Alle Artikel in: Vol. 1: Terrorismus

Editorial Ausgabe #1: Terrorismus

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Ausgabe Nummer 1 ist da! Das 42-Gründungsteam und ich sind voller Freude gemeinsam mit Ihnen und Euch das Erscheinen unseres neuen, gesellschaftspolitischen Interview-Magazins teilen zu dürfen. Vor einem Jahr haben wir, sechs junge Europäerinnen, beschlossen, dass wir uns mit zu simplen Erklärungen für komplexe gesellschaftliche Entwicklungen nicht länger zufriedengeben wollen. In einer immer schnelleren und komplizierter werdenden globalisierten Welt, nehmen wir häufig einfache Antworten an – selbst wenn sie falsch oder verkürzt sind. Tiefergehende Gegenpositionen zu finden, gestaltet sich oft schwierig und zwar aus zwei Gründen: Zum einen sind sie meist komplexer als populistische Parolen. Zum anderen ist die Kluft zwischen der Wissenschaftswelt und der breiten Bevölkerung gewachsen. Im Elfenbeinturm tummeln sich spannende und wichtige Erklärungsmodelle für die Themenkomplexe unserer Zeit. Die Zugänglichkeit zu diesen Informationen bleibt jedoch oft beschränkt, nicht zuletzt aufgrund überkomplexer Sprache. Wir finden, dass die Wissenschaft, die Aussagen über die Gesellschaft trifft, für die Bevölkerung auch zugänglich sein sollte. Deshalb trägt 42 dazu bei, diese Lücke zu füllen. Wir befragen Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, um komplexe, …

Terrorismus und Soziologie

„Terrorismus ist ein durch und durch soziales Phänomen.“ Dr. Daniel Witte, Käte Hamburger Kolleg „Recht als Kultur“, Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung 42: Herr Dr. Witte – ist Terrorismus ein Thema mit dem sich die Soziologie beschäftigen sollte? Daniel Witte: Terrorismus ist ein genuin gesellschaftliches Phänomen und damit auch ein Forschungsthema in der Soziologie. Das klingt im ersten Moment vielleicht fürchterlich trivial, ist es aber nicht. Der moderne Terrorismus ist in seinen Ursachen, seiner Struktur und Dynamik sowie seinen Effekten ein durch und durch sozialer Tatbestand. Wären Terroristen beispielsweise durchweg Psychopathen, so sollte die Soziologie handlungstheoretische Fragen vielleicht eher den klinischen Psychologinnen und Psychologen überlassen – die Frage danach, wieso sich Akteure unter spezifischen sozialen Bedingungen für den Einsatz terroristischer Strategien entscheiden, also eine soziologische Fragestellung, wäre dann gewissermaßen schon falsch gestellt. Aber genau das ist ja gerade nicht der Fall: Statistisch betrachtet sind Terroristen, das zeigt sich in Untersuchungen immer wieder, unglaublich normale Menschen. Der moderne Terrorismus tritt auch in sozialen Formen auf, die wir auch aus ganz anderen Bereichen kennen: als Organisation oder als …

Terrorismus und die Medien

„Man sollte die Bevölkerung einbeziehen, richtig informieren, aber keine Hysterie verbreiten.“ Prof. Dr. Caja Thimm, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 42: Frau Professor Dr. Thimm – was verstehen Sie unter dem Begriff Terrorismus? Caja Thimm: Terrorismus ist für mich die mit Gewalt belegte Aggression gegen staatliche Instanzen; gegen Personen, die diesen Staat repräsentieren oder Einrichtungen des Staates. Die RAF (Anm. der Autorin: Rote Armee Fraktion), die Morde an Jürgen Ponto oder Hans Martin Schleier – das sind meine frühen persönlichen Erinnerungen. Der aktuelle Terrorismus hat natürlich ein ganz anderes Gesicht. Er ist viel weniger persönlichkeitsorientiert und viel mehr auf symbolische Aktionen ausgerichtet.Heute geht es vor allem um weltanschauliche Themen und viel weniger um Staatsterrorismus, wie es früher der Fall war. 42: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung verstärkt mit Onlinemedien. Terrorismus gibt es schon sehr lange – soziale Netzwerke nicht. Wie machen sich Terroristen dieses neue Instrument zunutze?  CT: Terroristen agieren sehr intensiv, sehr professionell – teilweise auch mit westlicher Hilfe. Es gibt zum Beispiel britische und deutsche Onlinejournalisten mit sehr guten journalistischen Skills, die mit Al-Qaida …

Die Psychologie des Terrorismus

„Im Licht einer bestimmten Ideologie handeln Terroristen konsequent und durchaus rational.“ Prof. Dr. Rainer Banse & Michaela Sonnicksen, M. Sc., Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 42: Frau Sonnicksen, Herr Prof. Dr. Banse – wie ist Terrorismus in der Psychologie definiert? Michaela Sonnicksen: Es gibt keine einheitliche Definition, wie auch in anderen Disziplinen. Terrorismus ist das Endprodukt eines Radikalisierungsprozesses. Menschen, die sich radikalisieren, durchlaufen einen Prozess, nicht alle schaffen es bis zum Ende. Viele sind radikal, ohne zu Terroristen zu werden. Dazu werden Gruppen gezählt, die durch Aktionen anderen stark körperlich schaden möchten. Der Terrorismus setzt allerdings auf die psychischen Folgen der Gewaltanwendung, auf die Angst, nicht auf die körperlichen Folgen.Tyrannenmorde, Staatsstreiche, oder Guerillaaktionen werden allerdings ausgenommen. Die haben ein ganz klares Ziel: Vom Feind befreite Zonen zu schaffen. Terroristen haben das Ziel Angst zu schüren. Außerdem: Der Terrorist des einen, ist der Freiheitskämpfer des anderen. 42: Und warum wird jemand zum Terroristen? MS: Die Motivation kann ganz unterschiedlich sein. Es gibt aber bestimmte Faktoren, die Terroristen gemein haben: Zum Beispiel bekommen sie durch den Zutritt zu einer …

Terrorismus in der Geschichte

„Wir als Historiker wollen verstehen, warum Menschen in gewissen historischen Momenten terroristische Handlungsakte persönlich als legitim betrachten.“ Dr. Sebastian Gehrig, University of Oxford 42: Wie definieren Sie, Herr Dr. Gehrig, als Historiker Terrorismus? Sebastian Gehrig: Eine schwierige Frage! Da gibt es verschiedene Auffassungen. Für mich führt eine der jüngeren Erklärungen am weitesten, die Terrorismus als Form politischer Gewalt und als eine Art von politischer Sprache betrachtet. Kommunikationswissenschaftler haben sich sehr intensiv damit beschäftigt, wie terroristische Gruppierungen – sei es ethnischer Natur, Linksterroristen oder auch islamistische Terroristen – sich der Gewalt bedienen, um gewisse politische Forderungen oder Nachrichten zu kommunizieren. Davon hängt ab, welche Art von Anschlägen von terroristischen Gruppen gewählt, wie sie vorbereitet und wie sie inszeniert werden. 42: Also Terroristen als Sender einer Botschaft. Wie steht es um die Reaktionen auf diese Botschaft? SG: Dafür muss man Fragen stellen wie: Wer fühlt sich von Terrorismus angesprochen? Welche Arten von Reaktionen bringt er in der Bevölkerung hervor? Wie reagiert der Staat? Nicht nur in Bezug auf polizeiliche Gegenmaßnahmen, sondern auch bezogen auf die Darstellung der …

Islamwissenschaften und Terrorismus

Terrorismus und Islamwissenschaften

„Es geht um die Frage der heutigen Auslegung und Anwendung des Korans.“ Prof. Dr. Christine Schirrmacher, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 42: Frau Prof. Dr. Schirrmacher – was ist in Bezug auf den Islam Terrorismus? Christine Schirrmacher: Terrorismus ist in diesem Kontext die mit dem Islam begründete Ausübung von Gewalt gegen Andersdenkende. Diese Gewalt richtet sich übrigens besonders gegen Muslime: Weltweit sind sie am häufigsten Opfer von islamistischem Terrorismus – und nicht, wie man annehmen könnte, Nicht-Muslime. Ich würde darüber hinaus die Aburteilung von Muslimen als Ungläubige durch andere (extremistische) Muslime – den sogenannten takfir – als eine Form des geistigen Terrorismus bezeichnen. Dieser geistige Terrorismus führt zu Hass, Verachtung und Konflikten, im Extremfall zu Gewalttaten bis hin zur Tötung desjenigen, den man als minderwertig und weniger gläubig betrachtet als sich selbst. Das zeigen etwa die Aktivisten des sogenannten „Islamischen Staates“. 42: Der Islam ist europaweit zu einem dominanten Diskussionsthema geworden. Gerade nach Anschlägen und Verbrechen tritt er immer wieder in den Fokus – etwa die Frage nach seiner Rolle in unserer Gesellschaft oder seinem Gefahrenpotenzial. Was …

Terrorismus und Security Studies

„Wenn man sich also die Frage stellt, ob der ‚War on Terror‘ gewonnen werden kann, dann muss man diese Frage klar mit Nein beantworten.“ Prof. Dr. Julian Wucherpfennig, Hertie School of Governance 42: Herr Dr. Wucherpfennig – wenn wir heute über Terrorismus sprechen denken wir, aufgrund der Anschläge in den vergangenen Monaten, oft an den islamistischen Terror. Steht diese Wahrnehmung aus einer wissenschaftlichen Perspektive in Relation zu dem tatsächlichen Ausmaß der Gefahr? Julian Wucherpfennig: Nein, diese Wahrnehmung steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung. In zweierlei Hinsicht: Zum einen ist die objektive Bedrohung, die vom Terrorismus in Westeuropa ausgeht, minimal. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, in der eigenen Badewanne zu ertrinken, vom Blitz getroffen zu werden oder von umfallenden Möbeln erschlagen zu werden, als durch einen Terroranschlag umzukommen. Zweitens ist diese minimale Gefahr in keinster Weise höher als in der Vergangenheit. Terrorismus gab es in Westeuropa im größeren Ausmaß schon seit den 1960er und 70er Jahren zum Beispiel durch die Rote Armee Fraktion in Deutschland, die Euskadi Ta Askatasuna in Spanien, oder die Irish Republican …

Terrorismus und Soziale Netzwerke

„Wir brauchen eine digitale Antwort auf globaler Ebene.“ Kyle Matthews, Concordia University 42: Herr Matthews, warum ist die Dschihad-Propaganda in den Sozialen Netzwerken so erfolgreich? Kyle Matthews: Die Staaten besitzen kein Gewaltmonopol mehr und auch die Medien haben ihr Informationsmonopol verloren. Extremistische Botschaften wie die des Islamischen Staates können einfach über das Internet propagiert werden: „Wir erfüllen die Prophezeiung – Wir gründen ein Kalifat.“ Diese Botschaft unterscheidet den Islamischen Staat von anderen islamistischen Gruppen. Im Irak und in Syrien arbeiten sie an der konkreten Umsetzung dieses Ziels. Und sind dabei auch kreativ. Zum Beispiel hijacken sie Hashtags, wie es bei der Fußballweltmeisterschaft 2014 oder beim Deutsche Welle Global Media Forum 2015 der Fall war. Mit beliebten Hashtags verbreiten sie also ihre Ideologie. Dann machen sie gute Parodien und schaffen sich so Follower mit Humor. Auf diese Weise entstehen weltweit unglaublich viele Unterstützer, die die Ideologie verbreiten. So haben sie eine starke Verbindung zur Jugendkultur. Das macht den Islamischen Staat wahnsinnig stark. 42: Die Kämpfer des IS sehen sich vor allem als Gotteskrieger. Wie stellen sie …

Die Sprache des Terrorismus

„Was wir über Unkraut, Krebs oder Übel wissen, übertragen wir mental auf den Terrorismus.“ Prof. Dr. Daniela Pirazzini, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 42: Wie definieren Sie als Sprachwissenschaftlerin Terrorismus? Daniela Pirazzini: Das Wort ‚Terrorismus‘ leitet sich vom lateinischen Verb terrere ab, das ‚erschrecken‘, ‚aufschrecken‘, ‚in Schrecken versetzen‘ bedeutet. Mit dem Begriff Terrorismus bezieht man sich heute im Allgemeinen auf die Ausübung von gewalttätigen Handlungen, welche Angst und Furcht verbreiten. Aus einer sprachwissenschaftlichen, diskurslinguistischen Perspektive lässt sich die Bedeutung eines Wortes jedoch nur systematisch beschreiben, wenn man genau untersucht, wie das Wort in einer bestimmten Zeit in geschriebenen und gesprochenen Texten einer bestimmten Sprach- und Kulturgemeinschaft gebraucht wird – man denke etwa an die als Terreur, also als Terrorherrschaft bezeichnete Schreckensphase der Französischen Revolution, die zigtausende Opfer forderte. Die verschiedenen Aspekte der Bedeutung eines Wortes konstituieren sich immer im sprachlichen Diskurs, und zwar anhand der Verknüpfung mit anderen Wörtern im Text. Wenn zum Beispiel von la violence du terrorisme im Französischen und la violenza del terrorismo im Italienischen die Rede ist, lässt der Zusammenhang von fr. terrorisme/it. …

Terrorismus und die westliche Gesellschaft

„Wir brauchen eine Veränderung der sozialen Umgebung.“ Prof. Dr. Frank Furedi, University of Kent 42: Herr Prof. Dr. Furedi – würden Sie als Soziologe „Terrorismus“ nach dem 11. September anders definieren als davor? Frank Furedi: Das würde ich nicht. Ich finde, Terrorismus zu definieren ist immer problematisch, da es schwierig ist, Terrorismus von anderen Arten politischer Gewalt zu differenzieren. Ich lehne es ab, den 11. September als großes, herausragendes Ereignis zu sehen. Doch der Anschlag hatte definitiv eine Auswirkung auf die ganze Welt. Wir fühlen uns unsicher. Ganz allgemein gesagt ist das erste Ziel des Terrorismus, Angst und Schrecken zu verbreiten – und das nicht nur bei den direkten Todesopfern, sondern in der gesamten Gesellschaft. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Zweitens will Terrorismus eine Reaktion der Gesellschaft provozieren. Das ist sogar noch wichtiger als der Terrorakt selbst. Dem müssen sich die Leute bewusst werden.Aber diese Faktoren und Elemente sind heute ebenso wichtig wie zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit – auch schon vor dem 11. September. 42: Welches Gefühl, denken Sie, überwiegt nach einem Terroranschlag in …

Terrorismus, Gender Studien and Popkultur

“Nur weil man nicht direkt dort war, trägt man das Trauma mit sich und es wird Teil der eigenen Identität.“ Don Varn Lowman, MA, MBA, Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn 42: Don Lowman – Wie behandelt die Gender Forschung das Thema Terrorismus? Don Varn Lowman: Wir schauen zunächst einmal auf Identitäten. Wir können uns auch mit „Othering“ – Differenzierung und Distanzierung – beschäftigen. Bei diesem Phänomen definieren die Handlungen einer Person die Handlungen aller, was ein wichtiges Thema in der Gender Forschung und den Queer Studies ist. Die Queer Studies stellen die Idee einer einzigen Identität im Gegensatz zu einer wechselhaften Identität infrage. Das passt sehr gut zu dem was Judith Butler sagen würde – dass das Geschlecht sozial konstruiert wird. Was Terrorismus anbelangt, so würde ich darüber hinaus sagen, dass diese Identität, oder die Idee hinter manchen Religionen, sozial konstruiert ist. Terrorismus wird mit dem Islam in Verbindung gebracht. Von mehr als einer Milliarde von Muslimen weltweit sind nur etwa 0,0001 Prozent Terroristen oder unterstützen den Terrorismus. Die Handlungen dieser 0,0001 Prozent definieren nun den …