Magazin, Vol. 4: Klima im Wandel
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„Die Menschen haben schon lange geglaubt, dass sie das Klima ändern können“

Sayler/ Morris

Glacial, Icecap and Permafrost Melting LIV: Carabayllo, Lima, Peru, 2008 © Sayler/Morris

Antike, Kolonialisierung, Industrialisierung – Die Geschichte der Klimawissenschaft

 

Historiker sind Experten darin, die Vergangenheit zu rekonstruieren, aber im Falle des Klimawandels haben sie eine kritische Rolle darin gespielt, die Gegenwart zu verstehen. In seinem Interview mit 42 erklärt Dr. Richard Staley, wie Historiker die Klimawissenschaft verändert haben und wie Klimawissenschaftler die Geschichte des Klimas gestaltet haben. Er legt nahe, dass wir die historischen Kräfte, die Kohlenstoff-Wirtschaften hervorgebracht haben, sowie den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Klimawandel anerkennen müssen.

Dr. Richard Staley – wir sehen den Klimawandel oft als ein streng wissenschaftliches Problem – aber Sie haben argumentiert, dass Klimawissenschaftler auch eine Art Historiker sind. Inwiefern ist der Klimawandel ein historisches Thema?

Auf der einen Seite haben Klimawissenschaftler die Geschichte des Klimas selbst neu geschrieben. Im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert haben Klimatologen das Klima als nicht viel mehr als „durchschnittliches Wetter“ betrachtet. Die Wissenschaftler erkannten, dass solche Mittelwerte sich verändern könnten, aber nur allmählich. Sie wussten, dass es einmal Eiszeiten gegeben hatte, und haben schon versucht, diese zu erklären. Eiszeiten sind Perioden der globalen Abkühlung und Vergletscherung, die mehrfach in der Geschichte der Erde aufgetreten sind. Die letzte umfasste den Zeitraum von vor etwa 115.000 bis vor etwa 11.700 Jahren.

Also haben Klimawissenschaftler in den Anfangszeiten eher nach Beweisen für eine globale Abkühlung als eine globale Erwärmung gesucht?

Ja. Im frühen 20. Jahrhundert war es viel wichtiger, Beweise für Eiszeiten zu finden, und manche der Messungen, die ihre Studien produziert haben, sind auch für heutige Wissenschaftler nützlich. Zu diesem Zeitpunkt dachte man, dass Rückkopplungsschleifen und die Zirkulation von Kohlenstoff zwischen der Erdatmosphäre, den Ozeanen und der Erde wichtig für das Verständnis der Entstehung der Eiszeiten sein könnten. Nach dem zweiten Weltkrieg gewann die Akkumulation von Kohlenstoff durch die Industrialisierung eine wichtigere Rolle, aber sie wurde immer als Teil eines komplexen Netzwerks von Naturerscheinungen verstanden, das unter anderem die Aufnahme von Kohlenstoff durch die Ozeane und andere Faktoren beinhaltete. In den 1970ern begannen Klimawissenschaftler damit, diese ganzen Informationen aus den „natürlichen Archiven“, wie zum Beispiel Meeresbodensedimente, Eisbohrkerne und gefrorene Pollen, zusammenzubringen, um langfristige Berichte über vergangene Klimaveränderungen zu entwickeln. In den 1980ern und 1990ern wurde klar, dass es unglaublich schnell zu solchen Veränderungen kommen konnte. Durch die Untersuchung dieser „natürlichen Archive“ hat die Wissenschaft unser Verständnis der Geschichte des Klimas verändert.

Geschichtswissenschaftliche Methoden wie die Analyse natürlicher Archive und historischer Quellen haben die Klimawissenschaft also mit gestaltet?

Das ist richtig, und diese Art von Belegen haben mathematische Klimamodelle beeinflusst. Nach dem zweiten Weltkrieg begannen Meteorologen damit, neue Computertechnologien zu benutzen, um, basierend auf den Konzepten von „durchschnittlichem Wetter“, zu versuchen, zukünftige Klimata vorherzusagen. Sie haben Modelle, die ursprünglich nur ein paar Tage vorhersagen konnten, auf Jahrzehnte und Jahrhunderte ausgeweitet. Historische, empirische Belege haben die Wissenschaftler gezwungen, mathematische und computerbasierte Modelle zu entwickeln, die nicht nur mit langfristigem, sondern auch mit plötzlichem Wandel umgehen konnten.

Was ist mit Archivmaterial, zum Beispiel meteorologischen Beobachtungen, die zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert auf Schiffen gemacht wurden?

Dieses Material ist extrem wichtig gewesen. Wetteraufzeichnungen wurden früher häufig gemacht, da sie kritisch für den Transport und die Landwirtschaft waren. Sie sind zur gleichen Zeit alltäglich und helfen uns in ihren Extremen dabei, die Auswirkungen großer Ereignisse wie der katastrophalen Eruption des Tambora-Vulkans 1815 zu verstehen. Auf Schiffen wurden vom 16. bis ins 19. Jahrhundert Messungen angestellt, die oft lange Zeit in Archiven verstaubten. Wissenschaftler und Historiker haben sich diese Aufzeichnungen angeschaut und versucht, sie in ihre Modelle des Klimawandels miteinzubeziehen. Diese Arbeit ist zwar schwierig, aber faszinierend, da sie zu sehr interdisziplinärer Arbeit geführt hat.

Und wie sieht es mit der anderen Seite aus – der Geschichte des Klimawandels? An welchem Punkt hat der anthropogene Klimawandel laut Wissenschaftlern und Historikern begonnen?

Das ist ein Thema, das ständig diskutiert wird. Manche Forscher haben dies sehr weit zurückdatiert, zum Beispiel Bill Ruddiman. Er hat entdeckt, dass die Kohlenstoff- und Methankonzentrationen in Eisbohrkernproben von den normalen Mustern in den Zwischeneiszeiten vor etwa 7000 bis 8000 Jahren abwichen.

Etwa dann, als die Landwirtschaft entstand?

Genau. Ruddiman fragte sich, was die Veränderung herbeigeführt haben könnte, und spekulierte, dass die erste Landwirtschaft viel weitverbreiteter gewesen sein könnte, als wir bis dato geglaubt hatten. Seine frühe anthropogene Hypothese beschreibt, dass Praktiken wie die Brandrodung einen viel größeren und umfangreicheren Einfluss auf das Klima gehabt haben könnten, als wir dachten. Die Idee, dass die Landwirtschaft das Klima verändern könnte, ist eigentlich sehr alt.

Wie weit geht dieses Denken zurück?

Bis zu den alten Griechen, aber besonders ins 16. und 17. Jahrhundert, während der Kolonisierung Amerikas. Thomas Jefferson dachte, dass die verstärkte Intensität des Windes an der Küste ein Resultat davon sei, dass die Kolonisten Bäume fällten. Er dachte, dass eine Veränderung der Landschaft das Klima verändern würde und dass man solche Veränderungen untersuchen sollte. Das zeigt etwas, das oft vergessen wird, wenn man über den Klimawandel spricht. Wir denken, dass er beispiellos ist. Es ist richtig, dass die Geschwindigkeit des Wandels und die Idee, dass das Klima sich weltweit verändern könnte, beispiellos sind, aber die Menschen haben schon lange geglaubt, dass sie das Klima ändern können, indem sie die Umwelt verändern.

Sie haben zwei einzigartige Faktoren des Klimawandels der vergangenen Jahre identifiziert: Seine globale Natur und seine beispiellose Geschwindigkeit. Wann haben diese Veränderungen angefangen?

Das würde den Beginn von dem, was Klimatologen als Anthropozän bezeichnen, markieren. Im Jahr 2000 war Paul Crutzen bei einer Konferenz, und die Delegierten sprachen über das Holozän, die geologische Ära, von der man einst ausging, dass wir uns in ihr befänden. Crutzen irritierte dieser Begriff, und er schlug einen neuen vor. Laut ihm veränderten die Menschen das Klima so fundamental, dass wir eine neue geologische Ära definieren müssten – das Anthropozän. Zusammen mit seinem Kollegen Eugene Stoermer – der diesen Begriff bereits benutzte – veröffentlichte er eine Arbeit, in der er dieses Konzept definierte. Sie argumentierten, dass die Menschheit eindeutig auf verschiedene Weisen große Auswirkungen auf die Umwelt hatte: vom Aussterben bestimmter Arten über veränderte städtische Umgebungen, Meeresspiegel und das Klima. Die Arbeit setzte sich mit neun oder zehn Faktoren auseinander, und alle hingen mit der Menschheit zusammen.

Die Zusammenhänge sind so kompliziert, dass es unmöglich ist, eine einzige menschliche Ursache herauszuziehen. Aber eine bedeutende Ursache war die Industrialisierung. Die Entwicklung von Volkswirtschaften, die auf fossilen Brennstoffen basieren, war das wichtigste ursächliche Element hinter dem Anstieg der CO2-Emmissionen. Stoermer und Crutzen schlugen ungefähr 1800 vor. Ihr Vorschlag ist von Stratigraphen aufgenommen worden sowie von den Geisteswissenschaften. Andere haben sich für andere Daten ausgesprochen: Ein Beispiel ist 1492, da die anschließende Besiedlung der amerikanischen Kontinente in den darauffolgenden 100 Jahren den Tod so vieler Native Americans herbeigeführt hat, dass sie in Gegenden, die vorher beackert wurden, zum Neubewuchs von Wäldern geführt haben könnte, was wiederum zur Entstehung der Kleinen Eiszeit beigetragen haben könnte.

Das Jahr, in dem Kolumbus seine Reise begann, die ihn schließlich nach Amerika führte. Das ist ein kritischer Punkt. Oft denken wir an die Industrielle Revolution als Startschuss für den Klimawandel, und diese wird üblicherweise in Europa verortet. Aber natürlich hat diese Geschichte eine koloniale Seite.

Ja, und es ist wichtig, dass man sowohl die innere als auch die äußere koloniale Geschichte bedenkt. Die industrielle Revolution wurde von Kohle und Dampf befeuert, aber das Produkt, an der sie gedieh, waren Baumwolle und Textilien, und Baumwolle hat eine sehr klare koloniale Dimension: Baumwolle war eng mit dem Sklavenhandel verbunden.

Diese großen Plantagen in Amerika wurde auch durch das massive Roden von Wäldern und anderen CO2-absorbierenden Pflanzen ermöglicht.

Ja, und das resultiert in größeren CO2-Emmissionen. Aber der Kolonialismus hat auch viele Volkswirtschaften überall in der Welt in auf Kohle basierte, CO2 emittierende Volkswirtschaften verwandelt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Indien des 19. Jahrhunderts, wo britische koloniale Vermesser neue Kohlereviere gefunden haben, die sie ausbeuten wollten. Hier war die Frage der Arbeitskraft wichtig. Die britischen kolonialen Beamten mussten neue Wege finden, Einheimische zur Arbeit in den Minen anzulocken. Um das zu vollbringen, haben sie Eigentumsgesetze erlassen und gefordert, dass Pächter sich ihrer Pflichten gegenüber den kolonialen Landbesitzern durch Arbeit in den Minen entbinden. Auf diese Weise wurde eine Region, die vorher keine Kohle- und Dampfkraft genutzt hatte, in die Richtung einer Dampf- und Kohle-basierten Volkswirtschaft gezwungen.

Also könnte man argumentieren, dass Kolonialismus, Klima und europäischer Proto-Kapitalismus zusammenhängen?

Das tun sie, und das ist einer der Orte, wo die Notwendigkeit besteht, die Wissenschaften zu entkolonialisieren.

Wie könnte man die Klimawandel-Wissenschaft entkolonialisieren – oder hat eine Art Entkolonialisierung hier bereits stattgefunden?

Das ist eine sehr interessante Frage, die uns zu den institutionellen Strukturen der aktuellen Klimawissenschaften führt, und dazu, deren Effekte zu verstehen. Hier ist die Forschung von Anthropologen und Historikern, die mit Menschen wie den Inuit gearbeitet haben, wirklich wesentlich. Indigenen Völkern wird oft gesagt, dass sie wegen des Klimawandels ihre Lebensweise ändern müssen. Aber solche bürokratischen Maßnahmen beziehen indigene Völker nicht so sehr ein, wie man es gerne hätte. Besonders die Inuit haben ihre eigenen Erfahrungen damit gemacht, dass sich ihr Land als Reaktion auf das Klima verändert hat. Es ist klar, dass sich die arktischen Regionen viel schneller verändern als der Rest der Welt, und die Inuit arbeiten kontinuierlich daran, sich an diese Veränderungen anzupassen. Aber wenn die Bemühungen, dem Klimawandel zu begegnen, nur von Wissenschaftlern und Bürokraten außerhalb ihrer Gemeinschaften kommen, die fordern, dass sie ihre Lebensweise ändern, dann werden sie schlicht nicht so effektiv sein. Die Wissenschaft muss damit anfangen, die Inuit, ihr Wissen und ihre Kultur viel ernster zu nehmen.

Die Klimawissenschaft zu entkolonialisieren bedeutet auch, für die Bedürfnisse von ehemals kolonialisierten Ländern aufzukommen, die womöglich mit einigen der schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert sein werden.

Durch die Bemühungen der Wissenschaftsgemeinschaft und des IPCCs – des Intergovernmental Panel on Climate Change – hat die Entkolonialisierung hier bereits auf eine gewisse Art stattgefunden. Die meisten Wissenschaftler in diesem Panel kommen aus westlichen Ländern – insbesondere aus Großbritannien, Deutschland, Skandinavien, Frankreich und den USA. Als diese Wissenschaftler in den 1970er und 1980er Jahren realisierten, dass der Klimawandel ein fundamentales globales Phänomen sein könnte, versuchten sie, ihre Regierungen dazu zu bringen, sich mit ihm zu beschäftigen. Von Anfang an haben sich die USA dafür eingesetzt, eine internationale Organisation für die Untersuchung und die Regulierung des Klimawandels zu gründen, zum Teil weil sie die Verantwortung nicht allein tragen wollten!

Die USA halfen, das IPCC zu finanzieren, welches versuchte, eine wissenschaftliche Untersuchung der globalen Erwärmung durchzuführen und dabei die enormen sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen miteinzubeziehen. Es etablierte Strukturen, um zwischen lokalen Begebenheiten und dem Bedarf nach wissenschaftlicher Untersuchung zu vermitteln. In diesem Rahmen haben auch Entwicklungsländer die Möglichkeit gehabt, ihre Perspektiven zu artikulieren. Wesentlich ist, dass in den frühen 2000ern einige von ihnen dafür plädierten, dass wir nicht nur die Temperatur, sondern auch Kohlenstoffkreisläufe im Boden und in der Vegetation berücksichtigen müssen sowie den steigenden Meeresspiegel. Durch diesen Rahmen ist es zu einer Entkolonialisierung der Wissenschaftsgemeinschaft und der Klimamodelle gekommen.

 

„Der Anstieg der globalen Temperaturen ist zerstörerisch für landwirtschaftliche Gemeinschaften“

 

Also hat ein internationaler Rahmen dazu geführt, dass Entwicklungsländer ihre Sichtweisen auf dieses Thema artikulieren konnten. Aber hat es historisch gesehen in der Klimapolitik Spannungen zwischen globalen und lokalen Kräften gegeben? Gibt es einen Weg, wie die Expertise von Völkern wie den Inuit in die Diskussionen über den Klimawandel eingebracht werden kann?

Leider wurden lokale Perspektiven oft mehr marginalisiert, als sie es sein sollten. Im Mittelpunkt der größten Probleme, mit denen wir in den nächsten Jahrzehnten konfrontiert sein werden, steht, dass wir ein genaues Verständnis des Klimawandels entwickeln müssen, das auf die soziale Umgebung abgestimmt ist, in der ihm begegnet wird. Ein frühes Beispiel ist die Regionalstudie des Arctic Climate Impact Assessment von 2005, die mein Kollege Michael Bravo sehr gut in einem wunderbaren Artikel von 2009 beschrieben hat. Studien des Klimawandels müssen an individuellen Orten durchgeführt werden, Ort für Ort. Der Anstieg der globalen Temperaturen ist zerstörerisch für landwirtschaftliche Gemeinschaften. Der Anstieg der Meeresspiegel bedroht Küstenstädte. Auf all das muss einzeln eingegangen werden.

Denken Sie, dass die Kolonialmächte wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Portugal, Nordamerika und verschiedene andere Verantwortung dafür tragen, ihre Komplizenschaft in dieser Geschichte anzuerkennen und damit umzugehen?

Die Frage nach der historischen Gerechtigkeit ist wirklich wichtig, aber die Wortwahl „Komplizenschaft“ muss historisch verstanden werden. Wir wissen jetzt Dinge, die im 19. und 20. Jahrhundert nicht bekannt waren. Wir kennen die Bedeutung von Kohlenstoff für den Klimawandel, und dass Dampfmaschinen viel mehr CO2 produzieren als Tier-, Menschen- oder Wasserkraft. Wir müssen den Zusammenhang zwischen Klima und Kohlenstoffdioxid untersuchen und auch die historische Umgebung, in der die Kohlenstoffwirtschaft entstanden ist.

Dennoch müssen wir den historischen Zusammenhang zwischen Arbeitskraft, Klima, Wissen und der Wirtschaft berücksichtigen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Entwicklung von kohlenstoffbasierten Wirtschaften, mit oder ohne Wissen über CO2 und den Klimawandel, zum Klimawandel geführt hat. Im Westen müssen wir die Verantwortung dafür übernehmen, unseren CO2-Verbrauch zu senken und solche Beziehungen zu Menschen in verschiedenen Gegenden aufzubauen, die sie zu Meistern ihres eigenen Schicksals machen.

 

„Historiker verfügen über wesentliche Fertigkeiten, um die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen“

 

Die Geschichtswissenschaft kann uns dabei helfen, die Kräfte zu verstehen, die zum anthropogenen Klimawandel geführt haben. Aber kann sie uns auch dabei helfen, den Klimawandel zu bekämpfen?

Historiker verfügen über wesentliche Fertigkeiten, um die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen. Die Geschichtswissenschaft befasst sich mit den damit verbundenen vielseitigen Beziehungen und wie diese mit verschiedenen Fachgebieten zusammenhängen, die integriert werden müssen, wenn man ihn angeht. Wissenschaftler spielen eine herausragende Rolle darin, dem Klimawandel zu begegnen, aber ihr Wissen ist oft hochspezialisiert. Historiker sind Experten darin, verschiedene Arten von Wissen zusammenzubringen und die darin impliziten sozialen Beziehungen zu verstehen.

Also ist die Geschichtswissenschaft wesentlich darin, verschiedene Perspektiven – soziale, politische, ökonomische, wissenschaftliche – zusammenzubringen, wenn wir über den Klimawandel nachdenken.

Ja, und eine Art, darüber nachzudenken, ist, einige der wichtigsten Kontroversen in der Geschichte des Klimawandels zu untersuchen, wie es die Historiker Naomi Oreskes und Eric Conway getan haben. Oreskes hat die Art, wie die Wissenschaftsgemeinschaft sich selbst sieht, verändert. Eine der größten Fragen, die die Klimaskeptiker in den frühen 2000ern aufgeworfen haben, war, ob es einen wissenschaftlichen Konsens darüber gibt, dass die globale Erwärmung anthropogen ist. Die Skeptiker haben argumentiert, dass die Idee, dass es einen Konsens über den Klimawandel gibt, eine Falschdarstellung der Wissenschaft sei, und dass das Thema noch nicht erledigt sei.

Wie hat Oreskes diese Sicht infrage gestellt?

In einer Arbeit von 2004 hat Oreskes ungefähr 1000 in Peer Reviews überprüfte wissenschaftliche Artikel zu Themen untersucht, die mit der globalen Erwärmung zusammenhängen, um zu bestimmen, ob sie annahmen, dass der Klimawandel anthropogen ist. Sie argumentierte, dass sie es fast alle taten. Das stellte die Klimaskeptiker auf eine Bewährungsprobe. Hier hat eine Historikerin eine Perspektive der Wissenschaftsgemeinschaft aufgezeigt, die der Wissenschaftsgemeinschaft dabei half, sich selbst zu verstehen und Fragen des Klimaskeptizismus anzugehen. Später haben sie und Eric Conway wichtige Einblicke in die langfristigen Strategien von Klimaskeptikern gewährt sowie in die Beziehungen zwischen ihnen, dem Skeptizismus mit Bezug auf das Ozonloch und darüber, dass Tabak zu Krebs führt.

Ist das ihr berühmtes Buch Merchants of Doubt (dt. Händler des Zweifels)?

In der Tat. Es ist ein fantastisches Buch, das das Hauptargument im Titel führt: Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming (dt.: Händler des Zweifels: Wie eine Handvoll Wissenschaftler die Wahrheit über Themen vom Tabakrauch bis zur globalen Erwärmung verschleierte).

Sie und Conway zeigten, wie eine kleine Gruppe einflussreicher Wissenschaftler, die wichtige Positionen in Komitees zum Ozonloch, Tabakrauch sowie zur globalen Erwärmung innehatten, fast immer dafür plädierten, dass die Wirtschaftsfreiheit gefördert werden müsse. Entscheidend ist, dass sie argumentierten, dass die Wissenschaft nicht hinter diesem Ziel stand. Oreskes und Conway haben die strategische Arbeit und die Werbung, die dahinterstand, aufgezeigt.

Also müssen die Ideen von Klimaskeptikern in ihre jeweiligen sozioökonomischen Kontexte platziert werden?

Ja, aber wir können die Analyse von Oreskes und Conway auch noch einen Schritt weiterführen. Die meisten Kommentatoren sind an Skeptiker als Menschen herangegangen, die die Wissenschaft disqualifizieren wollen. Das ist wahr und ein wichtiges Element der Vorgehensweise von Skeptikern. Aber sie wollen nicht die Wissenschaft komplett disqualifizieren. Einige der wichtigsten unter ihnen berufen sich gerade auf ihren Status als Wissenschaftler, um ihre Argumente zu präsentieren.

Aber viele dieser Wissenschaftler sind nicht unbedingt Experten auf den Gebieten, die sie kritisieren.

Sie haben recht, aber sie haben es geschafft, Berichte über die Gemeinschaft der Klimawissenschaft plausibel genug zu präsentieren, um ihnen politische Unterstützung einzubringen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Ich habe ein Konzept namens „parteiisches Wissen“ entwickelt, um das zu adressieren. In manchen Kontexten treten Wissenschaftler Debatten als Anhänger bei. Das ist nicht nur ein Problem wissenschaftlichen Wissens, sondern ein viel breiteres, das davon abhängt, wie wir die Beziehungen zwischen Politik, Wissenschaft und wirtschaftlichen Themen verstehen. Sowohl Skeptiker als auch Wissenschaftler präsentieren ihr Wissen immer im Kontext der Gesellschaft, in der sie sich befinden. Klimaskeptiker verleugnen nicht nur die Klimawissenschaft, sie bieten auch konkurrierende Darstellungen über das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik sowie zwischen akademischen Experten und der Öffentlichkeit an: Wir werden die Quellen der Macht, die sie immer noch haben, nicht verstehen, wenn wir nicht diese andere Seite ihres Reizes für Konservative anerkennen.

Interview: Jules Skotnes Brown
Übersetzung: Charlotte Bander

 

 

Richard Staley

© Elisabeth Emter

Dr. Richard Staley ist Reader am Institut für Geschichte und Wissenschaftsphilosophie der Universität Cambridge. Er untersucht die Geschichte der Physik im weitesten Sinne und hat zur Geschichte der Relativität, des Klimawandels, der Anthropologie, der Astronomie und der Meteorologie publiziert.

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