man erst betreiben, seitdem man die entsprechende Rechenleistung durch Computer geschaffen hat. Aber es gibt auch eindrückliche Forschung aus dem 19. Jahrhundert: Schon Ende des vorletzten Jahrhunderts beschrieb der schwedische Physiker und Chemiker Svante Arrhenius den Treibhauseffekt durch CO2.

Lange Zeit betrachteten wir das Klima als eine Konstante, lediglich das Wetter schlug ab und zu Kapriolen. Hat sich unser Verständnis vom Klima gewandelt?

Der Begriff des globalen Klimas fasst ein abstraktes System zusammen und ist daher in seiner Gänze nur schwer zu erfassen. Wir denken zwar mittlerweile alle, dass wir wüssten, was das globale Klima ist, im Endeffekt kennen wir aber nur Computer-Modellierungen, auf der sich Windpfeile bewegen und sich einzelne Kontinente unterschiedlich einfärben. Globales Klima als solches ist nicht erfahrbar. Das Klima, das wir kennen, ist der Zyklus der Jahreszeiten, beziehungsweise die Abfolge bestimmter Wetterzustände. Das bedeutet, die ursprüngliche Klimaerfahrung des Menschen ist an einen bestimmten Ort und an bestimmte Zyklen gebunden.

 

„Wir müssen den Klimawandel wirklich an uns heranlassen, nicht als etwas Globales, das irgendwo stattfindet, sondern als etwas, das sich hier und jetzt vollzieht“

 

Und diese Wettererfahrung hat sich verändert?

Ja. Was wir in letzter Zeit häufiger erleben, ist, dass sich die aus der Erfahrung gespeiste Erwartung nicht erfüllt und das Wetter anders ist, als unser zyklisches Verständnis es zulässt. Das heißt, das Klima wird weiterhin eine stabile, körperlich wahrnehmbare Größe sein, aber weniger verlässlich an unsere Erfahrungen anknüpfen. Es gibt eine Art Unabsehbarkeit im Klima, die das vertraute Gefühl der Beheimatung in einem bestimmten Klima, das man in all seinen Facetten im Jahresverlauf kennt, abschwächt. Das ist individuell erstmal kein Drama, bis zu dem Moment, wo Extremwettereignisse eintreten, die die Gemeinschaft unvorbereitet treffen. Es ist wichtig, den Klimawandel in diesem Sinne auch nach Hause zu holen und zu verstehen, wie sich die Landschaft oder die Parameter des Jahreszyklus in meinem direkten Lebensumfeld verändern. Wir müssen den Klimawandel wirklich an uns ranlassen, nicht als etwas Globales, das irgendwo stattfindet, sondern als etwas, das sich hier und jetzt, dort, wo ich lebe, vollzieht.

Sie haben den Begriff der „Katastrophe ohne Ereignis“ geprägt und führen den Klimawandel als Beispiel an. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Katastrophe des Klimawandels vollzieht sich so langsam und in so winzigen Verschiebungen, dass wir sie eben nicht als großen Knall, als Zusammenbruch hier und jetzt wahrnehmen, sondern eigentlich nicht merken, was uns passiert. Das meint „Katastrophe ohne Ereignis“. Es gibt heute ökologische Probleme, die vor 50 Jahren noch nicht existiert haben, zum Beispiel, dass Mikroplastik heute sowohl im Boden als auch im Wasser ist. Das sind Katastrophen ohne Ereignis, Schädigungen, von denen wir nicht mitbekommen, dass sie überhaupt passieren, und von denen wir noch nicht wissen, welche Folgen sie haben werden. Der amerikanische Wissenschaftler Rob Nixon hat für diesen Prozess und im Kontext der Auswirkungen von Umweltschäden in Entwicklungsländern den Begriff der „Slow Violence“ geprägt. Wenn man von Gewalt spricht, spricht man auch immer von Schuldigen. Die Schwierigkeit ist, diese Schuldigen bei einer Katastrophe ohne Zeit und Ort zu benennen. Ich weiß nicht, wo genau sich die Katastrophe gerade abspielt, weil sie sich überall abspielt. Deshalb verwende ich den Begriff „Katastrophe ohne Ereignis“, weil er von einem neutralen Standpunkt ausgeht.

 

„Die Schwierigkeit ist, bei einer Katastrophe ohne Zeit und Ort die Schuldigen zu benennen“

 

Trotzdem könnten wir in der Zukunft einen Wendepunkt erreichen, nach dem es keinen Weg zurück mehr gibt. Ist ein solcher Tipping Point kein Ereignis?

Der Begriff entstammt wieder der Erdsystemwissenschaft und hängt stark mit kybernetischen Modellen zusammen, also mit Steuerungsprozessen besonders komplexer Systeme. Gut zu beobachten ist ein solcher Tipping Point beispielsweise bei der Eutrophierung eines Sees, wenn sich Nitrate immer weiter anreichern und erstmal nichts passiert, bis der See einen Schwellenwert überschreitet, und das gesamte Ökosystem des Sees kippt und fast alle Lebewesen im See absterben. Diesen Vorgang sehen wir in ökologischen Zusammenhängen häufig, weil es sich um komplexe und selbstregulierende Systeme handelt, die Störungen über lange Zeiträume abpuffern können, bis eben eine Anreicherungssättigung erreicht ist. Dann kommt es zu einer Kette von Ereignissen. In diesem Sinne ist ein Tipping Point ein Ereignis, weil auf ihn eine Kaskade von Auswirkungen folgt. Der Vorlauf zum Tipping Point ist allerdings ein gleichwertiges Ereignis in einem graduellen Prozess und muss in den Vorgang mit einbezogen werden, auch, wenn er bis zur Katastrophe unsichtbar bleibt. Tipping Points sind somit ein typisches Charakteristikum von komplexen Systemen, allerdings sind sie sehr schwer zu antizipieren, und noch schwerer ist es, Prognosen dafür zu entwickeln. Gegenwärtig befinden wir uns im Hinblick auf das Klima in einem solchen Prozess, der zu einem Tipping Point führt, aber wir können das Ausmaß dieser Bewegung nicht erfassen. Entsprechend schwer fällt uns die Prävention.

Die Ursache für den Klimawandel liegt in unserem kollektiven Verhalten. Liegt die Lösung daher gleichzeitig auch im kollektiven, demokratischen Handeln?

Natürlich, aber die Demokratie ist möglicherweise nicht das richtige Format, denn Demokratie ist an Nationen, an Nationalstaaten gebunden, und die Nationalstaaten vertreten ihre Bevölkerung vor internationalen Komitees, deren Beschlüsse keinerlei Bindungskraft haben. Wenn man Demokratie umbauen möchte, dann müsste man zuerst die Gefahr des Populismus, also Entscheidungen, die durch Fehlinformation und Hetze zustande kommen, angehen. Außerdem müsste man im Hinblick auf globale Herausforderungen das nationalstaatliche Denken, das nur am Popular Vote interessiert ist, überwinden, damit auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden können, wenn sie ökologisch sinnvoll sind.

Wie können wir diese Zwickmühle lösen?

Wir brauchen andere Formen kollektiver Entscheidungsfindung, und die wichtigste Voraussetzung dafür ist Wissen in Form von Informiertheit, damit man Entscheidungen auf einem höheren Abstraktionslevel treffen kann und so die Macht der Gewohnheit überwindet. Das bedeutet, wir brauchen einen Umbau von demokratischen Willensfindungsprozessen, der am Ende vielleicht dazu führt, dass nicht mehr jeder gleich viel Wahlstimme hat. Das ist zwar eine Heilige Kuh, aber die Demokratie hat zunehmend ein Problem mit unqualifizierten oder manipulierten Entscheidungsprozessen. Um eine globale Krise anzugehen, dürfen wir aber nicht davor zurückschrecken, auch diese zu hinterfragen.

 

„Wir brauchen einen Umbau von demokratischen Willensfindungsprozessen“

 

Die Moderne hat das Anthropozän hervorgebracht und eingeleitet, aber nicht begriffen, was da geschieht. Die Grundüberzeugung der Moderne ist die Idee, die Zukunft aktiv zu gestalten, präventiv gegen Gefahren vorzugehen und durch Planung und Vorausschau erwünschte Zukünfte zu schaffen. Das Problem ist, dass wir heute ein sehr viel komplexeres Wissen über viele Zusammenhänge haben, was es uns schwer macht, einfache präventive Maßnahmen zu finden. Natürlich kann man sagen: Der Konsum der westlichen Industrieländer ist nicht nachhaltig, also muss sich das ändern. Aber wie? Die rasante Industrialisierung und der Konsumsprung, den Gesellschaften wie China oder Indien gerade durchmachen, sind genauso eine ökologische Katastrophe wie das Konsumverhalten der Amerikaner und Europäer. Mikroplastik und Treibhausgase kennen keine nationalen Grenzen. Deshalb brauchen wir neue transnationale Institutionen, die Problemen auf der Policy-Ebene begegnen und Entscheidungsprozesse optimieren können.

Interview: Kurt Bille

 

 

Eva Horn

Foto: Helmut Grünbichler; © Eva Horn

Prof. Dr. Eva Horn lehrt und forscht an der Universität Wien im Fachbereich Germanistik. Ein starker Fokus Ihrer Arbeit liegt auf der kultur- und literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Prozess des Klimawandels und seiner Natur als Katastrophe ohne Ereignis.

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