Magazin, Vol. 3: Digitalisierung
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„Ihr Gehirn wird nach diesem Gespräch nicht mehr das gleiche sein“

0 1 #3 © Max Dauven

Wie die digitale Welt unser Gehirn verändert

 

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf unsere Psyche und unser Gehirn aus? Professor Montag, Leiter des Lehrstuhls für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, spricht im 42-Interview über den Nutzen von Counter Strike, über konditioniertes Verhalten und darüber, wieso wir die Digitalisierung dringend besser steuern müssen.

Herr Professor Montag – ich kenne kaum noch eine Telefonnummer auswendig, und den Weg finde ich nur mit Hilfe von Google Maps. Ist mein Gehirn der digitalen Revolution zum Opfer gefallen?

Dass wir keine Telefonnummern mehr auswendig kennen, bedeutet nicht per se, dass wir „dümmer“ werden. Heutzutage sind einfach andere Fähigkeiten gefragt als das Auswendiglernen besagter Nummern. Es gibt aber leider erst wenige Studien zu diesem Thema. Daher wissen wir noch nicht genau, ob und inwiefern unsere Gedächtnisleistung durch die digitale Revolution beeinträchtigt wird.

Was sagen denn die bisherigen Untersuchungen?

Eine spannende Studie stammt von einem israelischen Forschungsteam: Sie gaben Smartphone-Neulingen für drei Monate ein Handy. Vorher und nachher führten sie neuropsychologische Tests durch; dabei ging es unter anderem darum, Impulsivität, die Gedächtnisleistung, aber auch einfache mathematische Fähigkeiten zu messen. In dieser Studie zeigten die Probanden nach Ablauf der drei Monate keine verringerte Gedächtnisleistung. Die Frage ist aber immer, wie man ein komplexes Konstrukt wie Gedächtnisleistung erfasst – da gibt es ganz unterschiedliche Methoden. Interessanterweise schnitten die Probanden, die das Smartphone stark nutzten, nach drei Monaten dafür aber schlechter bei mathematischen Schnelltests ab. In einer anderen Studie um Kostadin Kushlev führte die Anweisung, das Smartphone in einem Experiment dauernd zu nutzen, zu Unkonzentriertheit und ADHS-ähnlichen Verhaltensweisen. Diese ersten Smartphone-Studien legen also nahe, dass die ständigen Unterbrechungen durch das Smartphone durchaus Einfluss auf unsere Psyche nehmen können.

Gibt es neben diesen negativen Auswirkungen auch positive Effekte?

Transfereffekte im positiven Sinne sind vor allem bei Computerspielen untersucht worden – insbesondere bei denen, die eigentlich in Verruf geraten sind: bei Ego-Shooter-Spielen wie Counter Strike. Bei diesen Spielen müssen die Spieler auf sehr viele Reize schnell reagieren. Einige Arbeiten haben gezeigt, dass das Spielen die räumliche Vorstellungskraft schulen kann. Dazu muss ich allerdings sagen, dass eine neue Übersichtsarbeit von Giovanni Sala und Kollegen diese Effekte in einem breiteren Kontext zusammenfassend nicht über viele Studien hinweg beobachten konnte. Das bedeutet, dass es solche Transfereffekte möglicherweise gar nicht oder nur in schwacher Art und Weise gibt. Die Auswirkungen solcher Spiele auf das Aggressionspotenzial, die einige Studien gemessen haben, sind nach Übersichtsarbeiten aber auch eher als gering einzuschätzen.

Unser Gehirn ist heutzutage mit ganz anderen Bedingungen konfrontiert als noch vor zwanzig Jahren. Wie wirkt sich die Digitalisierung grundsätzlich auf seine Struktur aus?

Unser Gehirn ist neuroplastisch. Das bedeutet, es verändert sich ständig. Auch Ihr Gehirn wird nach diesem Gespräch nicht mehr das gleiche sein wie vorher. Das ist eigentlich ein schöner Gedanke: Alles, was wir im Alltag erleben, hinterlässt einen Fußabdruck. Die Intensität einer Erfahrung beeinflusst dabei, wie groß dieser Abdruck am Ende des Tages ausfällt. Übrigens: Wenn sich Ihr Gehirn nicht verändern würde, könnten Sie sich später nicht an dieses Gespräch erinnern.

Was uns in der Forschung noch fehlt, sind allerdings „in vivo“ Methoden, also bildgebende Verfahren des Gehirns im lebenden Menschen, um diese Veränderungen auf molekularer Ebene abzubilden. Unsere aktuellen Methoden im Humanbereich beziehen meist Verfahren wie die Magnetresonanztomographie ein. Diese Verfahren sind toll, verschaffen uns aber momentan eher auf etwas gröberem Niveau einen Überblick über die Arbeitsweisen des menschlichen Gehirns.

Ich bin davon überzeugt, dass die tägliche Auseinandersetzung mit digitalen Welten Spuren hinterlassen wird. Die Frage ist nur, welche genau. Ein Beispiel: Bei einer Studie mit Spielern eines Massively Multiplayer Online Role Play Games (MMORPG) haben wir herausgefunden, dass erfahrene Spieler, die – im Selbstreport – süchtiger nach dem Spiel sind, einen kleineren orbitofrontalen Cortex haben. Bei Probanden, die zuvor noch nie dieses MMORPG gespielt hatten und das nun für sechs Wochen taten, verringerte sich das Hirnvolumen in diesem Bereich, zeitgleich stiegen die Suchtwerte dieser Gruppe im Selbstreport leicht an. Das Areal scheint also direkt mit der Suchtentstehung im Zusammenhang zu stehen. Wir konnten also zeigen, dass dieser Effekt möglicherweise auf das Spielen zurückzuführen ist.

Beim Thema Digitalisierung scheint es unter den Psychologen und Neurowissenschaftlern zwei Lager zu geben: diejenigen, die in der Digitalisierung ein Teufelswerk und solche, die neue Potenziale sehen. Zu welcher Gruppe zählen Sie?

Digitalisierung hat immer zwei Seiten. Die Erfindung des iPhones, die ja gerade einmal elf Jahre her ist, war eine wahnsinnige Errungenschaft. Sie hat aber nicht nur die Kommunikation vereinfacht, sondern auch das Tempo beschleunigt, in dem wir arbeiten. Ich bin überzeugt, dass wir die Arbeit, die wir vor 20 Jahren gemacht haben, heute in der Hälfte der Zeit schaffen. Dennoch arbeiten wir nicht vier Stunden weniger, sondern häufig länger. Wir müssen erkennen, dass die digitale Revolution – eigentlich eine Entwicklung, die uns auch arbeitstechnisch entlasten sollte – de facto alles beschleunigt. Und zwar um einen so großen Faktor, dass wir nun noch länger im (mobilen) Office sitzen. Das scheint mir eines der Kernprobleme zu sein.

Ansonsten muss man sehen, dass wir in unserem Alltag sehr viele unterschiedliche digitale Inhalte nutzen. Man kann ihre Wirkung also nicht pauschal beurteilen. Es macht einen Unterschied, ob jemand das Feuilleton der Zeit auf dem Tablet liest oder ständig auf Online-Pornografie-Webseiten unterwegs ist und vielleicht eine Abhängigkeit entwickelt. Auch das Smartphone ist per se nicht gut oder schlecht. Positive und negative Folgen hängen davon ab, wie wir diese Technologien nutzen. Kurzum, die Nützlichkeit der digitalen Revolution für jeden Einzelnen wird sich darin widerspiegeln, ob wir lernen, Smartphone & Co. smart zu nutzen.

Wie sieht denn smarte Nutzung aus?

Um das zu illustrieren, habe ich vor Jahren bereits eine umgekehrte U-Funktion aufgestellt, die den Zusammenhang zwischen produktivem Arbeiten und Smartphone-Nutzung beschreibt. Wenn Sie Ihr Smartphone smart einsetzen, dann macht Sie das Gerät produktiver. Es gibt aber einen Scheitelpunkt, an dem das Ganze kippt und das Gerät Sie unproduktiv macht. Dieser Punkt beginnt meines Erachtens da, wo Sie im Alltag nur noch unterbrochen werden. Wenn Sie unser Gespräch später aufschreiben und dabei alle zwei Minuten eine neue E-Mail oder WhatsApp-Nachricht lesen – dann werden Sie nie fertig. Unser armes Gehirn kann gar nicht anders, als auf diese neuen Hinweisreize zu reagieren: Sie könnten ja wichtig sein. Tatsächlich haben wir es hier aber mit zahlreichen Mikrounterbrechungen zu tun, und diese sorgen häufig dafür, dass wir nicht mehr vertieft arbeiten können. Es gibt übrigens eine neue spannende Studie, die gezeigt hat, dass das Smartphone schon dann kognitive Ressourcen abzieht, wenn es nur vor einem auf dem Schreibtisch liegt. Sie können sich nicht mehr auf Ihre Arbeit am Computer konzentrieren, weil Sie ständig darauf warten, dass auf dem Smartphone etwas Nettes passiert.

 

„Soziale Netzwerke arbeiten mit perfiden Mechanismen, um sozialen Druck zu erhöhen“

 

Bin ich also schlicht konditioniert?

Ja, tatsächlich beobachten wir hier einen schlichten Lernmechanismus. Wir reisen einmal zurück in die Zeit vor der Einführung des iPhones: Sie gehen nach Feierabend zur Bushaltestelle und verpassen den Bus. Was tun Sie dann? Sie lesen vielleicht ein Buch oder unterhalten sich mit einem Kollegen. Dieselbe Situation nach der Einführung des Smartphones: Der Bus fährt weg, Sie ärgern sich – und dann erinnern Sie sich, dass Sie jetzt mobil E-Mails beantworten können. In diesem Moment gewöhnen Sie sich an, an der Bushaltestelle immer das Smartphone in die Hand zu nehmen. Nach einigen Wochen reicht der Hinweisreiz Bushaltestelle alleine aus, damit Sie das Gerät automatisch in die Hand nehmen.

Was kann ich tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Darauf kann ich Ihnen leider nur eine ernüchternde Antwort geben. Eine Studie hat kürzlich untersucht, wie lange es dauert, eine neue Gewohnheit zu lernen. Im Median sind es 66 Tage. Das ist ganz schön lang. Wäre diese Zahl auf die Gewohnheitsentwicklung mit dem Smartphone übertragbar, würde das bedeuten, dass Sie es jedes Mal, wenn Sie die Arbeit verlassen, in die hinterste Rucksacktasche stecken müssten. Dann müssten Sie etwa 66 Tage zur Bushaltestelle gehen und ins Leere greifen. Das Problem ist aber: Die Bushaltestelle ist nicht der einzige Hinweisreiz, der mit dem Smartphone verknüpft ist. Mittlerweile gibt es unzählige andere, die uns reflexartig zum Smartphone greifen lassen.

 

„Das Smartphone ist ein Schlafkiller“

 

Die Rucksacktasche allein reicht also nicht aus. Was können wir noch tun, um unsere Smartphone-Nutzung zu reduzieren?

Ich selbst verbringe auch zu viel Zeit mit meinem Smartphone. Daher habe ich mir angewöhnt, es im Schlafzimmer gar nicht mehr zu benutzen. Dafür habe ich mir wieder einen analogen Wecker angeschafft. Wir wissen, dass die abendliche Smartphone-Nutzung mit einer kürzeren Schlafdauer und -qualität einhergeht, da viele von uns es nicht dabei belassen, das Gerät als Wecker im Schlafzimmer zu nutzen, sondern abends aus dem Bett heraus noch sehr lange im Internet surfen. Auf einmal ist es ein Uhr nachts, der Smartphone-Wecker klingelt aber trotzdem um sechs Uhr morgens … Zusätzlich vergessen viele, die Messenger-Funktionen lautlos zu stellen, so dass sie nachts von eingehenden Nachrichten geweckt werden. Das Gerät ist ein Schlafkiller, das muss man schon so sagen.

Im Alltag trage ich außerdem wieder eine Armbanduhr. Ich benötige also nicht mehr mein Smartphone, um nach der Zeit zu schauen. Das Blöde ist ja, dass es nie beim Blick auf die Zeit bleibt. Wenn ich das Gerät in der Hand habe, sehe ich plötzlich, dass ich eine Nachricht bei WhatsApp bekommen habe. Auf einmal hänge ich 20 Minuten am Smartphone, und wenn ich es wegstecke, weiß ich immer noch nicht, wie spät es ist.

Neben der Gewohnheit spielt auch sozialer Druck eine Rolle. Arbeitgeber, Freunde – alle erwarten eine schnelle Antwort …

Soziale Netzwerke arbeiten mit perfiden Mechanismen, um diesen sozialen Druck zu erhöhen. Ein klassisches Beispiel ist die Doppelhakenfunktion bei WhatsApp: Ich habe gesehen, dass du meine Nachricht gelesen hast – wieso antwortest du mir nicht? Meiner Ansicht nach führen die Anbieter solche Dinge ein, um den Traffic auf ihrer Plattform zu beschleunigen und erhöhen.

Ein anderer bedeutsamer Mechanismus ist auf Facebook zu finden: Eine Motivation, die Plattform zu besuchen, ist die Erwartung von positivem Feedback in Form von Likes. Einen Daumen nach unten gibt es nicht. Damit könnten Nutzer entsprechend signalisieren, dass sie beispielsweise Hate Speech nicht tolerieren. Meines Erachtens gibt es den Daumen nach unten nicht, weil sich die Nutzer dann weniger wohl auf Facebook fühlen würden. Wer will schon negatives Feedback bekommen? Das würde den Traffic reduzieren, Facebook würde weniger Daten bekommen und könnte weniger Geld verdienen. In diesem Kontext müssen wir dringend über das gängige Bezahlmodell von Silicon Valley nachdenken: Den Nutzern der meisten Internet-Plattformen wird vorgegaukelt, sie bekämen etwas umsonst. Der Service ist aber nicht umsonst – wir zahlen mit unseren Daten, und die Plattformen sind so konzipiert, dass wir möglichst viele Daten generieren. Wäre es da nicht besser, einen Betrag wie 2,99 Euro pro Monat für einen solchen Service zu zahlen und dann die Gewissheit zu haben, dass die Daten lediglich für die Verbesserung des Service, nicht aber für Wahlkampf-Manipulationen oder eine andere Beeinflussung der Nutzer verwendet werden?

Neben der Tatsache, dass wir mit unseren Daten bezahlen, generiert das Digitale auch viel Stress. Sind analoge Menschen vielleicht glücklicher?

Nein, das würde ich so generell nicht sagen. Außerdem scheint mir das eine theoretische Frage zu sein: In Deutschland nutzen knapp 82 Prozent der Menschen das Internet. Der Rest werden zu einem großen Teil Kleinkinder und sehr alte Menschen sein. Alles dazwischen hat zumindest einen Internetanschluss, meist auch ein Smartphone. Es gibt kaum noch Menschen, die vollkommen analog leben.

Wie passen wir unsere Umwelt an dieses Nutzungsverhalten an?

Mittlerweile werden für Smartphone-Nutzer sogar städtebauliche Veränderungen vorgenommen. Köln und Augsburg testen gerade sogenannte „Smombie“-Ampeln. Sie sind an Bahnhaltestellen in den Boden gelassen und strahlen den Smartphone-Nutzer von unten an, wenn die Bahn kommt. In den USA, in New Jersey, kriegt man sogar einen Strafzettel, wenn man als Fußgänger SMS-schreibend über die Straße geht.

Würden Sie sich so etwas auch für Europa wünschen?

Ich glaube, dass das schnell zu Überregulierung führen kann. Eigentlich sollten wir auf unseren Menschenverstand vertrauen. Das ist aber schwierig, da unser Verhalten besonders in Bezug auf das Smartphone sehr überlernt ist – wir sind uns der eigenen Nutzung nicht mehr gewahr. Wenn ich Sie jetzt frage, wie oft Sie Ihr Smartphone seit vergangenem Mittwoch genutzt haben, dann haben Sie nur eine ungefähre Ahnung. Wir nehmen diese Zeit verzerrt wahr. Unsere Messungen haben gezeigt, dass ein durchschnittlicher Smartphone-Besitzer sein Gerät täglich etwa zweieinhalb Stunden nutzt – und zwar in direkter Interaktion. Wenn wir das auf die Woche hochrechnen, ist das fast ein kompletter Tag. Diesen kompletten Tag könnten wir alle sicherlich sinnvoller nutzen – um uns weiterzubilden, mit Freunden treffen und nicht zuletzt, um mehr Zeit mit unseren Kindern zu haben.

Das klingt jetzt aber doch recht pessimistisch.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein genereller Technologiekritiker. Wir brauchen Digitalisierung, aber wir müssen sie gut steuern, damit sie unsere Gesellschaft verbessert. Auf einer individuellen-gesundheitspsychologischen Ebene bis hin zu einer gesellschaftsrelevanten-politischen Ebene. Die Probleme, die Digitalisierung mit sich bringt, sehen wir gerade in vielen Bereichen.

Wir müssen uns aber zugutehalten, dass uns die Digitale Revolution völlig überrollt hat. Sie überrollt uns immer noch und wir hinken in vielerlei Hinsicht hinterher ohne einmal kurz innehalten zu können und ausreichend Zeit für die Beantwortung von Fragen zu haben wie: Wohin soll uns das alles bringen? Diese Debatte brauchen wir ganz dringend. Die Zeit lässt sich aber auch nicht zurückdrehen, und unsere moderne Gesellschaft ist auf eine gut funktionierende digitale Infrastruktur angewiesen. Ich persönlich möchte nicht ohne Skype leben, wenn ich mehrere Monate in meinem Labor in China verweile und sonst nur schlecht Kontakt zu meiner Frau und Tochter halten könnte. Trotzdem sind viele Konzerne mittlerweile so groß geworden, dass eine gewisse Regulierung notwendig wird. Davon bin ich überzeugt.

Interview: Eliana Berger

 

 

Digitalisierung und unser Gehirn

 

 

 

 

Prof. Dr. Christian Montag ist Leiter des Lehrstuhls für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm und Gastprofessor an der chinesischen Universität UESTC. Er forscht verstärkt zu den Auswirkungen digitaler Prozesse auf den Menschen. Ende 2017 veröffentlichte er zu diesem Thema das Buch „Homo Digitalis“.

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