Magazin, Vol. 3: Digitalisierung
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„Der Mensch ist ein Tier, das in seinen Erfahrungen einen Sinn sucht“

Module #2 © Max Dauven

Fakt, Fiktion und Schwarmintelligenz: Warum Geschichten zum Menschsein gehören

 

Durch Geschichten ist es uns möglich, die Welt zu verstehen. Wie verändern sie sich unter dem Einfluss des digitalen Wandels? Professor Henry Jenkins spricht über die Bedeutung des Transmedialen Geschichtenerzählens und neue Wege, um an Politik teilzuhaben und Absichten zu beeinflussen.

Herr Prof. Jenkins – hat der digitale Wandel die Art und Weise des Geschichtenerzählens und ‑zuhörens verändert?

Ja und nein. Geschichten sind Geschichten, aber von wem und wie diese verbreitet werden, hat sich stark geändert. Etwa während der letzten zwanzig Jahre hat sich unsere Kultur zur Teilhabekultur entwickelt – das heißt, mehr Leute produzieren und teilen mediale Inhalte miteinander. Die Produktionskosten für solche Inhalte sind deutlich gesunken, was bedeutet, dass auch das finanzielle Risiko bei Versuchen mit neuen Medienformen und -praktiken geringer geworden ist. Das sieht man beispielsweise an der explosionsartigen Zunahme von Podcasts in den letzten fünf Jahren. Die Inhalte stammen von kommerziellen, wohltätigen, akademischen und religiösen Urhebern, aber auch von Amateuren und semiprofessionellen Produzenten.

Ihnen wird die Prägung des Begriffs „transmediale Geschichtenerzählung“ zugeschrieben. Worum handelt es sich dabei?

Ich habe weder den Begriff geprägt, noch das Konzept erdacht. Ich habe lediglich das öffentliche Auge darauf gelenkt und war eine der Hauptstimmen im Gespräch um dieses Thema. Eine transmediale Geschichte ist eine Geschichte, welche kreuz und quer auf verschiedenen Medienplattformen veröffentlicht wird, während jede dieser Plattformen signifikant zum Gesamterlebnis beiträgt. Denken Sie nur an das moderne Unterhaltungs-Franchise – das Marvel Cinematic Universe oder Star Wars, um nur zwei naheliegende Beispiele zu nennen. Woher wissen wir, was wir über die Charaktere wissen? In beiden Fällen stehen die Spielfilme im Mittelpunkt, aber Großteile der Geschichten entstehen an anderen Orten: durch Fernsehserien, Comics, Computerspiele, Attraktionen in Freizeitparks, Webseiten und vieles mehr. Und manche wichtigen Kapitel werden auch vom Publikum selbst geschrieben, zum Beispiel durch Fan-Beiträge wie selbstgeschriebene Geschichten, auch Fanfiction genannt, Fan-Videos, Cosplay und so weiter. Man spricht von transmedialer Geschichtenerzählung, wenn man all dies zusammennimmt.

Hier scheint eine enorme Abhängigkeit zu digitalen Medien zu bestehen. Ist das transmediale Geschichtenerzählen ein neues Phänomen?

Nicht unbedingt. Geschichten wurden schon lange durch verschiedene Medien erzählt. Wenn man sich Notre Dame in Paris ansieht, findet man verschiedenste mediale Darstellungen der Bibelgeschichten. Von Wand- über Glasmalereien, von Wasserspeiern zum Altarraum. Krippenfiguren können dieselbe Bedeutung wie Actionfiguren haben: Sie bieten uns durch ihre Miniwelt Einblick in eine Geschichte, die uns bereits aus anderen Quellen bekannt ist. Aber das moderne Entertainment-Franchise nutzt weitaus bewusstere Planung bei der Wahl der Plattformen, über welche die Medien geteilt werden. Moderner Konsum ist vor allem eines: vernetzt. Informationen werden von Fans aus verschiedensten Quellen bezogen und in Konversationen geteilt, die in Online-Foren, Zusammenfassungen, Podcasts und auch über andere Wege stattfinden. Wir fordern ausgeklügelteren Weltenbau in den Geschichten, die uns wichtig sind, um die kollektive Spannung zu erhalten.

Wenn wir uns einen Fall aus der Popkultur ansehen, das Harry Potter-Universum zum Beispiel, ist es dann erkennbar, dass sich komplexere Geschichtswelten besser für das transmediale Erzählen eignen als andere?

Absolut. Wir können uns die einfache, lineare Geschichte um Harry und seine Freunde gut vorstellen. Aber die Harry Potter-Bücher kreieren noch weitere Identifizierungsquellen durch die verschiedenen Schulhäuser. Angenommen, ich bin ein Ravenclaw – dann möchte ich mehr Geschichten hören, bei denen Ravenclaw-Charaktere wie beispielsweise Luna Lovegood im Vordergrund stehen. Somit gibt es Anreize, die Geschichte in andere Richtungen weiter auszubauen. Bedenken Sie außerdem, dass Harrys Erfahrungen nur einen kleinen Moment in der viel längeren Geschichte von Hogwarts darstellen und viele gerne wissen würden, was in anderen Kapiteln dieser Geschichte passierte. Ich zum Beispiel finde die Generation von Harrys Eltern sehr spannend – die sogenannte Rumtreiberzeit. Andere interessieren sich für eine noch entferntere Vergangenheit und die Umstände, die zu den Ereignissen der Fantastische Tierwesen-Filmserie geführt haben, oder aber auch Harrys Leben als Erwachsener, was uns zum aktuellen Theaterstück „Harry Potter and the Cursed Child“ (Deutscher Buchtitel: „Harry Potter und das verwunschene Kind“) bringt. Man kann also sagen, je durchdachter die Welt, desto mehr Möglichkeiten für Geschichten gibt es.

Stichwort „Teilhabekultur“ – hat sich etwas in unserer Teilhabe an Geschichten verändert?

Während der Ära der Massenmedien haben wenige Einzelne die Geschichten erfunden, die der Rest von uns konsumiert hat. Aber jetzt, in der Ära der Teilhabekultur, reagieren öffentliche Stimmen auf diese Geschichten, oftmals in Echtzeit, beeinflussen Entwicklungen in ihrem Sinne, kreieren und teilen eigene Versionen der Geschichte. Das fängt mit grundlegenden Ideen wie „shipping“ an, also dem Drängen auf Beziehungen oder Verbindungen zwischen bestimmten Charakteren, um das eigene Verlangen zu befriedigen. Es kann aber auch andere Formen annehmen, zum Beispiel der persönliche Einsatz für mehr Inklusion in der Repräsentation von Frauen und ethnischen Gruppen. Dies kann darin bestehen, Unterstützung für Filme wie Black Panther zu sammeln. Dieser hat die seit Langem unterdrückte Sehnsucht angesprochen, schwarze Helden und Afrika als technologisch fortschrittliches Land auf die große Leinwand zu bringen. Aber auch andere Reaktionen sind denkbar, wie zum Beispiel auf die Star Wars-Filme und „Online-Kriege“ zwischen verschiedenen Fangruppen, dem so genannten „Toxic Fandom“. Die Anzahl der Stimmen, die kulturell mitreden möchten, steigt. Nicht alle Aussagen dieser Stimmen werden verträglich sein, so dass widersprüchliche Ideen bezüglich angemessenen Umgangs miteinander aufkommen werden. Bei der Teilhabekultur gibt es noch viele Probleme zu lösen.

Man glaubt, dass der Begriff des „Geschichtenerzählens“ auf die Produktion und den Konsum von Fiktion begrenzt ist. Allerdings haben Sie auch Beispiele für nicht-fiktives transmediales Geschichtenerzählen erforscht.

Richtig. Es gibt dafür viele aktuelle Beispiele. Die Parkland Kids und die March For Our Lives-Kampagne gehören dazu. Ich habe viel über zeitgenössische Aktivisten geschrieben, die mit Hilfe aller notwendigen Medien für sozialen Wandel kämpfen. Solche jungen Aktivisten nutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, um ihre Message zu verbreiten, und zeigen dabei ein tiefgründiges Verständnis für den Einfluss moderner Medien. Natürlich benutzen sie YouTube, Twitter und andere soziale Medien, um Opfer von Schulamokläufen im ganzen Land miteinander in Kontakt zu bringen und um landesweite Streiks und Demonstrationen zu organisieren. Sie verteilen sich, um ihre Geschichte in den Medien zu verbreiten, oftmals schreiben sie dabei ihre eigenen Regeln bezüglich des Verhaltens von Interview-Gästen, um endlich die Pattsituation rundum die Waffengesetze zu brechen. Bei den Tony Awards führen sie ein Lied des Musicals Rent auf. Nachrichtensprecher des Senders Fox werden herausgefordert, indem auf ihre Werbesponsoren Druck ausgeübt wird. Jugendliche schreiben Biografien über ihre Erlebnisse. Auch das ist transmediales Geschichtenerzählen. Durch diese Strategie hatte eine kleine Anzahl Schüler einen riesigen Einfluss auf die Diskussion um Waffengewalt in den USA. Das ist transmedialer Aktivismus.

Inspiriert die Teilhabekultur politischen Aktivismus?

Im Moment erlernen viele Leute spielerisch Fähigkeiten, die sie schnell zu seriöseren Aufgaben hinleiten, beispielsweise zum Widerstand und gesellschaftlichen Wandel. Unsere Studien belegen, dass junge Menschen, die an Online-Fandoms oder Gaming-Gruppen teilhaben, eher politisch aktiv werden – und dass online und offline. Diese jungen Menschen haben ihre Stimme gefunden und gelernt, wie man sich durch Netzwerke zusammenschließt. Sie haben einen Sinn dafür entwickelt, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte – wir sprechen hier von ziviler Imagination –, und in manchen Fällen nutzen sie Referenzen zur Popkultur als gemeinsames Vokabular, um öffentliche Meinungen zu formen. So funktioniert Teilhabepolitik.

Ein weiterer Begriff, der mehrfach in ihren Forschungen auftaucht, ist der der „teilbaren Medien“ – Medieninhalte, die durch Graswurzelverteilung in den sozialen Netzen geprägt werden. Man könnte argumentieren, dass Teilhabekultur den Anstieg der sogenannten „Fake News“ begünstigt. Welche Meinung haben Sie dazu?

Viele Aussagen, die diese Menschen teilen, sind von tatsächlicher Bedeutung – sie spiegeln ihre Gefühle und Ansichten zum Weltgeschehen wider –, aber diese Aussagen sind nicht zwingend korrekte Tatsachen. Fake News werden bewusst so aufgebaut, dass sie wie echte Nachrichten erscheinen und von Lesern geteilt werden. Sie treffen den Nerv und drücken in Worten die tiefsten Ängste und Verlangen dieser Menschen aus. Um zu verstehen, warum Fake News zirkulieren, muss man zuerst verstehen, wieso sie so im Einklang mit den politischen Gedanken der Alltagsmenschen sind. Aber letztendlich muss in dieser Welt, in der wir zusammen eine größere Kontrolle über die Art und Weise des kulturellen Informationsaustauschs haben, jeder von uns mehr Verantwortung übernehmen, wenn es um die Qualität der von uns weitergegebenen Informationen geht. Diese Umstände unterstreichen die Notwendigkeit der Medienkompetenz und Medienbildung. Dieser Notwendigkeit ist nicht geholfen, solange es einen Präsidenten gibt, der selbst als bestes Gegenbeispiel der sozialen Netzwerk-Etikette fungiert: Beleidigend und mobbend scheint es ihm komplett gleichgültig, ob und wie richtig eine Information ist, die er durch sein weitreichendes Profil teilt.

 

„Egal welche Art Geschichte wir erzählen, wir müssen uns unserer eigenen Handlungsmacht bewusst sein“

 

Können Handlungen der Schwarmintelligenz dieser Entwicklung entgegenwirken?

Der Begriff Schwarmintelligenz beschreibt die Fähigkeit von vernetzten Menschen, Wissen zu sammeln, vom jeweiligen individuellen Fachwissen zu profitieren und Probleme zu bewältigen, die für einzelne Personen viel zu komplex wären. Eine Manifestation der Schwarmintelligenz ist beispielsweise der „Women’s March“. Er wurde in Rekordzeit organisiert, Koalitionen verschiedenster Gruppen sind im Land verteilt aufgetaucht, und Millionen von Leuten wurden am selben Tag zur selben Zeit auf den Straßen mobilisiert. Schwarmintelligenz ist auch das, was Menschen dazu befähigt, Fake News und Falschaussagen von Politikern zu entlarven, da diese mit bereits vorhandenem Wissen aus dem ganzen Land verglichen werden. Schwarmintelligenz ist unsere beste Waffe gegen die ansteigende Verbreitung von Fehlinformationen, die wir in den letzten Jahren gesehen haben.

 

„Die zentrale Frage muss sein, „Was bewirken wir durch die Medien?“ und nicht, „Was bewirken die Medien bei uns?““

 

Schwarmbeteiligung scheint ein wirkungsvolles Mittel im Prägen und Verändern von Geschichten zu sein. Können Geschichten unsere Ansicht über den digitalen Wandel verändern?

Es ist von Bedeutung, welche Geschichten wir uns über den digitalen Wandel erzählen. Während der letzten Jahrzehnte haben wir eine Veränderung beobachten können: von utopischen Geschichten über die digitale Revolution, welche traditionelle Gatekeeper entmachtet, hin zu dystopischen Erzählungen über die von Google oder Facebook konzentriert gehaltene Macht. Beide Arten sind spannend und sprechen Wahrheiten an. Aber eine davon als absolute Wahrheit zu sehen, kann unser Verständnis über diese komplexe und instabile Situation verzerren. Egal welche Art Geschichte wir erzählen, wir müssen uns unserer eigenen Handlungsmacht bewusst sein. Die zentrale Frage muss sein, „Was bewirken wir durch die Medien?“ und nicht, „Was bewirken die Medien bei uns?“.

In seinem Buch „The Storytelling Animal“ behauptet Jonathan Gottschall, dass das Geschichtenerzählen die Essenz sei, die uns zum Menschen macht. Wie würden Sie die Relevanz von Geschichten definieren?

Ich würde sagen, dass der Mensch ein Tier ist, das in seinen Erfahrungen einen Sinn sucht. Geschichten sind eine der stärksten Strukturen, um sinnvolle Erfahrungen mit anderen zu teilen. Geschichten beeinflussen, wie wir über die Welt empfinden und sie verstehen. Aber der Schlüsselpunkt, den ich herausstellen würde, ist folgender: Menschen beteiligen sich nicht an sinnlosen Aktivitäten. Ich verstehe vielleicht nicht, warum eine bestimmte Geschichte für jemanden von Bedeutung ist, und wir müssen vielleicht länger über eine Geschichte diskutieren, um ihre tiefere Bedeutung zu verstehen, aber wir gehen nie davon aus, dass eine Geschichte bedeutungslos und jemandes Interesse daran sinnlos ist. Wir müssen lernen, einander zuzuhören und Geschichten von anderen zu verstehen, wenn wir die Welt weiterhin miteinander teilen möchten. Die Massenmedien geben uns Zugang zu einer begrenzten Auswahl an Geschichten; heute gibt es durch die digitalen Medien mehr Menschen, die Geschichten teilen können. Wir müssen lernen, den Erzählungen von anderen besser zuzuhören.

Interview: Lara von Richthofen

Übersetzung: Franziska Mohr

 

 

Digitalisierung und Storytelling

Henry Jenkins ist Professor für Kommunikation, Journalismus, Filmkunst und -bildung an der University of Southern California. Seine Forschungen drehen sich um Phänomene und Prozesse der Medien und Popkultur, einschließlich des Zusammenspiels von Geschichten, Medien und Politik. In seinem neuesten Buch, das 2016 erschienen ist, „By Any Media Necessary: The New Youth Activism“, untersucht Jenkins Jungendaktivismus im digitalen Zeitalter.

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