Magazin, Vol. 3: Digitalisierung
Schreibe einen Kommentar

„Nur wer ignorant ist, kann intelligent operieren“

digital-transformation-and-communication

© Max Dauven Module #1

Dogmatisch ohne Dogma: Kann Kommunikation die Religion ersetzen?

 

In der digitalen Welt scheinen alle mit allen zeitgleich in Verbindung zu stehen. Das Resultat: ein erhöhtes Bewusstsein für die Ereignisse rund um den Erdball. Medienwissenschaftler Professor Norbert Bolz berichtet im Gespräch mit 42, wie das Leid der Welt, das wir täglich live miterleben, unsere Moral verändert und wo wir Halt suchen.

Herr Professor Bolz – ist das derzeitige Überangebot an Informationen ein Problem?

Der „Information Overload“, also die Verfügbarkeit von zu viel Information, ist ein altes Thema, aber eigentlich ist es ein Scheinproblem, denn es gibt unendlich viele ganz natürliche Filter, um der Überforderung entgegenzuwirken. Ignoranz und Vergessen, das sind unsere wichtigsten Kräfte. Nur wer ignorant ist, kann im Grunde intelligent operieren, indem er sich auf bestimmte Informationen konzentriert und diese weiterverarbeitet. Das Vergessen ist dabei ein ganz wesentliches Element, um agil zu bleiben. „Information Overload“ ist dabei ein rein technischer Begriff, der anthropologisch keine Grundlage hat, da unsere natürlichen Filter nur ein bestimmtes Maß an Information zur Weiterverarbeitung durchlassen. Natürlich kann man sich überarbeiten oder überfordert fühlen, aber erst seitdem wir neue, medial so wirksame Begriffe wie „Burnout“ oder „Information Overload“ dafür gefunden haben, entfalten sie ihre rechtfertigende, gar entschuldigende Wirkung.

Gibt es in der Mediengeschichte Beispiele für ähnlich weitreichende Veränderungen oder stellt die Digitalisierung ein Novum dar?

Natürlich ist die Digitalisierung eine weichenstellende Veränderung, aber sie ist nicht ganz ohne Parallelen zu bisherigen Entwicklungen in der Geschichte. Die Erfindung des phonetischen Alphabets durch die alten Griechen und dann natürlich die Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg sind zwei vergleichbare Ereignisse, die einen ähnlichen Umsturz der gesamten Weltkultur mit sich gebracht haben. Aber angesichts der heutigen Selbstverständlichkeit von Schrift und Drucktechnik, die sich, mit einem Abstand von 500 beziehungsweise 2500 Jahren betrachtet, natürlich eingestellt hat, scheinen uns diese beiden Ereignisse harmlos, während wir die Digitalisierung in unserer eigenen Lebenszeit miterleben. Deshalb wirkt sie natürlich sensationeller und noch revolutionärer. Aber im Grunde handelt es sich um die drei großen, durchaus vergleichbaren Zäsuren in der Mediengeschichte.

Wir befinden uns also im Übergang von der Gutenberg-Galaxis – einer Welt, die grundlegend vom Buch als Leitmedium geprägt ist – in das digitale Zeitalter. Wodurch wird dieses neue Zeitalter charakterisiert?

Wir steuern auf ein Zeitalter der sekundären Oralität, also der zweiten Mündlichkeit, zu, wie es schon die Medienwissenschaftler Walter Ong und Marshall McLuhan vorausgesagt haben. Das lässt sich vor allem daran erkennen, dass sich im Medium der Schrift, das natürlich nach wie vor bindend ist, immer mehr orale Charakteristika durchsetzen. Bedingt durch die technologischen Möglichkeiten gleicht sich unser Schriftgebrauch dem Sprechverhalten zunehmend an. Es gibt eine größere Lässigkeit, auch Nachlässigkeit, wenn man so will, und es wird spontaner interagiert. Auch die Formen der Höflichkeit verschwimmen. All das hängt mit dem Verlust der Distanz zusammen, die das Medium der Schrift ursprünglich geboten hat. Wenn man sich hinsetzt und einen Brief schreibt, dann rechnet man nicht mit einer sofortigen Reaktion, sondern geht davon aus, dass zwischen dem Geschriebenen und einer Antwort eine zeitliche Distanz liegt. Dadurch fällt die Zeit des Verarbeitens, der Kontemplation weg. Die Zeit des Nachdenkens, die früher durch das postalische Prinzip gegeben war, gibt es heute nicht mehr. Wir leben dafür in einer Welt der Gleichzeitigkeit, entsprechend beschleunigt wird auch unser Kommunikationsverhalten. Am deutlichsten zu sehen ist das an Messenger-Diensten wie Whatsapp, iMessage oder Facebook. Hier ist die Erwartungshaltung einer sofortigen Antwort schon implizit in jeder Nachricht enthalten. Darüber hinaus kann man einfach Sprachnachrichten verschicken und so das Medium der Schrift umgehen. All diese Entwicklungen sind Formen einer zweiten Oralität.

In seiner These, das „Medium ist die Botschaft“, relativiert McLuhan die Bedeutung von Medieninhalten und betont den gesellschaftlichen Einfluss der Eigenarten des genutzten Mediums an sich.

Diese berühmte These von McLuhan halte ich für die weitreichendste, weil sie den Blick weg vom Inhalt auf das Wesen des Mediums lenkt. Wie McLuhan es selbst einmal ausgedrückt hat: Man wirft den Menschen die Inhalte wie einen Leckerbissen vor, um sie abzulenken von dem, was sie wirklich prägt, nämlich die Formatierung durch die Medien selbst. Formatierung bedeutet hier die Beeinflussung unseres Medienkonsumverhaltens. McLuhan bricht diese fast laienhafte Fixierung auf Inhaltlichkeit auf. Das haben die Kulturpessimisten im Grunde schon richtig gesehen. Es ist nicht so wichtig, was heute in den Tageszeitungen steht, sondern, dass wir diese Form des Mediums als Informationsquelle nutzen, und nicht mehr ein Buch.

 

„Die Grenzen des Menschen sind nicht mehr die Grenzen seiner fünf Sinne, sondern eher die Grenzen seiner Technologien“

 

McLuhan versteht Medien außerdem als eine Art Verlängerung des Körpers. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Das ist ein fast holzschnittartiger Übertrag aus der Soziologie, wie etwa der Hammer als Verlängerung der menschlichen Faust oder das Teleskop als Erweiterung des menschlichen Auges. Im Grunde ist es das, was wir seit Jahrhunderten im Alltag erleben. Eben, dass der Mensch sich in seinen fünf Sinnen technisch ausrüstet, bis hin zum Computer, den schon McLuhan als Extension des zentralen Nervensystems definiert hat. Und so verändern auch die Medien, als technische Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeit, die Sicht auf die Welt. Das ist bildlich natürlich alles etwas übertrieben, aber man kann nicht leugnen, dass die Grenzen des Menschen nicht mehr die Grenzen seiner fünf Sinne sind, sondern eher die Grenzen seiner Technologien. Diese technologischen Prothesen, in Anlehnung an Sigmund Freuds Begriff des „Prothesengottes“, führen dazu, dass wir andere Schnittpunkte mit der Welt haben und dementsprechend auch andere Weltbilder. Das „Göttliche“ hier als Selbstzuschreibung des Menschen, der sich, getrieben von der Fantasie, allmächtig und allwissend zu sein, an die Spitze der Schöpfung setzt. Tatsächlich ist der Mensch aber ein radikal auf Technik angewiesenes Wesen. Je moderner die Welt wird, desto größer wird die Technikabhängigkeit. Daraus muss man aber nicht gleich die Cyborg-Fantasien des Transhumanismus ableiten, das ist wohl eher Marketing.

Führt der technische Fortschritt zu einer Art weltumspannender Kommunikation?

Ja. Es gibt Ebenen, auf denen es bereits eine Weltkommunikation gibt. Das liegt aber gar nicht so sehr auf der Ebene der gesprochenen Sprache, obwohl man da ja auch viele Anstrengungen unternimmt, sondern in Kommunikationsverhältnissen, die längst weltweit etabliert sind: Denken Sie nur an wirtschaftliche oder auch wissenschaftliche Kommunikation. Beide gehen über Ländergrenzen hinweg und sind universal. In der Wissenschaft gibt es Standards und funktionierende Falsifikationsmechanismen, in der Wirtschaft gibt es das Medium Geld, das mehr oder minder elegant ein weltumfassendes Verständnis zulässt, ohne dass man sich unterhalten müsste. Gerade die universalisierende und homogenisierende Kräfte von Technik, Wissenschaft und Wirtschaft sind Einflüsse, die den Soziologen Niklas Luhmann meiner Meinung nach zu Recht von einer Weltgesellschaft haben reden lassen. Natürlich gibt es so viele Systeme, so viele Ungleichheiten. Aber wenn man in die Schlüsselbereiche unseres Lebens schaut, dann gibt es so etwas wie Weltkommunikation, und die muss eben nicht unbedingt sprachlich ablaufen.

Das bedeutet, Weltkommunikation ist nicht an einen einheitlichen Sprachgebrauch, sondern viel mehr an die gemeinsame Nutzung von sozialen Institutionen gebunden?

Richtig, Institutionalisierung ist immer die Bedingung für erfolgreiche Kommunikation. Das kapitalistische marktwirtschaftliche System ist dafür ein erfolgreiches Beispiel. Die Welt hat sich hier gemeinsam in eine Richtung entwickelt, sodass wir heute sagen können: Offenbar gibt es bisher nur ein erfolgreiches wirtschaftliches System, nämlich den Kapitalismus. In der Politik hingegen sehen wir diese Erfolgsstory noch nicht.

Überhaupt fällt es schwer von Erfolgsstorys zu sprechen, wenn wir das Leid der Welt direkt auf unsere Laptops streamen können.

Ja, das stimmt. Mehr denn je leben wir in einer Schuldkultur. Man hat tatsächlich das Gefühl, für alles mitverantwortlich zu sein. Für die Schuldkultur ist es charakteristisch, dass man versucht, die eigene Identität über die eigene oder auch kollektive Schuld zu konstruieren. Auch die praktische Politik folgt diesem Ansatz. Der Philosoph Hermann Lübbe geht in seinem Buch „Ich entschuldige mich“ dieser politischen Praxis nach und spürt Narrative der Entschuldigung in der ganzen Welt auf, wie etwa die Entschuldigung gegenüber den Kolonialländern, die Entschuldigung gegenüber den Indianern in Amerika oder in Australien gegenüber den Aborigines. Es gibt mittlerweile hunderte dieser Entschuldigungsrituale. Identität wird nicht mehr über Stolz definiert, wie das in vielen islamischen Ländern und in Europa vielleicht noch in Frankreich, der Grande Nation, der Fall ist. Die Frage nach dem „Wer sind wir?“ wird mittlerweile umgeleitet auf die Frage „Was haben wir alles verbrochen, und können wir dafür Vergebung bekommen?“. Dieses Thema ist mittlerweile wissenschaftlicher Forschungsgegenstand geworden. Studien zeigen: Hypersensibilität und Hypermoral sind tatsächlich Effekte dieser neuen Medienwelt.

Was sagen Sie zu der Sichtweise, dass die Omnipräsenz von Leid und Elend zu einer emotionalen Abstumpfung, einer Taubheit führt?

Dieser Prozess der Abstumpfung und der Taubheit lässt sich tatsächlich beobachten und wird unter dem Begriff der „Compassion Fatigue“ – also einer Erschöpfung durch das eigene Mitleid – zusammengefasst. Es ist bisher allerdings immer noch unsicher, wie sich diese Form der Mitleidserschöpfung und die Kultur der Bußrituale zueinander verhalten, ob es dort eine Art Pendelbewegung gibt. Der gemeinsame Nenner wäre am Ende die Heuchelei. Aber ich möchte da noch keine Position beziehen, denn es wäre sehr weitreichend, die Mitleidsbewegungen, wie etwa in der Flüchtlingskrise, als Heuchelei abzutun. Auf der anderen Seite ist es so, dass die modernen Medien uns in eine weltweite Gleichzeitigkeit versetzen, sodass wir jeden Moment einen Impuls bekommen: „Mensch, da müsste man doch etwas machen, das kann man doch nicht zulassen.“

 

„Egal was in der Welt geschieht − jeder Einzelne fühlt sich davon betroffen“

 

Wie verhalten sich verstärkt emotionalisierte Medieninhalte und der Prozess der Abstumpfung zueinander?

Sie stehen in einer Wechselwirkung. Zum einen führt die Abstumpfung dazu, dass Medieninhalte immer stärker emotional aufgeladen werden müssen, um noch Gehör zu finden, und auf der anderen Seite führt dieses lauter werdende Geschrei und die moralische Überforderung zu einer Art Notwehrreflex, das Ganze von sich zu weisen. Aber es bleibt abzuwarten, wie sich dieses Verhältnis entwickelt. Wie die Zukunft der Weltgesellschaft aussieht, die jeden etwas angeht und die jedem auf der Haut brennt, da wage ich keine Prognose. Walter Ong hat in diesem Kontext das Bild der „sozialen Haut“ verwendet, die den ganzen Erdball umspannt. Egal was in der Welt geschieht − jeder Einzelne fühlt sich davon betroffen. Es gibt eine Art Weltgleichzeitigkeit und Allgegenwart dessen, was sich ereignet. Früher hat es oft Wochen gedauert, bis man von irgendeiner Revolution erfuhr, heute ist man praktisch am selben Abend mittendrin. Durch die Internetkommunikation ist es im Grunde gleichgültig geworden, wo man lebt. Alles, was auf der Welt geschieht, scheint für alle gleichzeitig zu geschehen.

In dieser hypermoralischen Welt suchen wir zunehmend nach Orientierung. Sie bezeichnen Medien als Religionsersatz. Wie ist das zu verstehen?

Ich habe dabei primär an Kommunikation als Religionsersatz gedacht. Im Grunde geht es um eine Art verlängerten Protestantismus. Die Protestanten haben Schritt für Schritt ihre Dogmen aufgegeben, oder zumindest eingeklammert. Kaum ein protestantischer Pfarrer spricht heute noch gerne über die christlichen Zentraldogmen, man hat sie alle in Gesprächsbereitschaft aufgelöst. Das berühmte „Miteinander-Reden“ oder „Reden-wir-darüber“ ist universal geworden und hat den Glauben geschaffen, dass sich alle Probleme dieser Welt durch Kommunikation lösen lassen. Das ist der Heilsglaube unserer Zeit und geht bis in die Politik hinein.

Viele Politiker assoziieren die Politik nicht mehr mit Macht oder gar Gewalt, sondern mit Kommunikation oder Diplomatie. Für meine Begriffe ist das schon eine Zivilreligion. Es gibt im Grunde nur die Weltökumene, die sich selbst erkennen muss und dann sind alle Probleme ausdiskutierbar. Meines Erachtens wird die Funktion der Religion dadurch perfekt erfüllt. Ob man das dann noch Religion nennen kann, ist für mich eine andere Frage, im Gegensatz aber etwas, was Niklas Luhmann zum Beispiel überhaupt nicht interessiert, weil er nur an die Funktion der Religion denkt und nicht an das, was Religion vielleicht einmal als Sinnversprechen gewesen sein mag.

 

„Somit treten Zivilreligionen funktionsgenau an die Stelle etwa der christlichen Kirchen“

 

Spielen Sie hier auf Luhmanns Aussage an, dass nur Religion die Religion ersetzen könnte?

Ja, dabei geht es Luhmann nicht um die Religion im Sinne der Kirche, sondern um eine soziologische Betrachtung des Wesens der Religion. Zum Beispiel ist die stärkste religiöse Bewegung, die es in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg gab, die Umweltbewegung. Da finden sich alle religiösen Elemente wieder: Statt Gott dem Vater im Himmel haben Sie Mutter Erde. Sie haben die Rituale, mit denen man sich dieser Göttin nähert, und natürlich haben Sie auch die religiöse Unduldsamkeit gegenüber all denjenigen, die diesen rechten Glauben nicht fassen wollen. Ohne dass die Grünen in irgendeiner Form als Religionsgemeinschaft eingetragen wären, würde ich mir doch die Freiheit nehmen zu sagen, das ist eine Religion. Somit treten Zivilreligionen funktionsgenau an die Stelle etwa der christlichen Kirchen.

Wie passt dies mit Ihrer These der Kommunikation als Religionsersatz zusammen?

Es kommt darauf an, auf welcher Ebene man sich dem Phänomen Religion nähert. Mir geht es darum, dass die Dogmatik eine immer geringere Rolle spielt und dass man mehr auf das Rituelle und die kultischen Vollzüge achten müsste. Vor allen Dingen interessiere ich mich für das enorme Bedürfnis, das die meisten Menschen danach haben. Ich gehe von der Grundbeobachtung aus, dass das religiöse Bedürfnis immer größer wird, die Attraktivität der großen Religionen aber gleichzeitig nachlässt. Immer weniger Leute gehen in die Kirche, aber immer größer wird das religiöse Bedürfnis als solches, das sich dann eben Ersatzschauplätze suchen muss. So eine Art Ersatzschauplatz der Religion ist auch der Konsum. Wenn man Religion anders als Luhmann mit der Frage nach dem Sinn verknüpft, sieht man, dass sich diese Ersatzschauplätze schafft.

Wie erkennt man diese Ersatzschauplätze?

Die Bereitschaft zu glauben ist auch heute noch groß, aber wenn man nicht mehr an die Erlösung oder das Jüngste Gericht glauben kann, dann glaubt man wenigstens an die Katastrophe, an den absoluten Untergang. Das sind ja nichts anderes als absolute Glaubensgewissheiten, an denen man sich festhält und orientiert. So wird man im Grunde immun gegen Argumente und Kritik. Vielleicht kann man Religion oder Glaubenssysteme am leichtesten daran erkennen, dass sie dogmatisch, also absolut immun gegen Aufklärung sind. Wobei der Dogmatismus für den Gläubigen kein Vorwurf ist, sondern ganz im Gegenteil ein Lob. Denn das Dogma ist die richtige Lehre.

Woher kommt das gesteigerte religiöse Bedürfnis?

Auf der abstrakten Ebene ist es der Verlust traditioneller Bindungen und der Verlust institutioneller Gewissheiten, wie etwa der Familie oder der Ehe, deren gesellschaftliche Rolle zunehmend schwindet. Es gibt eine Fülle von Gründen, warum man die Frage nach dem Sinn des Lebens auf die eigenen Schultern nehmen muss. Das ist natürlich eine vollkommene Überlastung für den Einzelnen und man ist dankbar für jedes Entlastungsangebot in Form einer Ersatzreligion.

Speist Kommunikation als Ersatzschauplatz nicht nur Orientierung, sondern auch Überforderung?

Ja, absolut. Deswegen kann sie auch nur temporär unser Bedürfnis nach absoluten Gewissheiten stillen. Allerdings scheint es wesentlich einfacher zu sein, für eine Ersatzreligion eine neue Ersatzreligion zu finden, als sich überhaupt erst einmal von den basalen Bildern und Vorstellungen zu lösen. Insofern, denke ich, sind auch die Ersatzreligionen, die wir heute erleben, keine finalen Formen. Auch sie werden im Lauf der Zeit wieder durch Neues ersetzt werden, weil das Bedürfnis nach absoluten Gewissheiten immer größer wird.

 

„Stattdessen ist man dogmatisch ohne Dogma“

 

Warum können Ersatzreligionen leichter abgelöst werden als ihre Vorgänger?

Wahrscheinlich deshalb, weil sie individuell gewählt werden können und weil sie immer das Risiko in sich tragen, aus der Mode zu kommen. Der vor allem in den westlichen Gesellschaften erstarkende Individualismus führt dazu, dass die individuell gewählten Ersatzschauplätze nicht mehr die breite kollektive Verankerung haben, wie es ursprünglich bei der Kirche der Fall war, und sich somit schneller wieder überholen. Deshalb gehe ich davon aus, dass auch nachfolgende Formen von Ersatzreligionen sehr viel mehr diesen Boutique-Charakter haben werden, individuell kuratiert und unbelastet von einem wirklich formulierten Dogma. Stattdessen ist man dogmatisch ohne Dogma.

Interview: Kurt Bille und Leo Rasch

 

 

Digitalisierung und Kommunikation

Norbert Bolz ist einer der renommiertesten Medienwissenschaftler Deutschlands und lehrt and der TU Berlin. Regelmäßig bezieht er in den Medien Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. Drei zentrale Themen sind dabei soziale Gerechtigkeit, Familienpolitik und Konsum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.