Magazin, Vol. 4: Klima im Wandel
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„Wir müssen aufhören zu denken, dass Wissen hundertprozentige Sicherheit erfordert“

Sayler/ Morris

Johan Huibers’ Ark, The Netherlands, 2010 © Sayler/Morris

Fakten sind zwecklos: die Philosophie hinter den Klimaleugnern

 

Die Fakten sind eindeutig: Die Erde erwärmt sich. Die Wissenschaft ist sich einig: Wir sind schuld daran. Doch manche Leute sind davon immer noch nicht überzeugt und wollen – wie es scheint – auch nicht davon überzeugt werden. Woran liegt das? Philosophieprofessor N. Ángel Pinillos spricht mit 42 über die Theorie, die hinter dem Zweifel steckt, über die Frage, was es bedeutet, etwas zu wissen, und darüber, ob es angebracht ist, Wissenschaftler anzuzweifeln oder nicht. Außerdem schlägt er eine Taktik dafür vor, wie man im Alltag mit Skeptikern umgehen kann.

Dr. Pinillos – Sie beschäftigen sich mit Klimawandel-Skeptikern im Zusammenhang mit Epistemologie – der Frage, was Wissen bedeutet. In der Philosophie hat man sich weitestgehend darauf geeinigt, dass Wissen „wahre Meinung mit Begründung“ umfasst. Stimmen Sie dieser Analyse zu?

Diese Analyse wird in der Philosophie allgemein seit Plato vertreten. Die meisten Philosophen von heute denken, dass das ungefähr richtig ist, und ich persönlich stimme auch zu. Ich weiß zum Beispiel, dass ich aufs College gegangen bin. Das heißt, dass ich (a) der Meinung bin, dass ich aufs College gegangen bin, (b) dass meine Meinung begründet ist – durch Erinnerungen, Bezeugungen von Kommilitonen, das Diplom in meiner Schublade und so weiter − und (c) dass es wahr ist, dass ich aufs College gegangen bin. Es ist oft hilfreich, so über Wissen nachzudenken.

Ist es philosophisch gerechtfertigt, Wissen zu erlangen, indem man auf Autoritäten, wie zum Beispiel Wissenschaftler, vertraut? Warum sollten wir Wissenschaftlern glauben, wenn sie uns sagen, dass der Klimawandel real und menschengemacht ist?

Lassen Sie uns über ein einfacheres Beispiel nachdenken. Viele Leute, die keine Wissenschaftler sind, kennen ein paar grundlegende Fakten über die Sterne. Zum Beispiel ist es allgemein bekannt, dass viele Sterne Millionen von Meilen entfernt sind, dass sie sehr alt sind und zum Teil aus Helium bestehen. Wir wissen sehr viel über die Sterne. Aber woher? Den meisten dürfte das wahrscheinlich klar sein, aber es lohnt sich, es noch mal zu sagen. Der Prozess, der zu Wissen führt, hat mindestens zwei Stufen. Zuerst benutzen Astronomen wissenschaftliche Methoden, wie die Aufzeichnung der Bewegungen, Leuchtkraft und Strahlung von Sternen, um deren verschiedene Eigenschaften festzustellen. Im nächsten Schritt werden diese Informationen in der Öffentlichkeit verbreitet. In den Fällen, in denen man sich einig ist, wie bei der Zusammensetzung von Sternen, werden diese Informationen dann in Schulbücher aufgenommen.

Versagt dieses System auch manchmal?

Dieses zweistufige Modell funktioniert ziemlich gut, aber es kann an jedem Schritt scheitern. Auf der Stufe, an der Wissen entsteht, kann es passieren, dass es einem Wissenschaftler nicht gelingt, geeignete Beweise zu sammeln. Es kann sein, dass er falsch mit den Daten umgeht oder dass er die falschen Schlüsse zieht. Auf der Stufe der Wissensverbreitung kann es sein, dass die Botschaft der Wissenschaftler von Journalisten falsch wiedergegeben wird oder von Lobbygruppen blockiert wird. Es kann auch passieren, dass die Wissenschaftlerin selbst ihre Erkenntnisse nicht korrekt wiedergibt.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass, nur weil das System manchmal versagt, das nicht heißt, dass durch das System nicht normalerweise Wissen entsteht. Genauso wie es nicht heißt, dass mein Gehör nicht funktioniert, nur weil es manchmal aussetzt. Ich weiß, dass im Hintergrund gerade Musik läuft, auch wenn mich mein Gehör in der Vergangenheit manchmal im Stich gelassen hat. Wir müssen aufhören zu denken, dass Wissen hundertprozentige Sicherheit erfordert. Eine Sache, die wir von Descartes gelernt haben, ist, dass man sich sowieso selbst den grundlegendsten Dingen nicht sicher sein kann.

 

„Nur weil das System manchmal versagt heißt das nicht, dass durch das System nicht normalerweise Wissen entsteht“

 

Aber ist das wirklich Rechtfertigung genug, den Erkenntnissen von Wissenschaftlern Glauben zu schenken, auch wenn man nichts über die Experimente weiß, die zu diesen Erkenntnissen geführt haben?

Ja, ich glaube, das folgt aus der Idee, dass Wissen und Begründungen durch die Aussagen von anderen weitergegeben werden können. Wenn ich meine Wäsche wasche und Ihnen davon erzähle, wissen Sie, dass ich meine Wäsche gewaschen habe – auch wenn Sie nicht selbst nachgeprüft haben, ob das, was ich erzähle, wahr ist. Natürlich funktioniert das nicht immer, weil Menschen auch manchmal lügen. Aber im Allgemeinen funktionieren Aussagen. Wenn Sie denken, dass durch Aussagen meistens kein Wissen oder keine Begründung weitergegeben wird, fokussieren Sie sich wahrscheinlich zu sehr auf die Fälle, in denen es nicht funktioniert, und Sie ignorieren all die langweiligen, durchschnittlichen Fälle, in denen es wunderbar funktioniert.

Aber sowieso könnte man sich nie mit allen Experimenten beschäftigen, die zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis geführt haben. Die Wissenschaft basiert auf zu viel gesammeltem Wissen, als dass irgendjemand wirklich alles verstehen könnte, was zu einer These geführt hat. Man muss sich immer auf Aussagen verlassen, ob es nun um eine Quelle geht, aus der man zitiert, oder um einen Techniker im Labor, bei dem man sich sicher sein muss, dass er die richtigen Zahlen von den Instrumenten abliest.

Wie funktioniert der zweistufige Prozess, den Sie eben beschrieben haben, in Bezug auf den Klimawandel? Glauben Sie, dass die Leute auf diese Weise etwas darüber lernen?

Ich glaube, es scheint gut zu funktionieren. Wissenschaftler generieren durch ihre Methoden Wissen, und dieses Wissen wird dann in der Öffentlichkeit verbreitet – obwohl wir uns noch steigern können, was die Verbreitung angeht. Aber wie kann ich so sicher sein, dass das System im Fall von Klimawandel so funktioniert, wie es sollte? Das liegt an zwei Dingen. Erstens, viele Wissenschaftler kommen unabhängig voneinander zu den gleichen Ergebnissen, was den menschengemachten Klimawandel angeht. Wenn so eine Art von Konsens besteht, ist es unwahrscheinlicher, dass in der Wissenschaft etwas schiefgegangen ist – deswegen wird Replizierbarkeit so hoch geschätzt. Zweitens, obwohl Tausende von Klimawissenschaftlern verschiedene Herangehensweisen in ihrer Recherche nutzen, gab es bisher viele gemeinschaftliche Versuche, die Erkenntnisse zusammenzufassen und an die Öffentlichkeit zu bringen. Auch bei diesen Zusammenfassungen bestehen Konvergenzen. Das macht es unwahrscheinlicher, dass es ein Problem mit der Weitergabe des Wissens gibt.

 

„Wenn so eine Art von Konsens besteht, ist es unwahrscheinlicher, dass in der Wissenschaft etwas schiefgegangen ist

 

Daher geht es nicht so sehr darum, dass ich der Autorität irgendeines Wissenschaftlers vertraue. Viel mehr deutet einiges darauf hin, dass das zweistufige System aus Wissensgenerierung und -verbreitung gut funktioniert. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass das menschliche Verhalten einen signifikanten Einfluss auf die Umwelt hat.

Warum fällt es manchen Leuten schwerer als anderen, diesen Autoritäten Glauben zu schenken?

Der Hauptgrund ist wahrscheinlich, dass ihnen das Verständnis für die Klimaforschung fehlt. Genauso fehlt ihnen das Bewusstsein dafür, dass viele Wissenschaftler sich einig sind, was den Klimawandel betrifft. Eine andere mögliche Erklärung kommt aus der Sozialpsychologie und ergibt sich aus der allgemeinen Idee, dass unsere Beziehungen und Gefühle unsere Überzeugungen beeinflussen. Zum Beispiel, wenn der Glaube an den menschengemachten Klimawandel in meiner Familie einen Konflikt hervorrufen würde, wäre ich weniger geneigt, daran zu glauben. Man nimmt an, dass das ein impliziter Effekt ist, also bin ich mir vielleicht noch nicht mal bewusst, dass meine Überzeugungen von diesen Faktoren beeinflusst werden. Aus meiner Sicht mag mein Gedankengang tadellos sein. Außerdem denke ich, dass Menschen vom sogenannten „lokalen“ philosophischen Skeptizismus betroffen sein können. Ich glaube nicht, dass das reicht, um skeptische Einstellungen dem Klimawandel gegenüber vollständig zu erklären. Aber zusammen mit den anderen Erklärungen kann es diese Einstellung aufrechterhalten. Zumindest wird diese Möglichkeit aus der Philosophie in der Diskussion oft übersehen.

Skeptizismus ist allgemein bekannt als Descartes’ Cogito-Argument. Wie kommen wir von dem berühmten Satz „Cogito ergo sum“ − „Ich denke, also bin ich“ – dazu, am Klimawandel zu zweifeln oder ihn sogar zu leugnen?

Descartes war interessiert daran, herauszufinden, welcher Meinungen wir uns sicher sein können. Das Vermächtnis seines Werkes ist die Idee, dass wir nicht auf unsere Sinneseindrücke vertrauen können. Trotzdem können wir uns ein paar Dingen sicher sein, zum Beispiel unserer Existenz – cogito ergo sum – und der inneren Welt unseres Verstands. Jeder, der denkt, dass wir uns der externen Welt offensichtlich nicht sicher sein können, stützt sich auf das Vermächtnis von Descartes. Descartes’ Ideen waren alles andere als offensichtlich zu der Zeit, als er sie aussprach. Viele Philosophen benutzen Descartes’ Argumente nicht nur, um die Idee herauszufordern, dass wir Sicherheit haben können, sondern auch, um infrage zu stellen, dass wir überhaupt begründete Meinungen haben können.

Stimmen Sie da zu?

Manche Philosophen, darunter auch ich, glauben, dass Descartes’ Argument einer bestimmten Formel folgt, die man dazu benutzen kann, um jemanden zu einem lokalen Skeptiker zu machen. Das heißt, wir können seinem Rezept folgen, um jemanden gezielt dazu zu bringen, manche Dinge anzuzweifeln und andere nicht. Stellen Sie sich vor, Sie werden auf eine Krankheit getestet, und das Testergebnis ist negativ. Das ist erst mal eine Erleichterung. Aber dann erinnere ich Sie: „Na ja, falsche Negativresultate kommen vor. Wie können Sie sicher sein, dass das hier nicht so ein Fall ist? Können Sie das ohne weitere Tests wirklich ausschließen?“ Hier könnten Sie versucht sein, mir zuzustimmen: „Okay, klar, ich schätze, ich weiß nicht, ob das vielleicht ein falsches Negativresultat ist.“ Auch wenn in der Philosophie noch diskutiert wird, wie genau dieser Zweifel erzeugt wird, sind sich Wissenschaftler weitestgehend einig, dass normalerweise die Möglichkeit, dass ein Fehler vorliegt, eine Rolle spielt. Es ist aber nicht so, dass irgendein möglicher Fehler reicht, um Zweifel zu erzeugen, oder zumindest nicht mit derselben Wirkung. Um zu dem Fall mit der Krankheit zurückzukehren: Wenn ich Ihnen sagen würde, dass einem die Erinnerung manchmal einen Streich spielt und dass Sie den Test vielleicht gar nicht gemacht haben, dann schauen Sie mich wahrscheinlich einfach an, als hätte ich den Verstand verloren.

Sie haben jetzt mehrmals das Konzept des „lokalen Skeptizismus“ erwähnt.

NAP: In der Philosophie gibt es zwei Arten von skeptischen Positionen – den globalen und den lokalen Skeptizismus. Ein globaler Skeptiker denkt, dass man nichts, was man über die externe Welt glaubt, tatsächlich wissen kann. Eine lokale Skeptikerin behauptet ehrlich, dass sie etwas in diesem oder jenem Fall nicht weiß, abhängig davon, wie sich der skeptische Druck in der Situation zusammensetzt. Die lokale Skeptikerin kann sich nicht sicher sein, dass ihr Test kein falsches Negativresultat ist. Aber sie wird bereitwillig sagen, dass sie andere normale Dinge weiß – sie wird sagen, dass sie nächsten Dienstag um 14 Uhr ein Lunchmeeting hat. Man findet selten einen globalen Skeptiker. Deswegen wäre es schwierig, Klimaskeptizismus auf diese Weise hervorzurufen. Diese Leute, wenn es sie überhaupt gibt, werden zwar sagen, dass sie nicht wissen können, ob der menschengemachte Klimawandel real ist. Aber das ist ihr geringstes Problem. Globale Skeptiker werden auch sagen, dass sie die alltäglichsten Dinge nicht wissen können. Sie werden auch nicht wissen können, ob sie einen Körper haben oder ob sie im 21. Jahrhundert leben.

Leute, die den Klimawandel anzweifeln, und Leute, die an Verschwörungstheorien glauben, greifen oft auf ähnliche Argumente und Meinungen zurück – speziell was die Gesellschaft, die Regierung und die Wissenschaft angeht. Gibt es Beweise dafür, dass Verschwörungstheorien und skeptischer Druck zusammenhängen?

Das ist ein interessantes Feld. Ich glaube, dass wenn jemand ins Grübeln kommt und sich über etwas Sorgen macht, wie das bei einer Verschwörungstheorie der Fall ist, dann schleicht sich manchmal der lokale Skeptizismus ein, um diese skeptische Einstellung aufrechtzuerhalten. Das kann Leuten aus dem gesamten politischen Spektrum passieren. Manche sind übermäßig argwöhnisch, was die Regierung und die Wissenschaft betrifft, andere misstrauen Unternehmen.

Sie haben spekuliert, dass eine extreme Version des skeptischen Drucks bei Zwangsstörungen (OCD – obsessive-compulsive disorder) ins Spiel kommt. Könnten Sie dazu etwas mehr sagen?

Eine Zwangsstörung ist eine komplexe Krankheit, die sich auf verschiedene Arten ausdrückt. Aber sie scheint grundlegend mit Zweifel verknüpft zu sein. Tatsächlich nannte der französische Psychiater Jean-Pierre Falret sie „folie du doute“ oder „Irrsinn des Zweifels“. Nehmen wir an, jemand mit dieser Krankheit fühlt sich gezwungen, immer wieder nachzusehen, ob er den Herd ausgemacht hat. Er kann sich nicht sicher sein, ob er den Herd ausgemacht hat, obwohl er Beweise dafür hat. Der OCD-Patient und die lokale Skeptikerin haben etwas gemeinsam. Beide fokussieren sich mental auf die Möglichkeit, dass eine Überzeugung falsch sein könnte. Sie sind sich auch beide bewusst, dass es für ihre Einstellung auch viele Gegenbeweise gibt, und trotzdem fühlen sie sich zum Zweifel gedrängt. Zum Beispiel weiß die Patientin, die sich nicht sicher ist, ob ihr Test ein falsches Negativresultat war, auch, dass falsche Negativresultate extrem selten sind. Außerdem verschlimmert sich sowohl für die lokale Skeptikerin als auch für den OCD-Patienten die Situation, wenn die Überzeugung, um die es geht, ihnen wichtig ist. Ein signifikanter Unterschied zwischen OCD-Patienten und lokalen Skeptikern ist allerdings, dass der Zweifel in der ersten Gruppe ein obsessives Level erreicht. Ich glaube, es handelt sich um eine extreme Form des lokalen Skeptizismus. Die Idee ist also, dass OCD am Rande eines Zweifelsspektrums liegt, wohingegen gewöhnlicher lokaler Skeptizismus eine Art des Verhaltens ist, die sich in einer mehr oder weniger normalen Zone des Spektrums befindet. Zu diesem Zeitpunkt meiner Beschäftigung mit dem Thema ist diese Verbindung nur eine Spekulation. Es braucht noch mehr Forschung in diese Richtung, aber ich finde, es ist ein interessantes Feld.

Im Bezug auf skeptischen Druck – wie kann man gegen so eine Position argumentieren?

Das ist eins der großen Probleme der Philosophie, und Philosophen arbeiten bis heute daran. Aber wir können einige Argumente identifizieren, die hilfreich sein könnten. Lokaler Skeptizismus ist ein interessanter Fall. Eine Art, ihm zu begegnen, ist, darauf hinzuweisen, wie der lokale Zweifel mit den anderen Meinungen der Person in Konflikt gerät. Nehmen wir uns noch mal die Person vor, die Angst hat, weil sie nicht sicher ist, ob ihr Testergebnis für die tödliche Krankheit ein falsches Negativresultat ist. Wir könnten versuchen, diese Sorge zu lindern, indem wir sie daran erinnern, dass sie viele gewöhnliche Dinge kennt, die weniger wahrscheinlich sind. Zum Beispiel weiß sie, dass sie ein Lunchmeeting nächste Woche um 14.00 Uhr hat. Natürlich ist die Chance, dass das korrekt ist, viel niedriger als die Chance, dass ihr Testergebnis tatsächlich ein falsches Negativresultat ist.

Ein anderer Weg, lokalem Skeptizismus in unserem Alltag entgegenzuwirken, ist aufzuhören, über Wissen und Begründungen zu reden. Wir könnten stattdessen über Wahrscheinlichkeiten reden. Also anstatt zu sagen „Ich weiß nicht, ob mein Testergebnis eines dieser seltenen falschen Negativresultate ist“, können wir einfach die Wahrscheinlichkeit nennen, die für diese medizinischen Tests bekannt sind. Man kann zum Beispiel sagen: „Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 0,0005%, dass ein falsches Negativresultat vorliegt.“ Das Gute daran, wenn man mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet, ist, dass es uns zu systematischerem, bewussterem „System 2“-Denken hinführt. Zusätzlich erlaubt es uns, genauere Vergleiche mit anderen Meinungen anzustellen.

Könnten Sie uns den Begriff „System 2“-Denken erklären?

In der Tradition des Nobelpreisträgers Daniel Kahnemann und seinen Kollegen ist „System 2“ ein Gedankenprozess, der langsam, gezielt, bewusst und aufwändig ist und der die Erinnerung anstrengt. Im Gegensatz dazu ist „System 1“-Denken automatisch, schnell und unbewusst. Menschen brauchen beide Systeme, um in der Welt zurechtzukommen. Aber was den öffentlichen Diskurs über die Zukunft unseres Planeten angeht, sollten wir von sorgfältigem „System 2“-Denken Gebrauch machen.

Also, wie können wir diese Art von Denken benutzen, wenn wir über den Klimawandel diskutieren?

Wenn wir über „Wissen“ und „Begründungen“ reden, hat das seine Tücken. Manchmal ist es hilfreich, die Dinge aus einer anderen Sicht zu betrachten, wie zum Beispiel mithilfe von Wahrscheinlichkeiten. Im Fall von Klimawandel ist das hilfreich. Auch die Person, die abstreitet zu wissen, dass der Klimawandel menschengemacht ist, wird voraussichtlich akzeptieren, dass zumindest eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass er tatsächlich menschengemacht ist. Wenn wir anfangen, über Wahrscheinlichkeiten zu diskutieren, werden die Teilnehmer der Diskussion sich eingehender mit den tatsächlichen Zahlen beschäftigen.

Interview: Sara Pichireddu
Übersetzung: Elisabeth Lewerenz

 

 

Sayler/ Morris

© Angel Pinillos

Nestor Ángel Pinillos ist Professor der Philosophie an der Arizona State University. Er hat einen Doktor in Philosophie und einen Bachelorabschluss in Mathematik. Seine Spezialgebiete sind Epistemologie und Sprachphilosophie. Außerdem beschäftigt er sich mit experimenteller Philosophie. Momentan arbeitet er an einem neuen Buch mit dem Titel Mind and Doubt, in dem er eine Theorie darüber aufstellt, wie Menschen Entscheidungen treffen und wie sie überhaupt zu einem Schluss gelangen.

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