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Über Digitalisierung, Politik und Ethik: 3 Fragen an Philipp von Becker

Philipp von Becker

Photo: David von Becker

 

In seinem Buch „Der neue Glaube an die Unsterblichkeit. Transhumanismus, Biotechnik und digitaler Kapitalismus“ (Passagen Verlag 2015) beleuchtet Autor und Filmemacher Philipp von Becker unter anderem die Bestrebungen von Transhumanisten, Forschern und Superreichen, ewiges Leben zu erschaffen. Das Buch vermittelt eine in Teilen schaurig-reale Nah-Zukunft – und ihre Folgen für die Gesellschaft. Es widmet sich drängenden ethischen Fragen, die bislang von Politik und Gesellschaft kaum thematisiert werden. Philipp von Becker hat 42 Magazine drei Fragen zu seinem Buch beantwortet.

Herr von Becker, Ihr Buch „Der neue Glaube an die Unsterblichkeit. Transhumanismus, Biotechnik und digitaler Kapitalismus“ ist 2015 erschienen. Gibt es schon Bereiche, in denen Ihr Buch nicht mehr Prognose, sondern Realität geworden ist?

PB: Nur damit kein Missverständnis entsteht: Ich selbst habe keine Prognosen aufgestellt, sondern versucht, einige der Beweggründe für die Zukunftsphantasien der Apostel des Silicon Valley aufzuzeigen. Erst im Jahr nach Erscheinen des Buchs habe ich zum Beispiel von der mittlerweile wohl bekanntesten realen Umsetzung der Idee von „sozialer Physik“ gehört: dem geplanten chinesischen Sozialkreditsystem. Dies habe ich dann in einen Artikel, der auf einem Kapitel meines Buchs basiert, mit einbezogen. Aus westlicher Perspektive würde ich jedoch sagen, dass sich in den vergangenen Jahren vielleicht weniger das technisch Denk- und Machbare als vielmehr die Breite und Tiefe der Reflexion zu all diesen Fragen verändert hat. Eine Vielzahl an Publikationen und macht deutlich, dass wir alternative Wege jenseits des Überwachungskapitalismus à la Silicon Valley und eines digitalen Autoritarismus à la China beschreiten müssen, wenn wir Privatsphäre, Freiheit und Demokratie im 21. Jahrhundert rückgewinnen, bewahren und verwirklichen wollen.

42: Sie schreiben, dass mit der Aufklärung Freiheit gewonnen, aber bestehende Ordnung aufgelöst wurde und Gewissheiten verloren gingen. Versprechen technische Entwicklungen Antworten auf diesen Verlust?

PB: Technische Entwicklungen sind ein Hauptgrund für diesen „Verlust“! Und mit den neuen Freiheiten und Möglichkeiten der technisch-kapitalistischen (Spät)Moderne erleben wir gerade eine neue Phase der Auflösung von bestehenden Ordnungen und Gewissheiten, in der die stete Entgrenzung und Beschleunigung von Weltbeziehungen eben auch zu (gefühlter) Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht führt. Das ist wiederum ein maßgeblicher Grund dafür, dass wir gerade einen Rückfall in Versicherung und Halt versprechende Angebote von Religion, Nationalismus und Rassismus erleben. Das Verhältnis von Freiheit und Technik ist insofern immer dialektisch, also von einer Gegensätzlichkeit der Begriffe geprägt.

In unserem „Digitalzeitalter“ ergeben sich durch den Computer für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft einerseits bis dato ungeahnte Möglichkeiten, die enormes Befreiungspotential bieten und vor allem für die Wissenschaft ein goldenes Jahrhundert bedeuten könnten. Gleichzeitig entstehen aber auch vollkommen neue Mittel der Steuerung und Kontrolle sowie neue Abhängigkeiten. Klar ist: Technik an sich wird nicht unsere Probleme lösen. Es kommt immer auf die systemischen Bedingungen an, unter denen sie eingesetzt wird. Akutes Ziel einer sozialen und freiheitlichen Politik muss sein, dafür zu sorgen, dass die digitalen Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts weder von privaten Banken und Konzernen besessen und kontrolliert noch von staatlichen Bürokratien zu antidemokratischer und antifreiheitlicher Überwachung eingesetzt werden.

Und um noch einen Schritt weiterzugehen: Angesichts der neuen Freiheiten und Möglichkeiten und der damit einhergehenden Unsicherheiten braucht es kein rückwärtsgewandtes, sondern progressives politisches Angebot von Sicherheit. Es sollte primär auf Teilhabe und der Erfahrung von Selbstwirksamkeit begründet sein. Von Daten bis Wohnraum erleben wir deshalb gerade auch virulent die Frage nach Eigentumsverhältnissen und dem „commongood“. Dabei geht es nicht um eine vollständige Abschaffung von Privateigentum und  Marktwirtschaft – wie eine aufgeregte Springerpresse natürlich sofort proklamierte –, sondern im Gegenteil: Es geht um eine Diversifizierung von Eigentumstiteln im Sinne von Rechten und Pflichten an Gütern und Prozessen und um Mitbestimmung. Freiheit durch Sicherheit hieße in diesem Sinne nicht mehr Polizei, Militär und Überwachung, sondern mehr Partizipation, Chancengleichheit und Gerechtigkeit.

42: Wie könnte diese Reorganisation einerseits und ein stärkerer Fokus auf Partizipation andererseits konkret aussehen?

PB: Es gibt genug Ideen und Konzepte die zeigen, wie das Gemeinwesen in einer globalisierten Welt jenseits der vermeintlichen „Sachzwänge“ von Beschleunigungs-, Wachstums-, Innovations- und Profitmaximierungsimperativen neu gedacht und organisiert werden kann. Entscheidend ist die Frage der Umsetzung. Und hierzu bedarf es neuer Strukturen der Macht, Teilhabe und Entscheidungsfindung in Unternehmen, Institutionen und nicht zuletzt auch beim Staat.

Am dringlichsten scheint mir deshalb nicht nur eine Debatte über CO2-Steuern, Eigentumsverhältnisse und Entmachtung von Digitalmonopolen zu sein, sondern auch eine Debatte über eine Reform unserer repräsentativen Demokratie. Ein „bi-repräsentatives System“, bei dem eine Kammer des Parlamentes gewählt und die andere gelost wird, wie es etwa David Van Reybrouck in seinem Buch „Gegen Wahlen“ vorschlägt, könnte hier zum Beispiel ein vielversprechender Schritt sein. Mit den Mitteln und Methoden des 20. Jahrhunderts werden wir jedenfalls nicht unbeschadet durch das 21. Jahrhundert kommen.

Zumal festzuhalten ist, dass Digitalisierung im Rahmen unseres jetzigen Wirtschaftssystems schlicht eine weitere Intensivierung des Energie- und Ressourcenverbrauchs bedeutet. Inwiefern der Einsatz von (digitaler) Technik also dabei hilfreich sein kann, eine andere Werteordnung zu etablieren, die Privatsphäre und Biosphäre schützt, hängt davon ab, welche Werte und Ziele wir uns als Gesellschaft geben. Bevor man alles mit allem digital vernetzt, müsste deshalb immer zunächst das warum und wozu geklärt sein: Denken, Werte und Ziele first, Digitalisierung second.

Interview: Philipp Lehmann
Foto: David von Becker

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